Vor ein paar Jahren saß ich vor einem Computer in Peking und betrachtete Fotos eines zeitgenössischen Fotografen, der Porträts aus der Qing-Dynastie als geschmackvollen Aktfotos inszeniert, als mich die Polizei überraschte. Jing Jing und Cha Cha (jingcha bedeutet „Polizei”) sind Chinas Internet-Polizisten, witzige Zeichentrickfiguren, die gemütlich über deinen Bildschirm spazieren, wenn du ganz zufällig über etwas stolperst, was du dir eigentlich nicht angucken solltest. Sie hatten eine Nachricht für mich: keine Pornographie. Es gab wie gewöhnlich keinen „Beschwerde”-Knopf, keine Möglichkeit Big Brother zurückzuschreiben, um ihm zu sagen, dass er dieses mal falsch lag, weil das hier überhaupt keine Pornographie war.
Aber das ist genau das, womit Ai Weiwei Fans jetzt auf dem Blog awwfannude begonnen haben, nachdem der Künstler, der es so liebt die Regierung zu hassen, wegen der Verbreitung von Pornographie—und zwar einem harmlosen Aktbild (siehe unten)—angeklagt wurde. Die Anklage wäre lächerlich geworden—so viel zeitgenössische chinesische Kunst, einschließlich Weiweis bisherigem Werks beinhaltet Aktbilder—wenn man sich nicht die Vorwürfe wegen Steuerhinterziehung ausgedacht hätte, durch die er ins Gefängnis gebracht wurde, in der Hoffnung ihn davon abzuhalten das chinesische Volk dazu zu verleiten, kritischer über Brutalität, Menschenrechte und Korruption zu denken. Was an diesem Punkt praktisch unmöglich ist, in Anbetracht der Tatsache, wie entschlossen er ist, zu reden (er hat gerade seinen Twitter Account wiederhergestellt, nachdem man ich dazu zwang, sich selbst zu löschen) und wie engagiert und zahlreich Ai Weiwei-Fans sind.
So engagiert, dass sie damit angefangen haben, Nacktfotos von sich selbst zu machen, unter der Überschrift „Nacktheit ist keine Pornographie”. Es ist eine schöne Art und Weise des Protest, nicht zuletzt weil man so selten Menschen in China sieht, die sich für die Öffentlichkeit ausziehen, sondern vor allem aus dem politischen und künstlerischen Aspekt. Das soll nicht heißen, dass diese Bilder immer schön anzusehen sind.
Im Mittelpunkt der ganzen Auseinandersetzung steht auch ein Fan-Foto. Letztes Jahr besuchten Ai eine Handvoll weiblicher Fans in seinem Studio; fröhlich schlug er ein Nackt-Portät vor, sie stimmten zu und Zhao Zhao, Ais Assistentin, machte das Foto. „Alle waren einverstanden, also haben wir es einfach gemacht und sie haben es ins Internet gestellt und das war’s, wir haben es wieder vergessen”, sagte er. Als er Anfang des Jahres schon mal festgenommen wurde, fragte die Polizei ihn über dieses Bildes aus. „Wenn man Nacktheit als Pornographie empfindet”, sagte er einer amerikanischen Nachrichtenagentur, „dann ist China anscheinend immer noch in der Qing Dynastie.”
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