
Sit Down And Sing II mit Wolke, Kristofer Aström, Maria Taylor
Live im Palais der Kulturbrauerei, Berlin, 23.01.07
Foto: Kristofer Aström and Maria Taylor
„Sit Down And Sing” – setz dich nieder und singe. Oder wohl eher: setz dich nieder, wenn gesungen wird. Der programmatische Hintersinn dieser Veranstaltung zeigt sich unmittelbar, nachdem sie begonnen hat. Es ist ratsam, sich schnellstmöglich einen Sitzplatz zu suchen, man könnte andernfalls von der Darbietung auf der Bühne umgehauen werden. Man könnte vor allem vom unterirdischen Rezitationssingsang umgehauen werden, mit dem Wolke jede etwaige Abneigung gegenüber deutschsprachiger Musik mutwillig herausfordert.
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Man könnte von der Dreistigkeit umgehauen werden, mit der sich dieser
Typ ein C&A-Sakko um den Schmerbauch knöpft, in prätentiösen
Anspruchsgesten und bedächtigen Schritten über die Bühne schreitet und
meint, allein dadurch würde niemand die Abwesenheit von Talent
bemerken. Bei Wolke ist nichts außer Geste. Nichts außer Form. Außer er
selbst. Ich habe in einer der letzten Ausgaben schlechte Dinge über das
aktuelle Virgina Jetzt!-Album gesagt. Während es sich immer finsterer
bewölkt (das musste sein), fühle ich mich fast ein bisschen schlecht
deswegen. Virginia Jetzt! reden um die Belanglosigkeit ihres Tuns nicht
herum, sie führen Belanglosigkeit wenigstens konsequent zu Ende und
können Dank ihrer Konsequenz zumindest mit Belanglosigkeit die Miete
zahlen und sechzehnjährige Mädchen aufsammeln. Wolke hat ganz andere
Interessen. Er will ernst genommen werden. Er will sagen: „Seht her,
ich nehme Gesangsstunden.” Und kann trotzdem nicht singen. Er will
sagen: „Ich besuche die Sprecherziehung.” Und verpackt darum seine
lyrischen Belanglosigkeiten in gestelztem Duktus. Er will sagen: „Das
ist alles total E hier.” Und doch bietet seine Piano-umsäuselte
Peinlichkeit einen unfreiwilligen Unterhaltungswert. Irgendwann werden
dann sowohl Kristofer als auch Maria zu Duetten gezwungen. Es muss sich
für beide anfühlen wie für uns alle damals, als wir mit dem dicken,
hässlichen Kind aus der Nachbarschaft spielen mussten, weil die Eltern
keinen Beef mit seinen Eltern wollten. Mit diesem unausstehlichen,
arroganten Fatzken, der heimlich seine eigenen Popel frisst. Nur werden
Maria und Kristofer ihrerseits von ein paar hundert Leuten dabei
beobachtet, wie der dicke Typ neben ihnen öffentlich in der Nase bohrt.
Es ist dann aber schließlich überstanden und es ist erlaubt, es sich
tief gerührt auf seinem Sitzplatz bequem zu machen, während echter
Ausdruck auf der Bühne passiert. Kristofer Aström gibt das klassische
Singer-/Songwriter-Programm. Ein Mann, seine Dämonen und seine Gitarre.
Die wichtigsten Hits, einige unerwartete Höhepunkte, ein Auftritt
voller Demut.
Maria Taylor muss sich ihrerseits eigentlich nie sonderlich anstrengen,
um jedes Publikum vor ihr verliebt zu machen. Sie ist nicht ganz allein
auf der Bühne, aber natürlich richten sich alle Augen nur auf sie. Sie
ist so schön, dass niemand die relative Gewöhnlichkeit des Auftrittes
bemerkt. Der männliche Teil des Publikums ist verliebt, der weibliche
Teil, der mit dem männlichen zusammen vor Ort ist, wird (deswegen)
später guten Sex bekommen. Was will man mehr?
AR
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