Alle Bilder: Screenshots via Codebabes
Codebabes versetzt seit einigen Tagen das Internet in Aufruhe: Bloggerinnen streiten sich mit naiven IT-Typen darüber, ob es sich hier um den nächsten Skandal handelt, der die Fortschritte des Internets und des Feminismus mit Füßen tritt—oder lediglich um eine fröhlich-unschuldige Aufklärung für mehr Geschlechtergleichheit im Internet. Spaßige digitale Didaktik mag ja theoretisch eine gute Sache sein—allerdings stellt sich natürlich die Frage, ob es wirklich nötig ist Lernfortschritte mit Titten zu belohnen.
Die Codebabes-Webseite wirbt damit, dass der Entkleidungsgrad der Ausbilderinnen proportional zur Entwicklung der Programmierer-Skills vom Level „Virgin“ zu „Advanced“ steigt. Bedenkt man, dass die meisten Code-Kurse auf Youtube von unattraktiven Klischee-Nerds moderiert werden und die Klientel angeblich vorrangig männlich ist, mag der Einsatz von nacktem Fleisch aus naiver Marketing-Denke à la „Männer sind auch nur pavlovsche Hunde“ naheliegend sein.
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Dass die Ausbilderinnen wissen, wovon sie sprechen und selbstbewusst als Expertinnen vor die Kamera treten hilft aber kaum dabei, den Sprung vom Objekt zum Subjekt zu schaffen, denn sie kleiden sich höchstwahrscheinlich nicht sexy—ein Wort das sie übrigens auch überaus gerne in ihren Vorträgen einsetzen—weil ihnen danach ist, sondern um die Fantasien und Vorlieben von anonymen Usern zu befriedigen und auf diese Weise wahlweise Geld oder Internet-Fame zu generieren.
Viel schlimmer aber ist, dass sie mit ihrer Aktion jeder möglichen Utopie, dass das Internet, die virtuelle Realität und Programmiersprache Werkzeuge der Gleichberechtigung sein könnten, ans Bein pissen.
Angesichts der unglaublich direkten und stumpfsinnigen Objektifizierung der Ausbilderinnen wird mittlerweile heiß diskutiert, ob es sich bei der ganzen Sache vielleicht um einen Hoax handeln könnte, der auf einer schwer zu knackenden Metaebene kritisiert, was im Internet falsch läuft. Das wäre an sich ganz nett, ist aber wahrscheinlich so wahrscheinlich wie Daniela Katzenbergers Einzug in die Feminist Hall of Fame, weil sie mit ihrem „sei schlau, stell dich dumm“-Prinzip einen angeblich cleveren Weg gefunden hat, um Kohle zu scheffeln—eben WEIL die Menschen, äh Männer, ja alle so doof sind, zu glauben, dass Frauen doof sind. Eine pseudofeministische Argumentation, die definitiv noch etwas logische Nachhilfe nötig hat.
Die Reaktionen oder nennen wir sie besser Ausreden von Codebabes sind denkbar naiv. Das Internet mit seinem Shitstorm solle sich doch mal locker machen und Objektifizierung gäbe es schließlich nur dann, wenn man es auch dazu machen würde. Dass Frauen in der IT-Branche aber tagtäglich diskriminiert werden und definitiv unterrepräsentiert sind (ca. 80% der Informatikstudenten sind immer noch Männer), scheint in dieser Perspektive keinen Platz zu haben.
Nele Preuss eine Programmiererin, die früher als Mann gelebt und gearbeitet hat, erzählte uns erst kürzlich von den Erfahrung, die sie am eigenen Leib gemacht hat:
„Jetzt als Frau höre ich zwar fast nie einen rauen Ton—aber auch fast nie eine fachlich adäquate Antwort. Es wird davon ausgegangen, dass ich gar nicht weiß, wovon ich rede—obwohl klar ist, dass ich diese Fragen nur stellen kann, weil ich das Fachwissen habe.”
Statt also mal ernsthaft darüber nachzudenken, dass Codebabes den Frauen in der Branche, die einfach nur ihrem Job und ihrer Leidenschaft für’s Programmieren nachgehen wollen das Leben mit dieser Aktion nicht gerade einfacher macht, sonnen sich die Codebabes-Macher lieber in der ganzen „Aufmerksamkeit“, die ihnen gerade zuteil wird.
Codebabes’ Reaktion auf den Sexismus-Vorwurf? Codedudes—eine Seite wie Codebabes, allerdings mit nacktem männlichen Fleisch zum Begaffen. Das mag dem #Aufschrei zum Thema ein klein wenig den Wind aus den Segeln nehmen, aber eigentlich unterstreicht es genau das, was hier das wirkliche Problem ist. Geschlecht und Sexualität werden in allen Bereichen des Lebens, gerne aber auch in den Medien und im Marketing, in althergebrachte Korsette gezwängt, die unsere Entwicklung als Spezies nicht gerade befördern.
All dies wirkt gerade in der zukunftsgewandten digitalen Technologie deplatziert—schließlich kannst du inzwischen mit der virtuellen Realität sogar bequem zum Gender-Tausch ansetzten, längst kennt auch Facebook mehr als 50 verschiedene Gender-Ausdrücke und Gaymer kämpfen gegen Homophobie in ihren Spielwelten. Natürlich muss das Internet und wohl auch die IT-Welt als ein berüchtigt-bewährter Hort sexistischer Kackscheiße gelten, aber es ist bis heute wie jede fortschrittliche Technik eben auch eine Inspirationsquelle für Techno-Utopien.
Das eigentliche traurige an der Nummer ist in meinen Augen nämlich weniger, dass die Frauen sich für den Scheiß zur Verfügung gestellt haben und hier das langweilige Idealbild der sexy Braut in Schuluniform zementiert wird, nein, das eigentlich traurige an der Sache ist, dass hier das Bild von Männern als minderbemittelte Höhlenmenschen, die einfach nicht anders können, propagiert wird. Genauso wie in den Werbespots, in denen Männer grundsätzlich darauf reduziert werden, dass sie Grills, Schnaps, geile Chicks, 72-Stunden-Deos, schnelle Autos und den lächerlichen Schwanzvergleich mit anderen schätzen.
Das Prinzip von Codebabes macht klar, dass ein Teil von uns leider noch weit davon entfernt ist als Spezies in absehbarer Zeit über uns selbst hinauszuwachsen. Wie wäre es denn mal damit einfach zu propagieren, dass Lernen oder großartige Dinge zu kreieren auch ohne Wichsvorlage oder Höhlenmenschverhalten funktioniert, auch wenn alle behaupten, dass das „halt so ist?“
Barbara ist selbstverständlich auf Twitter und scheißt auf Sexismus: @malibu__stacy
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