Saufen, reihenweise heiße Mädels flach legen und Hotelzimmer zerstören. Abends im Club erst das Catering plündern, dann vor ausverkauftem Haus abgehen, danach im Hotelzimmer weiter feiern. Gib’s zu, auch du hast schon davon geträumt, mit deiner Undergroundband auf Tour zu gehen und einen auf dicke Hose zu machen.
Haben TV Buddhas alles falsch gemacht? Die drei Musiker aus Tel-Aviv reisten mit dem Traum von Rock’n’Roll durch die USA und spielten in leeren Hallen—wenn der Promoter sie nicht gerade im Stich ließ oder die Barbetreiber sie vergessen hatten. Geld weg, Essen knapp, Schlafgelegenheit mau—da sehnt man sich heim an Mamas Tisch. Beschissen für die, sehenswert für uns. Das Erlebnis zeigen Mickey, ihr Bruder Uri und ihr Mann Juval daher in der Dokumentation Band In The Modern World.
Am Ende des Films sehen die Gesichter der drei eher aus wie das Taschentuch eines Influenza-Kranken: farblich zwischen durchsichtig und gelb, zerknüddelt, reif für die Tonne. Wir trafen die drei Musiker aus Tel-Aviv vor ihrem Konzert in Berlin, um das Desaster mal Revue passieren zu lassen. Ihre Gesundheit hat sich inzwischen stabilisiert—zumindest schauen TV Buddhas nicht mehr drein wie Drei-Tage-Regenwetter. Wir haben ihnen trotzdem erst mal ein paar Äpfel spendiert. Vitaminschub für arme Garagenrocker und so.
VICE: Ich hab mir eure Dokumentation angeschaut. Einerseits hatte ich Mitleid mit euch, andererseits musste ich über so viel Pech echt lachen. Was war das für ein Gefühl, als ihr den fertigen Film das erste Mal gesehen habt?
Mickey: Es machte die ganze Sache besser. Diese Erfahrung war der reinste Horror, zu hart einfach. Wir hatten immer Hunger, fühlten uns krank, wussten nicht, wo wir schlafen sollten. Nur der Gedanke daran, dass wir etwas Kreatives daraus machen, hat es diese Erfahrung wert gemacht.
Juval: Also ich hatte keinen Hunger.
Ach nein? Als ich den Film angeschaut habe, hatte ich die ganze Zeit den Eindruck: Die sind wirklich fixiert auf Essen.
Alle: Ja, total!
Juval: In meinem Hirn sitzt ein fetter Typ, der meinen Körper antreibt.
Wie schmecken kalte Rindfleischravioli aus der Dose?
Juval: Hm. Also, das Innere—das Fleisch—schmeckt wie Brotkrümel, nasse Brotkrümel. Weißt du, ohne einen wirklichen Geschmack, aber irgendwie knusprig. Und das Äußere—ich meine, ich hab die kalt gegessen, vielleicht schmecken die warm ja anders—das ist matschig und tomatig. Mir war danach echt übel.
Seid ihr Futterneider?
Alle: Ja! Ja, ja, ja!
Juval: Niemals würden wir Essen teilen!
Uri: Also, wenn ich echt was Gutes habe, dann muss ich jeden probieren lassen. Erst dann kann ich es richtig genießen, Mickey ist das komplette Gegenteil.
Mickey: Ich verteidige gutes Essen mit meinem Leben. Und wenn ich sehe, dass jemand etwas Besseres hat, dann versuch ich ihn zum Tellertausch zu überreden.
Juval: Jeder von uns hat seine Rolle: Uri muss immer hören, dass seines das Beste ist. Mickey beschützt ihr Essen und ich bestelle einfach immer das Gleiche.
Ich muss sagen: Je länger ihr getourt habt, umso schlechter saht ihr aus.
Mickey: Ja, wir wurden fetter und fetter. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich ausschließlich Pommes gegessen hab. Die Haare fielen uns aus, ich fühlte mich echt ungesund und wollte einfach nur einen Salat haben.
Wie lange ging diese Tour insgesamt?
Uri: Zwei Monate lang, durch 34 Staaten. Ich glaube, es sollten 50 Shows sein, am Ende waren es um die 35.
Und wie viele Leute?
Uri: Insgesamt? Ach, vielleicht so 100.
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Wie konnte das nur passieren?
Juval: Meine Erklärung dafür ist eher intellektuell. Ich glaube, es gibt einen sozialen Grund dafür. Seit der Entstehung des Internets gibt es viel mehr Bands und Leute, die Projekte haben. Sofortige Erfolge im Schlafzimmer quasi: Leute nehmen zu Hause auf, stellen es ins Netz, es wird gehyped, man bekommt Shows. Die Band- und Musikinflation war und ist extrem hoch, besonders in einem Land wie Amerika. Leute kommen nicht mehr zu Auftritten von Bands, die sie nicht kennen, sie werden immer wählerischer.
Uri: Ich glaube, genau das hat sich geändert: Leute gehen nicht mehr aus dem Haus und riskieren was. Sie müssen wissen, was die Nacht bringt. Nur zu irgendeiner Show zu gehen …
Juval: … das reicht nicht mehr.
Geht ihr denn noch zu Shows von unbekannten Bands?
Alle: Nein.
Juval: Ich hab das aber noch nie gemacht. Es ist also nicht so, dass ich mich darüber beschweren würde. Ich will damit nur sagen, dass dies die Natur unserer Zeit ist. Punkkonzerte, wie es sie noch in den 80ern gab, sind verschwunden. Wenn du heute Fotos von einem Konzert siehst, mit total vielen Leuten drauf, vielleicht wird noch jemand auf den Händen rum getragen oder sonst was, dann passiert das nur—und das ist das Paradoxe daran—wenn bereits ein Hype besteht. Der spontane Moment existiert nicht mehr. Das war für uns wohl das Traurigste, denn wir hielten Amerika für ein spontanes Land. Aber Amerika ist nicht mehr hungrig, sondern total übersättigt.
Aber warum habt ihr dann weiter gemacht?
Mickey: Weißt du, wir waren gefangen. Die Tour war unser Gefängnis, weil sie als Rundfahrt angelegt war. Wir kamen an einen Punkt, der so weit von New York entfernt lag, dass es mehr gekostet hätte, abzubrechen und zu versuchen, irgendwie dorthin zurückzukommen als zu versuchen, noch irgendwie ein bisschen Geld zu verdienen.
Juval: Wir wollten die Ausgaben wenigstens auf Null stehen haben …
Mickey: … und waren einfach voll von ganz dümmlicher Hoffnung.
Uri: Ich persönlich konnte einfach nicht glauben, dass jede Nacht so schlimm enden würde.
Über dich hab ich mich am meisten gewundert, Uri. Du wirkst in dem Film so positiv, woher hast du diesen Optimismus genommen?
Uri: Na, sicher nicht von den beiden. Ich kann doch nichts tun, das ich für sinnlos halte! Jede Nacht sagte ich mir: es ist eine neue Stadt, ein neuer Club, neue Leute. Also wer weiß: es könnte gut laufen. Außerdem hätten wir ja auch gar nichts Besseres zu tun. Wir haben alle keinen Job …
Juval: … die Band ist unser Job.
Aber ihr habt im Endeffekt mehr Geld verloren als verdient?
Mickey: Juval und ich hatten kurz davor geheiratet. Die Reise war als eine Art Flitterwochen-Tour gedacht. Es ist nicht so, dass ich Hotels oder so was erwartet hätte, ich wusste, worauf ich mich einließ. Aber es war einfach so lang und so schrecklich und so hart. Ich meine, wir hatten geheiratet, unsere Familie und Freunde hatten uns Geld geschenkt—und wir verloren alles. Das war deprimierend. Wenn du mitbekommst, wie dein Geld den Bach runter geht und du nichts dagegen tun kannst, dann ist das echt nervenaufreibend.
Juval: Wenn du dich für eine Undergroundband entscheidest—also für laute Musik, die nicht so superkommunikativ ist—dann ist das eine Entscheidung für dich als Künstler, aber gegen deine Eltern und gegen deine Kritiker. Gehst du dann selbstständig irgendwo hin, machst genau das, was du machen willst und scheiterst—dann zerstört das alles, was du je als Wahrheit betrachtet hast. Du beginnst dich in Frage zu stellen, warum du das alles tut und ob die anderen nicht Recht hatten.
Und jetzt seid ihr trotzdem wieder auf Tour.
Mickey: Juval hört einfach nicht auf, Shows zu buchen. Ich hasse Touren. Jedes Mal sag ich ihm, dass ich darauf keinen Bock mehr habe und dass wir den falschen Weg gehen, weil sich keiner mehr um Konzerte kümmert.
Uri: Viele Leute sagen mir: Oh man, das hört sich nach einem echt harten Leben an, nie lange an einem Ort zu sein. Und es ist wahr. Ich vermisse das Gefühl, draußen unterwegs zu sein und auf der Straße zufällig ein bekanntes Gesicht zu treffen. Aber Touren gibt mir etwas: es hat mir geholfen, meine Denkweise zu ändern und irgendwie in der kurzen Zeit, die mir bleibt, mit Fremden vertraut zu werden.
Du siehst gar nichts Positives am Touren, Mickey?
Mickey: Na ja, ich bin ein Fernsehjunkie und …
Juval: … ich musste sie sogar jetzt von der Couch hochziehen …
Mickey: Ich hab keinen Bock, rauszugehen. Ich würde also den Rest meines Lebens auf der Couch sitzen. Da hab ich echt ein Problem.
Juval: Ich glaube, viele Menschen haben dieses Problem, weil sie Angst haben.
Oder weil es halt einfach bequem ist, zu Hause auf der Couch zu liegen.
Mickey: Deswegen sind diese Touren für mich wichtig: damit ich mal von der Couch runter komme, raus gehe und auch mal das Tageslicht sehe, Leute treffe, mich bewege. Letztendlich macht mich das glücklich, schätze ich. Ich brauche nur jemanden, der mich dazu bringt, alleine schaff ich das nicht.
Ihr habt zwei Monate lang auf engstem Raum zusammen gelebt. Wird man da nicht verrückt?
Alle: Ja!
Mickey: Weißt du, Uri und ich sind Geschwister und Juval und ich sind verheiratet. Wir streiten uns eigentlich immer.
Uri: Wir kennen die Schwächen des anderen ganz genau, aber die Band wird deswegen nicht zerbrechen.
Mickey: Wir könnten uns gar nicht trennen, wir sind eine Familie. Wir spielen nicht wegen unseres Talents oder unserer Persönlichkeit gemeinsam in einer Band.
Juval: Nee, eigentlich kann eh keiner von uns so wirklich gut spielen. Wir sind technisch vielleicht nicht die Besten, versuchen aber ehrlich zu sein.
Was macht ihr jetzt noch bis zu eurem Konzert?
Mickey: Vielleicht gehen wir vor der Show noch Mal nach Hause, ich will Fernsehen.
Juval: Mal schauen, ob wir was zu essen kriegen. Ich hab echt Hunger.
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