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Vor zwei Wochen bin ich vom Faze Mag, einem deutschen Magazine für elektronische Musik, gefragt worden, ob ich für ihr Wien-Special in der Mai-Ausgabe einen Gastbeitrag über „das Wiener Clubtreiben“ schreiben könnte. Das hat mich natürlich gefreut. Weil ich nicht mehr oft dazu komme, für Print zu schreiben, weil mich das Thema interessiert, aber natürlich auch, weil jeder von uns ein bisschen eitel ist und sich von so einer Anfrage geschmeichelt fühlt.
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Um es kurz zu machen: Ich habe es geschafft, aber es hat mich ein Wochenende gekostet. Nicht weil der Beitrag so lang werden sollte, sondern eher im Gegenteil: Es war ein Einseiter. Und das stellte mich vor ein wirklich schwieriges Problem: Wie erkläre ich Deutschen, die im Normalfall noch nie in Wien waren, auf 3500 Zeichen die Wiener Clubkultur? Also schrieb ich Absätze, strich Absätze, löschte alles wieder und fing dreimal von vorne an, bis irgendwann ich und drei Leute, auf deren Meinung ich inhaltlich etwas gebe, mit dem Text zufrieden waren.
Es wäre nicht fair, hier alles vorwegzunehmen. Aber irgendwie würde ich gerne ein Jahr, nachdem wir zwei Leute jeweils 10 Dinge haben nennen lassen, die an der Wiener Clubkultur liebens– bzw hassenwert sind, mal selber ein paar Hypothesen in den Raum stellen. Nicht alle sind neu, nicht alle werden hier das erste Mal niedergeschrieben. Manche wirken fast langweilig. Manche beziehen sich auf Grundsätzliches, manche auf die letzten Jahren, manche auf die letzten Monate. Ich bin auch nicht von allen gleich überzeugt, stelle sie aber mal in den Raum und diskutiere sie gerne. Hier, im real life, auf Facebook und Twitter.
Hier sind also meine ganz persönlichen Hypothesen zum Stand der Wiener Clubkultur im Jahr 2015.
Wiens Clubkultur ist heute besser als vor einigen Jahren
Keine wirklich spannende These. 2009 eröffnete die Pratersauna, 2011 die Forelle, später Auslage, Werk, etc pp. Natürlich hat es auch Rückschläge gegeben: Morrisson und Market (erinnert sich noch jemand an diese kurze Episode?) mussten letztlich aufgrund der Lärmproblematik leider schließen. Und für alte Platzhirsche wie das Flex ist die Entwicklung traurig. Ja, es gibt Verlierer. Aber letztlich ist die Wiener Clubszene heute größer und breiter aufgestellt, als sie es vor sieben Jahren war. Davon profitieren die Besucher. Ob die Veranstalter (immer noch) davon profitieren, ist eine andere Sache. Aber dazu später.
Das Wachstum liegt auch an den Deutschen
Für diese These hätte sich vor zwei Jahren ein Freund von mir beinahe mal eine gefangen. Natürlich darf man nicht so tun, als wäre Wien vor 2005 (als die berühmt-berüchtigte Regel, nachdem nur der in Österreich studieren dürfe, der auch in seinem Heimatland einen Studienplatz vorweisen kann, vom EuGH gekippt wurde) nicht fortgegangen. Das wäre natürlich völlig präpotent und falsch. Trotzdem: Die Unmengen an deutschen Studenten, die in den letzten zehn Jahren nach Wien gekommen sind, sind halt nicht nur deutsch, sondern eben auch jung, ausgeh- und trinkfreudig. Bei vielen Partys könnte man schlicht 25 Prozent des Publikums wegdenken, wenn es sie nicht nicht gäbe. Und da rede ich noch gar nicht von den Veranstaltungen, die sich speziell an diese Zielgruppe richten. Man braucht weder Gastronom noch Mathematiker zu sein, um zu erkennen, dass das für die Veranstalter ziemlich scheiße wäre.
Wien ist immer noch gemütlich, und das ist auch gut so
Ja, man darf sich eh freuen, wenn Leute aus dem Ausland die Wiener Clubszene überhaupt als solche wahrnehmen und die Sauna ins De:Bug-Ranking kommt. Na gut, letzteres wird jetzt nicht mehr passieren. Aber man sollte das realistisch sehen. Wien ist keine Weltstadt, ist und bleibt ein Dorf. Aber das ist auch überhaupt nicht schlimm. Die Gemütlichkeit, die zwar weniger wird, aber immer noch da ist, ist auch ein Vorteil. In Wien überlebt zum Beispiel seit Jahrzehnten eine riesige D’n’B-Szene, weil in Wien ja bekanntlich alles 20 Jahre später stirbt. Und ich weiß nicht, ob es bestimmte Erfolgsgeschichten ohne diese Gemütlichkeit überhaupt gegeben hätte. Affine Records oder auch HVOB basieren ja gerade ein bisschen auf der Bereitschaft, den Dingen die Zeit zu geben, die sie brauchen.

Wien liebt seine kleinen Partys
Auch wenn Wien mittlerweile über ein Arsenal an großen und mittelgroßen Clubs verfügt, das sich vor vergleichbaren europäischen Städten sicher nicht zu verstecken braucht, bleibt Wien halt doch auch Wien. Das heißt: Es liebt seine kleinen Partys. Das macht das Ganze niederschwellig: Kleinere Locations und neue Partyreihen haben schnell die Möglichkeit, eine kritische Schwelle zu erreichen und—zumindest für einen Moment—Publikum anzuziehen. Das stellt vor allem die großen Clubs vor ein Problem. Wenn 250 Leute an einem Donnerstag beim Club mit im Celeste sind, gehen die halt freitags nicht mehr aus. Wenn an einem Freitag über den Abend verteilt 300 Leute bei irgendeiner Kunst-Party im Heuer sind, fehlen die irgendwo anders. Das ist für sich selbt genommen jeweils kein Problem—in der Summe aber schon.
Wien hat verhältnismäßig wenig Stammpublikum
Wenn Wiens Clubbetreiber schnaufen, hat das auch damit zu tun. Anders als in Berlin oder auch Köln gehen in Wien mittlerweile wenig Leute „in die Sauna“ oder „in die Forelle“, sondern richten sich eher nach den Partys, die dort stattfinden. Der einzige Club mit einer Stammklientel, den ich selber häufiger frequentiere, ist das Cafe Leopold. Das führt dazu, dass die Wiener Clubbetreiber tendenziell in einer schwächeren Position sind als in anderen Städten, und die Promoter in einer stärkeren. Was aber wie eine Stärke ausschaut, ist gleichzeitig auch ein Risiko: Auch Partys haben eben ihren Moment. Und wenn der zu einer anderen Partyreihe wandert, ist man als Veranstalter eigentlich verdammt froh, wenn man mal mit 250 zahlenden Fixgästen rechnen kann.
Dass du glaubst, du würdest alle kennen, liegt nicht an Wien, sondern an dir
Ja, Wien ist klein. Aber so klein dann auch nicht. Dass du immer glaubst, dass du beim Fortgehen eh alle kennen würdest, liegt daran, dass du dich nur in bestimmten Zirkeln bewegst. Wenn ich auf eine Party der Wiener Endorphine in den Ragnarhof gehe, ist es dort gesteckt voll, und ich kenne niemanden. Die Partys der Pomeranze sind immer ausgebucht, ohne dass ich dort über Bekannte stolpern würde. Von den ganzen Artsy-Veranstaltungen mal ganz abgesehen. Gerade in einer Stadt wie Wien lohnt es sich, gelegentlich den Horizont zu erweitern. Es gibt da draußen immer einige Welten, die du noch nicht kennst. Wann warst du zum Beispiel das letzte Mal auf einer Electro-Party in der Fluc_Wanne?

Unter der Woche lohnt es sich nicht mehr
Die Zeiten, wo man unter der Woche erfolgreich veranstalten konnte, sind auch schon ein bisschen her. Mittlerweile ist es selbst an einem Donnerstag verdammt schwer und funktioniert nur bei sehr unregelmäßigen Veranstaltungen. Es ist alles auf den Freitag und den Samstag gewandert, was die Konkurrenz natürlich nochmal schlimmer macht, weil da bekanntlich auch die Acts am teurersten sind. Aber auch das ist letztlich eher eine Normalisierung. Woran es liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht ist die These, dass der Bologna-Prozess das Studium zu stromlinienförmig gemacht hat, um Dienstag bis 4:30 Uhr im Flex zu sein, gar nicht falsch.
Wien ist vielleicht zu viel gewachsen
Das ist auch nicht mehr wirklich revolutionär und auch ein bisschen eine Zusammenfassung der Hypothesen vorher. Alle schnaufen—manche offen, aber zumindest alle unter der Hand. Und ja—wahrscheinlich ist die Wiener Clubszene verhältnismäßig wirklich schneller gewachsen als ihr Publikum. Vor allem im Segment der wirklich großen Clubs sind drei (Forelle, Sauna, Kantine, Volksgarten zähle ich da noch nicht mal mit) wahrscheinlich mehr, als Wien momentan dauerhaft unterstützen kann—vor allem, weil mittlere Clubs wie die Auslage und das Werk einen zweiten Floor dazugebaut haben. Andererseits darf man halt auch die Frage stellen, ob die Situation „einige wirklich starke Abende querfinanzieren viele schwache“ nicht eher ein Normalzustand ist. Auch in anderen Städten gibt es zahlreiche Clubs mit einem sehr schwankenden Besucheraufkommen. Aber ja—sollte es im Clubsegment in der nahen bis mittleren Zukunft nochmal eine Bereinigung geben, würde das niemanden so richtig wundern. Vor allem, weil es in Wien verhältnismäßig tatsächlich ein paar Belastungen gibt, die Gastronomen woanders nicht haben.
Auch die Zweitverwertung wird an ihre Grenzen stoßen
Einen Club nicht mehr nur als Club zu nutzen ist gerade der neue Trend. Ist ja auch sinnvoll, sonst hat man das teure Ding ja tagsüber nur als Kostenfaktor in der Bilanz stehen. Aber auch das stößt irgendwann an seine Grenzen. Auch für Flohmärkte, Konzerte, Filmscreenings und Diskussionsrunden gibt es ein endliches Publikum. Das nimmt immer weiter zu. Irgendwann werden auch da alle schnaufen.
Und weiter?
Jammern lohnt sich nicht. Wien ist eine gute Stadt zum Feiern, und das wird sich nicht ändern. Clubs werden aufmachen, Clubs werden schließen. Partyreihen werden aufpoppen und nach zwei Jahren beschließen, dass man es gut sein lässt. Aber letztlich bin ich ganz froh über alle, die den Mut haben, in dieser Stadt und in ihrem Nachtleben etwas aufzubauen. Und ich denke, man kann darauf auch ein bisschen stolz sein.
Feedback ist erwünscht, . Jonas diskutiert das Ganze gerne mit euch. Auch auf Twitter: @L4ndvogt.
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