Manche Vororte sind palästinensische Flüchtlingslager, in anderen bauen schiitische Milizen Sozialwohnungen, andere sind die Heimat von Christen oder Armeniern. Von diesen Vororten liest man ab und an, nichts Gutes dann, von den meisten aber nicht. Das sind die Vororte, in denen die Mitglieder der libanesischen Band „Who Killed Bruce Lee” wohnen. Jedermannstadtviertel, in denen die Jugend ihren jeweils eigenen Slang aus Arabisch, Französisch und Englisch spricht. Je nachdem, auf welcher Schule man war.
Auch Wassim Bou Malham kommt aus einem dieser Vororte, er ist der Sänger der Band, gerade sind sie auf Deutschland-Tournee. Auch Malek Rizkallah kommt dort her, kennen gelernt haben sich die beiden in dem Café seines Vaters. Es ist ein Künstlercafé, dass Malek erben wird, „wie unsere Regierung ihre Ämter auch erbt”, sagt Wassim und lacht. Wenn er das sagt, dann schwingt immer ein bisschen Bitterkeit mit, wegen des Landes, wegen der Reputation.
Wassim hat selbst ein Restaurant, „Room for Three” heißt es, junge Menschen treffen sich hier, die sich vergnügen wollen. Beirut gilt innerhalb der arabischen Welt als Sündenpfuhl, außerhalb als Krisengebiet. Wenn man durch die Straßen geht, trifft man immer wieder Soldaten der UN-Missionen, die vor Ort sind. Auch deutsche Soldaten sind seit dem letzten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah vor Ort, im November starben 41 Menschen bei einer Anschlagserie von Daesh.
Jetzt sitzen wir in Berlin, Malek und Wassim kochen für uns. Es gibt „Fattet batenjen”, das Essen der Armen. Kross gebackenes Fladenbrot, Hackfleisch, geschmorte Aubergine, Knoblauchjoghurt und in viel Butter goldbraun geröstete Pinienkerne. Ein paar Leute aus dem Büro kommen dazu, wir essen zusammen. In Beirut gibt es diese Läden überall, viele sind 24 Stunden geöffnet, vor allem Nachts, in Verbindung mit Clubs und Alkohol, wird es viel gegessen. Es ist ein Essen für Beiruts Hedonisten und Nachtbesitzer, das Leben ist dann besonders aufregend und friedlich. Auch die Jungs von Who Killed Bruce Lee sind auf den ersten Blick unpolitisch, hedonistisch. In diesem heißen, überpolitisierten Klima hat das was allerdings etwas widerständiges, etwas anti-fanatisches, etwas anti-fatalistisches.
Essen ist für sie eine Blase, sagen sie. Ein Weg, den Alltag zu bestehen. Ein Weg, das politische aus ihrem Leben und ihrer Psyche zu blockieren. Wie die Musik auch. Wenn ein Abend mit Essen im Libanon beginnt, fragt man „Gehst du heute noch aus?”, was man selbstverständlich verneint. Denn diese Einladungen sind Festmahle, Gelage. Und wenn draußen ein US-amerikanischer Soziologe in einer Zeitung darüber nachdenkt, ob es nicht eine Option sei, Beirut zu zerstören und damit das Raketenarsenal der Feinde Israels, dann versteht man vielleicht, woher die Intensität der Stadt kommt. Alles ist jederzeit bedroht.
Das Album, das „Who Killed Bruce Lee” aufgenommen hat, heißt „Distant Rendevouz”, das Cover zeigt ein Paar aus Beiruts „goldener Zeit”, den 60er Jahren in denen Beirut als Paris des Nahen Ostens galt. Aufgenommen wurde es auf dem „Matyr Square”, was viel über die Zerrissenheit der Stadt erzählt. Das Album ist Sozialromatik, das ist der Wunsch nach einem anderen Libanon. Essen ist für sie im „Herzen jeder Kultur”. So wie es im „Room for Three” zugeht, so möge es auch im Rest des Landes sein. Dafür muss sich etwas ändern, jedes Restaurant ist in Beirut eine revolutionäre Zelle.