Andere Leute, normale Leute machen es sich an einem verregneten, herbstlichen Sonntagnachmittag im Oktober mit Kaffee und Kuchen vor dem Kachelofen gemütlich, wir vom Vice hingegen gehen zur Prelistening-Session des neuen Sido-Albums. Jetzt siehst du mal, wie krass wir WIRKLICH sind.
Dafür, dass sich HipHop-Deutschland in Mutmaßungen über dieses Album ergeht, dafür, dass die Gerüchteküche brodelt und alle Welt wissen will, in welchem Fäkalslang der Meister diesmal gedenkt, sein Genre zu revolutionieren, ist das Auditorium relativ überschaubar. Aber Alter, die Bravo ist da, wir sind da – Klasse regiert über Masse.
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Bevor wir zur kritischen Einschätzung dieser Veranstaltung kommen, nur eines: Aggro Berlin arbeitet mit unlauteren Mitteln. Erstens könnte der Charme der Aggro-Promolady Kaete vermutlich sogar aus der Releaseparty eines neuen Reen-Albums (das es hoffentlich nie geben wird) eine Veranstaltung zaubern, bei der man sich nicht alle zwei Minuten übergeben möchte. Zweitens hat sich Aggro Berlin mit dem Watergate eine Location ausgesucht, deren Anlage sogar das Rumpeln einer Spülmaschine so klingen lassen kann wie eine Primo-Produktion.
Entsprechend dick wummern die Beats aus den Boxen. Zwischendurch erklärt uns Sido höchstselbst jeden einzelnen der neuen Tracks. „Alter, es gibt so viele Gerüchte über mich, Alter. Die Leute sagen, Sido, warum behauptest du, du wärst Gangster und bist eigentlich gar kein Gangster? Alter, ich hab nie behauptet, ich wär Gangster. Ich bin einfach nur ein Junge von der Straße, Alter, darum ist „Straßenjunge” auch meine erste Single.” Als er seinen „Song für die Ladies ankündigt” und sich kurz darauf die Hookline in einem Vokabular ausbreitet, das zwischen ‚Ficken’, ‚Blasen’, ‚Spritzen’ noch die kleinste Nische abdeckt, dackelt Freundin Doreen (of Preluders und Solo-Fame – nun ja, nicht wirklich) an der Bühne vorbei und wirft ihrem Lover ein Luftküsschen zu, so als wollte sie sagen: ich freu mich auf Zuhause. Grotesk. Unterdessen bounct der ebenfalls anwesende Tim Renner zum Beat als hätte er schon Sidos Übernahmevertrag für Motor in der Tasche. Gerüchten zufolge soll Tim Renner ja das Vice Magazine ganz abscheulich finden. Wir sind darum ein wenig eingeschüchtert, halten uns bedeckt und provozieren lieber keine Konfrontation. Auch das Provokationspotenzial des neuen Sido-Albums, so viel steht fest, wird wohl keinen Schulhof der Nation in Aufruhr versetzen. Disstracks richten sich wenn überhaupt, dann nur gegen öffentliche Personen, von deren Crews man nichts zu befürchten hat. Vielleicht sollte Sido aber das Gefahrenpotenzial von Sarah Kuttner und ihren Homies nicht unterschätzen. Wir sind gespannt, welches Ausmaß deren Beef nach „Hure” annehmen wird. Wir empfehlen ein öffentliches Battle im Dummquasseln.
Ansonsten bewegen sich die Einsichten auf „Ich”, so der Titel des neuen Albums, zwischen gutbürgerlicher Werte-Konservierung, sentimentaler Selbstbespiegelung und dem üblichen Vulgär-Repertoire. Entwicklung unter Beibehaltung der Trademarks – das Übliche eben. Ende will Sido dann noch mit allen Jägermeister saufen. Vor allem mit seinem Homeboy Pierre von Seeed, der übrigens auch dick auf dem Album gefeaturt ist. Erst „Ich” und dann noch Jägermeister ist dann aber selbst für uns zu krass.
Amen, Alter!
Hustler Keaton
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