Auf eine Konversation mit Todd Solondz

1998 verursachte Todd Solondz ein paar kulturelle Wellen mit seiner dysfunktionalen Familienkomödie Happiness und deren Parade von Pädophilie und Depression. Jetzt hat er eine Fortsetzung gemacht und bringt die gleiche Familie zehn Jahre später wieder zusammen. Life During Wartime ist ein brillanter Begleiter zum ersten Teil und Solondz fordert dessen Fans heraus, da er alle Charaktere neu gecastet hat. Diesmal gibt es großartige Szenen mit Charlotte Rampling, Michael Kenneth Williams (Omar aus The Wire) und Paul (Pee-wee Herman) Reubens. Der Film läuft ab Juni in den Kinos.

Vice: Ich habe Life During Wartime gestern gesehen und rein zufällig hat meine Freundin mir gereade eine Pee-wee Herman Bauchrednerpuppe gekauft. Es war großartig Paul Reubens im Film zu sehen, ich bin ein Fan und ich fand es super, wie du ihn eingesetzt hast.

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Todd: Ja, obwohl  ich keine als Geschenk verpackte Pee-wee Hermann Puppe in meinem Haus habe, habe ich Pee-wee genauso wie du immer geliebt. Ich fand die ganze Hintergrundgeschichte von Paul und das ganze emotionale Gepäck, dass er mit sich rumschleppt so traurig und schwierig und ich habe mir gedacht, dass es seiner Filmrolle Gewicht verleihen könnte. Ich dachte mir, dass ihn niemand bisher etwas in der Art hat machen sehen und ich denke es ist ziemlich rührend.

Ja, ich wollte mehr von ihm sehen. Ich glaube dein Film beweist, dass er eine größere Schauspielkarriere verdient hat, als die die er hatte.

Ja, ich denke es zeigt dass er viel mehr kann, als wir bisher gesehen haben. Aber zurzeit macht er eine Pee-wee Live-Show. Vielleicht kommt er damit ja nach London.

Ich hoffe doch. Ist diese Fortsetzung einfach so gekommen, oder hast du über die Charaktere in den letzten Jahren viel nachgedacht.

Das ist eine schwierige Frage, weil ich offensichtlich keinen Karriereplan habe. Wenn ich einen hätte, hätte ich nie im Leben Happiness gemacht. Das hier zu schreiben war um einiges beängstigender als Happiness, weil ich wusste, dass die Leute die beiden auf alle Fälle vergleichen würden. Aber das musste ich mir auch aus dem Kopf schlagen, weil dieser Film für sich selbst stehen sollte, sogar, wenn du nichts anderes von mir gesehen hast.

Ich habe gelesen, dass du nicht verstanden hast, dass viele Leute dachten, du hättest Bill den Pädophilen in Happiness zu sympathisch dargestellt. Ich glaube die Leute die Happiness verstanden und gemocht haben, haben ebenfalls verstanden, dass du eine dreidimensionale Charakterstudie geschaffen hast.

Leute haben Wörter wie „wohlwollend” verwendet, wenn sie über meine Einstellung gegenüber diesem Charakter  gesprochen haben und wenn das auch nicht der Grund für mich war, diesen Film zu machen, so war es doch ein Möglichkeit für mich meine Einstellung ihm gegenüber klarzustellen. Das Problem mit meinem Material ist, dass es die Leute auf so viele unterschiedliche Weisen berührt. Manche Leute sehen es vielleicht als ernsthafte Auseinandersetzung damit, was es bedeutet menschlich zu sein und andere sehen es als menschenfeindliches Gedankenspiel. Witz und Pathos sind in meinem Film so stark miteinander verwoben, dass es schwierig ist die Emotionen des Publikums zu kontrollieren und zu steuern. Es ist zu einfach und viel zu reduzierend mich menschenfeindlich zu nennen. Es ist einfach als Gutmensch dazustehen, wenn du einen Charakter wie Bill nimmst und ihn dämonisierst, aber es ist viel schwieriger die Menschheit zu umarmen, wenn du jemanden wie Bill miteinschließt. Es ist ein viel größerer Test des Humanismus-Gedankens vollständig zu akzeptieren was und wer wir sind. Diese Filme versuchen das zu erkunden, aber es gibt Fragen die wir einfach nicht beantworten können.

Kulturelle Tabus haben sich, besonders im Kino, in den letzten zehn Jahren stark verändert. Denkst du Happiness würde heute zu weniger Kontroversen führen?

Ich glaube nicht, dass man Happiness heute machen könnte, wenn nicht ein anderer Happiness Film vor zehn Jahren rausgekommen wäre. Ich glaube der Film hat bestimmte Reaktionen verursacht und wenn diese Reaktionen erstmal da sind, kann man sie auch nicht mehr ungeschehen machen. Wir leben in hysterischen Zeiten, als ich noch ein Kind war und ich in den Park ging, dann hing da ein Schild auf dem stand: „Kinder dürfen den Spielplatz nur in Begleitung eines Erwachsenen betreten” und jetzt steht da „Erwachsene dürfen den Spielplatz nur in Begleitung eines Kindes betreten.” Es ist ein ziemlich andere Landschaft. Es verursacht Schaden an der Psyche, wenn man ständig zu viel Vorsicht beim Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern walten lassen muss.

Ich wollte dich zuerst fragen ob du diese Charaktere in zehn Jahren nochmal besuchen willst, aber dann dachte ich mir, was ich wirklich sehen will ist Happiness – die Serie.

Ha! Das Problem ist, ich sollte viel mehr über Fernsehen nachdenken, weil ich so nämlich wirklich Geld verdienen könnte. Aber ich denke über Filme nach und über dieses Erlebnis in einem dunklen Raum mit einer Leinwand zu sein und das ist was ich liebe. Ich habe ein anderes Skript fertig, in dem keine Charaktere aus bereits bestehenden Werken vorkommen, aber ich sage niemals nie. Vor zehn Jahren wäre ich schockiert gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass ich eine Fortsetzung von Happiness machen würde und ich wäre wahrscheinlich noch geschockter gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass ich es noch stärker ausbauen würde. Ich sage niemals nie. Wer weiß, was in zehn Jahren passiert.

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