Ein Daumenkinograf auf Wanderschaft

Volker Gerling lässt die Tradition des fahrenden Volkes wieder aufleben und zieht mit einem Bauchladen voller Daumenkinos von Ort zu Ort. Der selbst ernannte Daumenkinograf unterhält die Leute mit Ein-Zuschauer-Kino. Eigentlich hat der Neo-Landstreicher Regie und Kamera studiert, aber entdeckte dann die Schnittstelle zwischen Film und Foto für sich.

Er findet, dass man mit Daumenkinos die Zeit zwischen die Finger bekommt—sie lassen sich schnell, langsam, vorwärts und rückwärts ansehen. Die größere Faszination entwickelt sich für ihn aber aus den Lücken zwischen den Bildern, die in großen Filmen verschwiegen werden.Seitdem bastelt er seine eigenen Daumenkinos. Dazu fotografierte er eine Nacht lang den Mond über dem Berliner Dom, knipste ein ganzes Jahr über aus seinem Küchenfenster und verbrachte 21 Stunden seines Lebens auf dem Herrenklo. Orte, Menschen, Situationen sind der Stoff seiner Filme. So ein exklusives Daumenkino kann sich aber kein Schwein leisten und so entschloss er sich dazu, sie einfach vorzuführen. Das war der Beginn einer künstlerischen Landstreicher-Karriere. Auch wenn man damit nicht wirklich die Zeit anhalten kann, spannend ist es auf jeden Fall, diesem Typen mit Bauchladen zu begegnen, wenn er nach tagelangem Fußmarsch schwitzend und hungrig vor dir auftaucht und dir eine ganz persönliche Kinovorstellung unter vier Augen anbietet.

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VICE: Erzähl mal, wie bereitet man sich auf das Landstreichen vor? Taschen ausleeren und los geht’s?

Volker Gerling: Zunächst habe ich mir aus einem Tablett und einem Honigglas einen Bauchladen gebastelt. Das Tablett war für die Daumenkinos, das Honigglas für die symbolischen Austritte—wer mein Daumenkino ankuckt, der kann mir eine Spende geben. Bevor ich wirklich losgereist bin, habe ich in Berlin meine Daumenkinos gezeigt und bin immer wieder in meine kleine Wohnung zurück gekehrt. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich für eine echte Wanderausstellung auch mein Haus auf Dauer verlassen musste, um weiter zu ziehen.

Und wo bist du dann gelandet?

Die erste Reise dauerte drei Monate und führte mich von Berlin über München nach Basel—eine Strecke von 1.200 Kilometern, die ich zu Fuß und ohne einen Groschen in der Tasche zurücklegte. Am Anfang war es mir ein bisschen peinlich, mit meinen Daumenkinos unterwegs zu sein und so hielt ich mich nur auf öffentlichen Plätzen auf. Viele Leute haben mir aber gesagt, dass sie es ganz toll finden, einfach mit der eigenen Kunst auf die Straße zu gehen.

Und das hat dich dann dazu ermutigt, so richtig los zu legen?

Ja. Ich habe die Menschen direkt angesprochen, ging in Bars und Cafés. Und konnte schließlich auch davon leben, beziehungsweise weiterreisen, weil mir doch die eine oder andere Münze in mein Honigglas gelegt wurde.

So eine Daumenkinovorstellung ist ja sehr intim. Wie reagieren die Leute auf dein Angebot zum Tête-à-Tête?

Manchmal bin ich umringt von Leuten, aber meistens sind es Einzelvorstellungen. Die Leute auf dem Land können mit den Daumenkinos meist weniger anfangen als Städter, sind aber doch neugierig. Das führt dann oft dazu, dass sie die Daumenkinos selbst nicht anfassen, aber sie trotzdem sehen wollen. Also führe ich sie ihnen vor.

Du wirst bei deiner Tätigkeit also oft mit Berührungsängsten konfrontiert. Wurdest du denn auch schon mal beschimpft?
Viele halten mich für arbeitslos—wer soviel Zeit zum Spazierengehen hat, der kann wohl nicht viel Arbeit haben. Ich zeige meine Kinos ja auch in Kneipen vor Menschen, die mit Kunst eigentlich nichts am Hut haben. Einer hat mich einmal gefragt, ob ich studiert hätte. Über meine Antwort „ja” war er nicht besonders überrascht und meinte, dass sich auch nur studierte Leute so etwas Beklopptes ausdenken können. Ein anderer, Jean-Pierre, hat mich in Basel gefragt, ob ich eine Dusche brauche. Ich bin mit ihm mitgegangen, doch am Weg wurde er ziemlich anhänglich. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich doch nicht mit in seine Wohnung möchte. Es war mir unangenehm und ich wollte nicht, dass die Situation in eskaliert, weil er etwas falsch versteht. Daraufhin ist er wütend geworden und hat geschrieen, dass ich sowieso nicht sein Typ bin.

Die Daumenkinos werden auf der Wanderschaft nicht nur gezeigt, sondern die Zuschauer sind auch gleich zukünftige Hauptdarsteller, oder?

Ja, aber nicht allen sage ich das vorher. Meistens frage ich meine Protagonisten nur, ob ich ein Foto von ihnen machen darf. Die Menschen, die ich fotografiere, erwarten dann, dass ich ein bis zweimal abdrücke und werfen sich in Pose. Meine Kamera fotografiert allerdings drei Bilder pro Sekunde und das mit lauten Auslösegeräuschen. Jedes erneute Klicken überrascht meine Protagonisten und rüttelt sie regelrecht aus ihren Posen heraus. Die meisten von ihnen beginnen dann irgendwann, zu agieren—wahrscheinlich aus Verzweiflung darüber, dass ich einfach nicht aufhöre, sie zu fotografieren. Die Dinge, die die Menschen in diesen Momenten von sich zeigen, sind vollkommen ungeplant, uninszeniert und entstehen aus dem Moment heraus. Ich empfinde diesen Moment als sehr wahrhaftig und poetisch. Ich glaube, dass ich mit diesen Bildern einen Teil des Charakters der Menschen, die ich fotografiert habe, entblättern kann—im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie sieht so ein Motiv aus?

Friederike zum Beispiel. Sie zog sich vor mir aus. Die traf ich in einer Bar und zeigte ihr ein erotisches Daumenkino. Daraufhin fragte sie mich, ob ich nicht auch ein erotisches Daumenkino von ihr machen möchte. Weil sie sich in der Bar so wohl fühlte, entblößte sie sich gleich an Ort und Stelle. Oder Alfred aus Berlin. Er hat mir über seinen Gartenzaun nachgerufen, was ich mit dem ganzen Gepäck vor habe. Spontan hat er mich in sein Haus eingeladen. Er hat mir das Bett gezeigt, in dem seine Frau gestorben ist.

Das Bett der toten Frau? Hmmm…

Naja, das passt zu der Situation eines einsamen alten Mannes, der selten Besuch bekommt. Danach gab er mir einen Schnaps aus und zeigte mir seine bunten Anzüge. Von ihm habe ich Fotos gemacht und er hat gemerkt, dass es sehr viele waren. Er sagte: Die Fotos, die se jemacht ham, bezahl´ ick ihnen. Ick hab´ jenuch Jeld. Ick hab´ in meinem Leben immer allet bezahlt.

Und diese Daumenkinos zeigst du, wenn du wieder zu hause und nicht gerade auf Wanderschaft bist?

Aus meinen Wanderschaften mache ich ein Bühnenprogramm, in dem ich über meine Fußmärsche berichte. Die auf den Reisen entstandenen Daumenkinos durchblättere ich vor einer Videokamera und mittels Videobeamer sieht das Publikum sie dann auf der Leinwand. So wird aus Daumenkino Daumenkino-Kino. Dabei erzähle ich von meinen Begegnungen und von den Geschichten der Menschen, die ich getroffen habe. Diesen Menschen wäre ich sonst wohl niemals in meinem Leben begegnet.

ULRIKE GRABLER

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