Deutsches Wrestling bekommt nicht die Anerkennung, die es verdient hätte. Das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Anfang und Mitte der 90er waren viele Jugendliche verrückt nach den nordamerikanischen Wrestlinghelden wie Shawn Michaels, dem Undertaker, Hulk Hogan und Bret Hart. In der Schulpause haben wir WWF-Sammelkarten getauscht, uns bei dem einen Freund mit eigenem Fernseher getroffen, um bis spät nachts Wrestling zu schauen und hinterher, vollgepumpt mit kindlichem Adrenalin, haben wir auf der Wohnzimmercouch Powerslams und Superkicks geübt. Genauso haben es die Freunde Ibo, Carlos, Ingo, Ahmed und Hussein gemacht. Mit der Ausnahme, dass sie sich nicht irgendwann für ihre Liebe zu Showkämpfen von erwachsenen Männern in Hotpants geschämt haben und dran geblieben sind.
Im Berliner Graefekiez bauten sie also das Zimmer der Mutter zu einem richtigen Ring um. Die Turkey Boys (nur Ibo ist türkischstämmig, aber so genau muss man ja nicht sein) waren zu Beginn ihrer Karrieren noch ziemlich schmächtig und es gab niemanden in ihrer Gewichtsklasse, gegen den sie hätten kämpfen können. Doch sie waren so voller Ehrgeiz, dass es dabei nicht bleiben würde. Ihren größten Traum, einmal in einem richtigen Ring zu kämpfen, konnten sie sich 1997 erfüllen. Eigentlich hätten sie dann aufhören können. Wenn nur der Ehrgeiz nicht wäre. Sie suchten sich einen vernünftigen Trainingsort, gründeten die German Wrestling Federation, tourten als Wrestler um die ganze Welt und fingen an, selber Kämpfe zu veranstalten.
Mittlerweile finden diese Kämpfe regelmäßig in der Mehrzweckhalle des Statthaus Böcklerpark in Berlin Kreuzberg statt. Da unsere Augen immer noch anfangen, zu leuchten, wenn wir das Wort Wrestling nur hören, haben wir einen dieser Fights besucht und uns ihr Training angeschaut.
25 junge, durchtrainierte Wrestler kommen zweimal pro Woche nach Neukölln, um sich richtig fertig zu machen und zu verprügeln. So eine Hingabe und Verausgabung hab ich noch bei noch keiner hobbymäßigen Sportlertruppe gesehen. Einer der Kämpfer reist immer extra aus Dresden an, weil Wrestlingschulen so rar gesät sind. Keine Spur vom abgehalfterten, altersschwachen Ex-Profi á la Mickey Rourke. Dieses Jungs sind fit, gut ausgebildet und heiß auf den nächsten Kampf.
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Das hier sind die Rookies. Sie hatten noch keinen offiziellen Kampf und müssen erst Monate oder Jahre trainieren, bis sie in den Ring dürfen. Sie trainieren getrennt von den Großen und quälen sich bis zum Umfallen. Alleine beim Zuschauen hätte ich vor Anstrengung fast kotzen müssen.
Im Wrestling ist alles möglich. Zwei Sekunden später lagen beide mit schmerzverzertem Gesicht auf der Weichbodenmatte.
Wenn Pascal Spalter seine 132 Kilo schwere 1.91 m aus mehreren Metern auf dich schmeißt, ist es fast schon egal, ob das alles nur Show ist. 132 Kilo sind 132 Kilo.
Zur Überraschung aller war die Halle komplett ausverkauft, es mussten noch Stühle herangeschafft werden und die Show begann erst mit 30 Minuten Verzögerung. Das Publikum, bestehend aus Kindern, Alten, Familienmitgliedern, Glücklichen, die bei der Autovermietung Karten gewonnen hatten und ein paar Studenten, die sich lustig machten, brachte die Halle zum Kochen.
Lucky Kid, der seine Trainer jahrelang wegen seines Alters belogen hat, um mitmachen zu dürfen, erlangte schon Ruhm durch eine KiKa-Dokumentation, bei der man ihn bei Kämpfen vor 20 grenzdebilen 12-Jährigen beobachten kann. An so einem Abend ist das allerdings Geschichte.
Die Klassiker.
Pascal Spalter vor und nach dem Main Event, bei dem er gegen Ivan Kiev knapp verlor. Der Mann ist eine Bestie. Er war den ganzen Abend so in seiner Rolle, dass er unseren Fotografen fast zu Brei geschlagen hätte, als er ihn kurz nach dem Kampf nach einem Foto gefragt hat. Dabei wirkte er nicht wie ein ansonsten normaler Mensch, der sich über irgendwas aufregt, sondern wie ein Typ, dessen Leben sich wirklich größtenteils auf Veranstaltungen abspielt, bei denen er sich den ganzen Abend über mit fremden Männern auf dem Boden wälzt. Sofort wird klar, dass er es ist, dem gerade Unrecht widerfahren ist, und dass er jetzt nicht einfach einen auf heile Welt machen kann.
Fotos von Sonja Weissberg und Grey Hutton
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