Achtung, Vorsich! Berlin

Berlin feiert sich ja auch ganz gerne mal selbst. Und weil dieser großartige Lokalpatriotismus in der Kunstszene zum Selbstläufer geworden ist, haben zwei zugezogene Filmemacher das Berlin-Prädikat erfunden und sich zum strahlenden Messias erkoren. Hat funktioniert, Berlins Filmfestival ist mittlerweile hinlänglich bekannt und jetzt wirst du auch von uns mit unserem Achtung Berlin Rückblick gequält, bevor du dich am Wochenende wieder mit Grillfleisch vollstopfen darfst.

Der Achtung Berlin Film Award ist ein Filmfestival, das sich eine schöne neue Nische im deutschen Filmgeschäft dazu erfunden hat. Das ist einerseits eine gute Idee, weil den wenigen idealistischen jungen Filmmenschen selten die Gelegenheit gegeben wird, ihre Produktionen ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu schubsen. Die andere Seite der Medaille ist aber die Invasion der Selbstdarsteller, die jeden der ihnen über den Weg läuft, mit leerem Gerede langweilen, um einen Fuß im Geldschrank des deutschen Filmgeschäfts parken zu dürfen. Bei denen darfst du dich bei Gelegenheit übrigens mal dafür bedanken, dass deutsche Filme meistens genau so wenig originell sind, wie mittelmäßig teure Designerklamotten mit Chucks zu kombinieren und damit sagen zu wollen, dass man zwar schon seriös ist, aber auch jung und dynamisch und immer noch ein bisschen Punkrock im Herzen spazieren trägt. Und von dem Seidenschal will ich gar nicht erst anfangen.

Videos by VICE

Aber egal – eigentlich hast du ja genug Filme gesehen, die irgendwo in New York spielen und unrealistisch gut aussehende Menschen in verrückten Jobs arbeiten lassen, um sie nach einer dramaturgischen Höllenfahrt mit dem herzzerreißende Happy End zu belohnen, nicht wahr? Deshalb haben wir uns für dich auf vier Premieren mit Prosecco volllaufen lassen.

Film 1: Die letzte Lüge

Den Anfang macht der desaströse Musicalfilm Die letzte Lüge, dessen Auswahl als Eröffnungsfilm eines unabhängigen explizit lokalen Wettbewerbs wie ein Schlag in die Fresse kommt. Die Oster(!!!)Komödie ist ein grelles Tischfeuerwerk verreckender Pointen mit SAT1-Eventkino-Charme und der Regisseur Jonas Grosch kann sich vor Aufträgen vom Privatfernsehen wahrscheinlich gar nicht mehr retten. Ich glaube, der arme Mann wollte mit dem fingiert überspitzten Pathos irgendein Stilmittel misshandeln. Aber das beabsichtigte freche Augenzwinkern erinnert eher an eine nervöse Zwangsneurose. Sollten sich die Veranstalter des Festivals gedacht haben, diese singende Katastrophe sei die richtige Wahl für ein möglichst breites Publikum, ist das entweder eine massive Beleidigung für den Zuschauer, oder die Behauptung, das Festival habe sich nicht bloß zum Selbstzweck geschaffen, weil die Erfinder sonst arbeitslose Nullnummern wären, ist doch noch die allerletzte Lüge.

Film 2: Frontalwatte

Jakob Lass ist der Regisseur von Frontalwatte. Und als wir letztens die Aftershowparty des deutschen Filmpreis mit einem Guerilla-Konzert der Krautrockband Camera gesprengt haben, war er der einzige coole Typ der anwesenden Damen und Herren, der tatsächlich eingeladen war. Weil Jakob aber nicht nur weiß, wie man feiert, sondern auch, wie man Filme macht bei denen man nicht mit auswendig gelernten Dialogen und pathetischen Stilmitteln schikaniert wird, legen wir euch seinen Film ans Herz. Aber nicht bloß, weil wir uns revanchieren wollen, sondern weil er es wirklich verdient hat, ich mich nicht ärgern oder langweilen musste und weil der Film so aussah, als habe der Regisseur ein striktes Spaß-Spar-Verbot über seinem Set verhängt.

Film 3: Mauerpark

Just another Mauerpark-Film. Dennis Karsten hat sich mit einer Handkamera einen Sommer lang auf den überlaufenen Hippie-Parkplatz gesetzt und spricht mit Ghetto-Kids, Müllmännern, Musikern und überproportional vielen jonglierenden Weltverbesserern über ihre kreative Selbstverwirklichung und geplante Eigentumswohnungen. Die Musikauswahl ist etwas zu kitschig und der Ton ist etwas zu pathetisch – Mauerpark ist ein wunderbarer Freiraum für Kunst und leuchtende Hundescheiße, überwindet soziale Grenzen und vereint Idealisten aus der ganzen Welt in einem transzendenten Chaos ekstatisch tanzender Moleküle oder so. Ich glaube an eine wunderbare Zukunft.

Oh, aber dann ist da noch Frank, der nackte Rentner. Sieht aus wie Happy Buddha und legt sich mittags, wenn sich die Sonne von seinem Balkon verpisst hat, mit der Blumensprühflasche und Kippen auf irgendeine Wiese und kringelt mit Kuli in seiner Fernsehzeitung das Abendprogramm ein. Wenn ihr den mal irgendwo seht, bitte ganz herzlich von mir grüßen. Wie gesagt, ich glaube an eine wunderbare Zukunft.

Film 4: Der Mann, der über Autos sprang

Robert Stadlober, der kekswichsende Jungschauspieler mit der unverwechselbaren Jugendfilm-Visage ist erwachsen geworden und spielt jetzt Rollen mit mehr Substanz. In dem Film geht’s zu Fuß von Berlin nach Süddeutschland, um durch die Kraft des Gehens den herzkranken Vater seines besten Freundes zu heilen. Klingt das nicht fantastisch? Dieser Film ist der absolute Tiefpunkt meiner Auswahl und ertränkt den armen Zuschauer in einem Meer mittelmäßiger Metaphern und schrecklich plattgeprügelter Dialoge, die dir die Zehennägel aus den Schuhen sprengen. Und während ich also damit beschäftigt bin, meine Schuhe vor dem Schlimmsten zu bewahren, fing ich an eine kleine Liste von Dingen zusammenzustellen, die mich genau so wenig interessieren wie diese berechenbare Geschichte: mal sehen…öhm…eiweißbetonte Diäten, der Papst, der große Parteitag der Republikaner, die Kabbala und die Nahrungsvorschriften der Kabbala, Golf, Feng Shui, Recycling, BigBrother, eingelegter Hering, das Paris Hilton-Video und alles was damit zusammen hängt, was Robert Stadlober verdient, sämtliche Weißweinsorten der Welt, Jennifer Anistons Haare, sämtliche Ausgaben der Neon, sämtliche Kochshows, einfach alles auf der Welt und im Sonnensystem, einfach alles, einfach alles was existiert und zwar in der Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und in allen künftig noch zu entdeckenden Dimensionen…ach, und James Blake. Dann war der Film vorbei. Jessica Schwarz hat auch mitgespielt. Wenn man von Berlin nach Süddeutschland spazieren geht und einen Film darüber macht, kann man übrigens von mindestens drei Bundesländern Fördergelder kassieren.

Die Preisverleihung war charmant diffus und die Gewinner der ersten Preise haben sich ehrlich und mit echten Tränen über die abstrakten Blumensträuße gefreut. Eine Lady aus der Kritiker-Jury ist von der Bühne gefallen – ihr ist aber nichts passiert.

Thank for your puchase!
You have successfully purchased.