Wien—die große Hauptstadt. So nah und doch so fern. Zumindest, wenn man jugendlich ist und in Wiens Nähe wohnt. Je größer der Bier-Durst wird, desto mehr ärgert man sich über Badner Bahn, Schnellbahnen und den Taxi-Aufpreis, wenn man eine Bundesland-Grenze überschreitet. Aber alles von vorne.
Ich war sechs, als wir nach Wiener Neudorf gezogen sind—somit gehöre ich zu den Bewohnern der Mödlinger Dörfer. Zu diesen Dörfern gehören Gießhübl, Maria Enzersdorf und andere Orte, deren Namen aus einem Märchenbuch stammen könnten. Niederösterreicher sind sowieso ein ganz eigenes Volk—das wage ich als Migrantin, nach 17 Jahren mal Wien, mal dort, zu behaupten.
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So eigen, dass ich auch lange nach meiner Zeit in Wiener Neudorf und als Neo-Wienerin trotzdem immer an Menschen gerate, die dann auch aus der Umgebung Wiens und nicht Wien direkt sind. Ehrlich—ich kenne viel weniger Wiener als Niederösterreicher. Und ich habe sie alle in Wien kennengelernt. Wir spüren uns. Wir fühlen uns. Der verbitterte Humor ist nur eine der wenigen Sachen, die uns verbinden.

Als Kind möchte ich die Zeit in Niederösterreich nicht missen. Meine Kindheit bestand aus dem Eissalon Peter (dem besten Eis in Mödling), Fahrradtouren, Parks und netten alten Menschen. Ich war zwar in den 90ern die einzige Migrantin weit und breit, aber nichts desto trotz wurde versucht, uns das Gefühl zu geben, dass wir nicht anders sind. Na ja, außer die paar Mal, als Neonazis unser Auto zerstört haben.
Dann gab es da natürlich die Kirche. Ich kannte den Pfarrer—nicht, weil ich besonders oft in der Kirche war, sondern weil er in der Volksschule war, weil er im Hort war, weil er einfach so gut wie überall war, wo man in Mödling sein konnte. Genau wie in Braunschlag hatte der Pfarrer einen stark ausländischen Akzent. Ob er aus freien Stücken oder als Strafe in Wiener Neudorf war werde ich nie erfahren. Zumindest ranken noch immer Mythen um seine Person—angeblich hat er zwei uneheliche Kinder. Als Kind habe ich gedacht, dass sie heilig sein müssen.
In der Unterstufe wurde ich—wie viele Kinder in Wien Umgebung—nach Wien geschickt. Wenn man als Kind mit der Badner Bahn oder der Schnellbahn mit einer Stunde Schulweg nach Wien geschickt wird, dann härtet man ab. Jeden Tag extra früh aufstehen und zwei Stunden in Öffis verbringen … das verändert ein Kind. Natürlich sind die Schulen, in die wir gegangen sind, nicht irgendwelche Schulen gewesen. Wir waren alle in Spezialschulen. Die halt keine Sau in Wien kennt und die dann doch nicht so anerkannt sind.
Das ist aber irgendwie eh wurscht, weil die Eltern bei Gartentreffen mit anderen Eltern diese Schule trotzdem als speziell und besonders gut für ihr Kind darstellen. In der WU-Blase wird halt viel aufgebauscht. Mit zirka 14 wurde mein Wunsch, sehr cool zu sein, immer größer. Und mein Blick richtete sich nicht nach Wien, er richtete sich nach Mödling. Die einzige Disco in der Nähe—die damalige Nachtschicht in der SCS—war mein allererster Discogang. Plötzlich war ich platinblond und trug Hüfthosen.

Wenn wir in Mödling waren, dann waren wir in Tom’s Bar. Dort traf sich die jugendliche Elite aus Mödling und Umgebung, um Cocktails zu trinken. Ansonsten gab es in der Innenstadt das Barista und das Echtzeit. Cocktails saufen war ein Ding—eigentlich das einzige Ding. Räudige Partys gingen in der Redbox oder im Monkeytown—das von Minderjährigen gerne missbraucht wurde, um ihre ersten Räusche zu haben. Monkeytown war für meine Freunde auch irgendwie cooler als die Redbox—die Mödlinger Jugend spaltete sich da. Wenn es mal nicht die Schicht in der SCS war, fuhren wir mit unseren gefälschten Gucci-Taschen nach Baden—der Melkerkeller oder der Tanzpalast waren the Place to be.
Es gab da also diese Zeit, in der ich traurig war, dass ich nicht in Mödling zur Schule ging, aber diese Phase war schnell vorbei. Dann fing ich mit dem richtigen Fortgehen an. Ich wollte mehr. Relativ bald hatte ich Mödling durch. Die umliegenden Ortschaften samt den Partys habe ich immer häppchenweise erschlossen—kein Mensch denkt sich „Yeah! Heute lasse ich es in Gießhübl krachen.” Auch Menschen aus Wien Umgebung nicht.
In Wiener Neudorf gab es einfach kein Lokal, das Leben ausstrahlte. Und die Nachtschicht in der SCS langweilte mich bald. Das Heimkommen war quasi von egal wo unmöglich—also fand ich in dieser Zeit Männer mit einem Auto extrem sexy. Mein damaliger Freund hatte einen VW. Außerdem spielte gefühlt jeder interessante Junge Fußball bei der Admira.
Kein Mensch denkt sich ,Yeah! Heute lasse ich es in Gießhübl krachen.’ Auch Menschen aus Wien Umgebung nicht.
Wenn wir mit Freunden nach Wien zum Fortgehen reingefahren sind—um etwas Neues zu erleben zum Beispiel—dann war es die Nachtschicht im 22. Bezirk. Dort waren die anderen Jugendlichen aus Wien Umgebung unterwegs. Sonst standen nur platte 0815-Discotheken auf der Liste—nach einem coolen Lokal haben wir in Wien nie gesucht. Wien war doch eh schon cool. Ansonsten hingen wir viel im Einkaufszentrum, der SCS, ab. Meistens im Köö, im Kino oder in diversen Bars. Das war irgendwie für alle Jugendliche ein wichtiger Treffpunkt.
Wenn kein Auto zur Verfügung stand, dann war das Fortgehen in Wien quasi nicht möglich, außer man konnte glaubhaft versichern, dass man bei Wiener Freunden schläft. Und je älter wir wurden, desto wichtiger wurde Wien für uns alle. Wir machten uns Gedanken über ein Studium und Bezirke, in denen wir wohnen wollten. Ich habe angefangen, statt „voll” „ur” zu sagen.
Plötzlich war alles zuhause ur lame und megafad. Ich find an, mit meinen Eltern darüber zu diskutieren, warum wir in Wien Umgebung und nicht in Wien wohnten. Ich wollte nicht einsehen, dass wir für mein Lebensglück nicht ein paar Kilometer weiter ziehen könnten. Nach ein paar Jahren Erfahrung am Wiener Wohnungsmarkt weiß ich jetzt, warum es nicht so einfach war, für vier Menschen eine gleichwertig schöne Wohnung zu finden.
Einzig das Weinfest, das Feuerwehrfest und der Fasching haben es geschafft, mich für meine idyllische Heimat zu begeistern.
Ab 16 ich war nur noch in Wien fort, nur dort in der Schule—ich war bereit für meine Transformation zur Vollblut-Wienerin. Ohne den Bauerndrall. Einzig das Weinfest, das Feuerwehrfest und der Fasching haben es geschafft, mich für meine idyllische Heimat zu begeistern. Haben aber auch dazu beigetragen, dass sich in der späten Pubertät in mir ein gewisser Hass aufstaute: alle Menschen kamen mir einfältig, naiv und uncool vor. Bauern eben.
Ich habe es in der Jugend gehasst, dass Wien Umgebung weder Fisch noch Fleisch ist. Jetzt liebe und vermisse ich diese Tatsache. Weil sie Ruhe und Frieden bedeutet. Und in Mödling sind eigentlich eh genug Unterhaltungsmöglichkeiten. Die SCS ist ein einziger Hort der kapitalistischen Freude. Also ich hätte nichts dagegen, irgendwann zurückzuziehen. Und Kinder sollten sowieso in der Natur des Industrieviertels aufwachsen.
Nein ich mache nur Späße, ich würde nie nach Wiener Neudorf zurück. Aber Mödling oder Klosterneuburg sind schon ganz schön. Und ich weiß, dass sie zum aufwachsen ur dope sind.
Folgt Fredi auf Twitter: @schla_wienerin.
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