Wir hatten die schwedischen Agent Side Grinder schon ein paar Mal live gesehen und waren tatsächlich immer einigermaßen beeindruckt. Zum einen, weil es kaum noch Acts gibt, die sich dermaßen hartnäckig gegen die Digitalisierung und Rationalisierung elektronischer Sounds zur Wehr setzen und ihre Bühne jede Nacht in ein vintage Synthesizer-Museum verwandeln.
Zum anderen, weil sie nebeneinander so uneinheitlich aussehen, als hätten sie nichts miteinander gemeinsam außer das Ziel, jede Nacht ihren Maschinenpark an die Leistungsgrenze und ihr Publikum zum schwitzen zu bringen. Es war an der Zeit, ihnen endlich ein paar Fragen zu stellen.
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Vice: Hat euch schon mal jemand gesagt, dass ihr ausseht wie so eine Art alternative Boyband?
Johan: Haha, ja, das bekommen wir öfter zu hören.
Seht ihr es eher als Vorteil oder als Nachteil nicht augenscheinlich einer Szene anzugehören?
Johan: Wahrscheinlich ist es beides. Es fällt den Leuten schwer, uns irgendein Label aufzudrücken und das ist an sich eine gute Sache. Genau das macht uns wiederum interessant für viele Leute. Auf der anderen Seite ist es ein Nachteil, weil der Support einer Szene natürlich viel bewegen kann.
Kristoffer: Es ist schon so, wie du sagst. Der Vergleich mit der Boyband ist ganz lustig, trifft es aber auch irgendwie. Wir haben sehr unterschiedliche Charaktere auf der Bühne, sie bewegen sich unterschiedlich und repräsentieren verschiedene Dinge. Das ist auch ein Vorteil. Live gibt es eine ganz andere Dynamik, ein viel interessanteres Bild. Andernfalls wären es einfach nur fünf Typen.
Kraftwerk hat es nicht geschadet.
Kristoffer: Haha, ja genau. Aber da war es ja Konzept. Bei uns sind es fünf Typen und noch einige andere Dinge.
Man vermutet natürlich, dass ihr auch jeweils ganz verschiedene Backgrounds habt. Wie sehen die genau aus?
Johan: Die Geschmäcker in der Band sind schon sehr gestreut. Einige von uns kommen eher aus der Pop-Welt, Peter ist schon am ehesten der Synth- und Industrial-Nerd, aber es gibt eigentlich niemanden bei uns, der aus der Goth-Szene kommt. Davon abgesehen haben wir aber alle eine sehr klar Vorstellung, wie unsere Musik klingen soll und wo unser Sound hinführen soll.
Wie viel Geld musstet ihr für all das Equipment ausgeben?
Johan: Oh, ein Vermögen. Es gehört zum größten Teil Peter. Er spielt die Tapeloops und modulare Synthesizer. Er sammelt elektronische Instrumente seit seiner Jugend. Also ist es eigentlich sein Vermögen, haha. Aber mittlerweile sind wir alle auf der Suche nach vintage Equipment und verbringen viel Zeit mit Internetrecherche.
Kristoffer: Es ist aber schon günstiger geworden als früher.
Johan: Er hat genau in der richtigen Zeit investiert. Vor ein paar Jahren war es echt sehr günstig. Jetzt ist das Zeug ja wieder sehr gefragt. Ich würde nicht sagen, dass es momentan besonders günstig ist, vor zehn Jahren, als er sich den Kram gekauft hat, da war es günstig.
Also seid ihr selber auch Sammler geworden?
Johan: Nein, nicht wirklich, wir unterstützen nur Peter, der ist wirklich besessen.
Werdet ihr nach Shows oft von Equipmentnerds in Fachgespräche verwickelt?
Johan: Absolut, ständig. Was ist die am häufigsten gestellte Frage?
Johan: „Wie heißt dieser Synthesizer?“
Kristoffer: Und: „Kannst du mit diesem Synthesizer wirklich diesen Sound machen?“ Manchmal gefolgt von: „Weißt du, ich kenne mich echt gut mit diesem Synthesizer aus. Ich habe diesen Sound noch nie gehört, bist du sicher, dass das geht?“
Johan: Und die Leute fragen, wo die Backtracks sind oder die Sequenzer, aber es gibt einfach keine. Und dann sind sie erstaunt.
Kristoffer: Aber ganz ehrlich, wir freuen uns, wenn die Leute Interesse daran zeigen.
Es ist ja auch so, dass diese Art von Equipment von ihren Besitzern ganz gerne mal fetischisiert wird. Wie sieht eure Beziehung zu den Instrumenten aus?
Johan: Ich muss schon sehr nah am Instrument sein. Bei Analogsynthesizern musst du sehr vorsichtig sein und dein Instrument genau kennen. Es gibt da schon eine sehr enge Beziehung, es ist beinahe ein Teil meines Körpers.
Kristoffer: Trotzdem benutzen wir die Dinger im Sinne einer Punkband. Also wir versuchen, damit eine ähnliche Energie auf der Bühne zu erzeugen.
Johan: Ja, wir versuchen, die Grenzen auszuloten.
Die Idee von Punk ist ja, nichts können zu müssen und trotzdem zu spielen. Bei euch ist große Vorbereitung und Expertise Voraussetzung, um auf die Bühne gehen zu können. Erklär ein bisschen ausführlicher, warum ihr euch als Punkband seht.
Kristoffer: Für mich ist es der Versuch, etwas aus Chaos heraus entstehen zu lassen. Bei unserer Art zu spielen gibt es immer die Möglichkeit eines Fehlers. Es ist organisch, es gibt dieses chaotische Element.
Johan: Wir sind auch ein bisschen gelangweilt davon, wie andere Acts mit Synths performen oder elektronische Musik live spielen. Das sieht einfach oft sehr steif aus. Wir wollen diese Musik mit einer Punkattitüde spielen. Es aufregender machen. Wir wollen das Maximum aus den Instrumenten rausholen. So was wie ein vorgefertigter Beat ist doch lahm.
Ihr liefert mit eurem Konzept ein sehr deutliches Statement gegen Perfektion, ihr seid die Antithese zur mittlerweile gängigen Laptop-Performance. Gleichzeitig vermittelt ihr in vielen anderen Dingen, eurer Dynamik auf der Bühne, der visuellen Seite, einen geradezu perfekten Eindruck…
Kristoffer: Dieses Streben nach Perfektion hat ja jede Band. Auch wenn es unmöglich ist.
Johan: Ich denke, es ist uns wichtig, als eine ernsthafte Band wahrgenommen zu werden. Unser Anliegen ist es, maximale Effekte zu erzielen, aber trotzdem immer auf Details zu achten und dabei extrem akkurat zu sein. Natürlich auch, um anderen zu zeigen, was tatsächlich möglich ist.
Was haltet ihr von sogenannten Laptop-Acts und der Tatsache, dass es seit Jahren nicht mehr nötig ist, besonderes Equipment oder Wissen zu besitzen, um sich auf eine Bühne stellen zu können?
Johan: Wir wollen nichts Negatives darüber sagen. Wenn Leute das so machen wollen, ist das doch schön. Aber es ist einfach nicht unser Ding. Wir wollen es anders machen, weil wir den einfachen Weg einfach schon so oft gesehen haben. Ich glaube, ich kann für die ganze Band sprechen, wenn ich sage, dass ich einfach kein wirkliches live-Erlebnis erkenne, wenn sich ein Typ mit seinem Laptop auf die Bühne stellt.
Kristoffer: Es ist auch immer ein Unterschied, ob du eine Platte hörst oder ein Konzert siehst. Das muss immer etwas mehr sein. Du brauchst die Möglichkeit des Versagens, auch die Möglichkeit, einen anderen Weg einzuschlagen. Wenn du einem Publikum nur deine Platte vorspielst und daneben stehst, dann ist das maximal ein DJ-Set, aber nichts, das man live nennen könnte.
Johan: Wie langweilig muss es sein, zwei Monate auf Tour zu sein und im Prinzip nichts zu machen? Total öde. Du wirst wahrscheinlich die ganze Zeit nichts anderes machen als Bier zu trinken. Das ist absolut nicht das, was wir anstreben.
Habt ihr nie den Gedanken ‚Oh, schau dir diesen DJ-Typen an, er reist mit seinem Rechner um die Welt, stöpselt ihn jede Nacht irgendwo anders an, nennt das ganze live-Set und geht dann jeden Morgen mit ein paar Tausend Euro nach Hause’? Und ihr seid die Band, die sich mit diesem ganzen Equipment abschleppt und nicht immer die besten Gagen einfährt…
Johan: Das stimmt schon. Aber wir sind nun mal keine DJs, deswegen sind wir auch nicht neidisch. Wir haben uns halt für diese Sache entschieden und machen das auch hundertprozentig. Wird sich schon lohnen. Irgendwann. (Gelächter)
Was bei euch ganz interessant ist: Ihr scheint euch außerhalb der gängigen Internethypes zu bewegen, wo es normal ist, dass eine Band ein, zwei Stücke verbreitet und dann vom schnellsten Label verpflichtet wird. Eure Entwicklung scheint natürlicher zu sein, man könnte fast sagen: old school.
Kristoffer: Ja, wir spielen seit fast sechs Jahren zusammen, es gab immer eine kontinuierliche Entwicklung. Es wurde Schritt für Schritt immer größer. Es gab nicht diese extrem schnelle Entwicklung, wie sie heute normal ist.
Johan: Wenn es um Musik geht, kümmern wir uns nicht besonders um aktuelle Trends, wir sind da tatsächlich sehr konservativ. Wir interessieren uns mehr für Bands aus den 70ern und 80ern und sehen uns an, wie sie es damals gemacht haben, wie diese Karrieren entstanden sind. Vielleicht sind wir da ein bisschen nostalgisch und romantisch veranlagt. Viele Dinge sind zum Beispiel einfach so entstanden, zum Beispiel, dass wir hauptsächlich auf Vinyl releasen. Es geht alles sehr langsam, fühlt sich aber richtig an.
Ihr scheint eurem Label recht treu zu sein.
Johan: Hahaha. Ja, wie sage ich das jetzt … Wir waren sehr loyal, aber tatsächlich haben wir diese Verbindung gelöst. Wir haben uns entschieden, getrennte Wege zu gehen, wie man so schön sagt. Es ist ne lange Geschichte, aber wir haben uns einfach in verschiedene Richtungen entwickelt, hatten verschiedene Ansichten. Die CD-Version unseres letzten Albums wird auf einem neuen Label erscheinen, das wir selber gegründet haben.
Das ist also der Plan, eure Musik selbst herauszubringen?
Johan: Ja, das nächste offizielle Release erscheint über unser eigenes Label.
Was hat es eigentlich mit dieser Industrial Beauty Sache auf sich?
Johan: Es begann mit diesem Foto. Peter hatte es in einem sehr alten Magazin gefunden. Es ist das Bild einer Frau, die einmal Miss Sheffield war. Das war so 1979 oder 1980. Sie war also die am meisten bewunderte Frau in Sheffield zu dieser Zeit. Wir haben so ein bisschen rumgesponnen. Industrial hat seine Wurzeln in Sheffield, sie ist diese Schönheitsgöttin, also muss sie die Industrial Beauty sein. Wir haben versucht, sie zu kontaktieren, aber konnten sie leider nicht finden. Letztendlich ist es ein Bild für unsere Musik. Also der Kontrast zwischen der Härte und der Schönheit.
Irgendwie scheint euch die Presse sofort mit anderen Bands zu vergleichen, wenn sie über euch schreibt. Das muss euch doch nerven!
Johan: Absolut.
Gebt uns doch mal ein paar Einflüsse, auf die bislang noch niemand gekommen ist oder die man bei euch einfach nicht erwarten würde.
Johan: Ich war früher Metalhead und stand total auf Kiss. Das waren und sind meine Helden.
Kristoffer: Ich war großer Fan von Roxy Music, aber das ist leider nicht abwegig genug. Und natürlich Suicide. Ich höre Suicide seit ich 14 bin. Ich hab damals ein Tape im Zimmer meines Bruders gefunden. Dann habe ich irgendwann angefangen, Techno zu hören. Ich stand auf Queen als ich ungefähr acht war, dann starb Freddy Mercury, also fing ich an, Nirvana zu hören, dann starb der Typ auch noch und ich hatte keine Lust mehr und begann Musik ohne Gesang zu hören, haha.
Was würdet ihr sagen, ist das abscheulichste Geräusch auf der Welt?
Johan: Wir haben neulich diese Band gehört. Wie hieß die noch. Ziemlich groß … klang wie Offspring. Ah, Rise Against. Wir waren gestern bei einem Freund zu Hause und er machte die Platte an.
Ihr Album ist momentan Platz 1 in den deutschen Albumcharts.
Johan: Ja genau, das hat er uns auch erzählt. Es gibt darauf einen Song, nur der Sänger und eine Gitarre, das könnte das Schlimmste sein, was ich je gehört habe. Ich könnte mir Peters Noise mein Leben lang anhören, wenn es mich vor so was bewahrt.
Kristoffer: Ja, ich könnte dazu einschlafen, im Vergleich zu Rise Against.
Wenn es da einen Zusammenhang gibt, dann lasst uns hoffen, dass ihr nie ein Nummer Eins-Album in den deutschen Charts haben werdet.
Johan: Klingt etwas unwahrscheinlich, aber damit können wir leben.
Interview: Andreas Richter
Photos: Christoph Voy
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