Manchmal ist die BBC echt ein Arschloch. Habt ihr das hier gesehen?
Natürlich habt das. Genau wie bisher vier Millionen anderer Leute. Es ist ein Clip, in dem Fiona Armstrong versucht, Darcus Howe zu bevormunden, einen früheren Black Panther aus Großbritannien.
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Nachdem diese Aufnahmen gezeigt wurden, fing das Internet ziemlich schnell an, sich über das peinliche Interview von Armstrong mit dem Mann, den sie gerne “Marcus Dowe” nennt, lustig zu machen. Vielleicht weil die herablassende Art von Armstrong ein ziemlich gutes Spiegelbild der Aspekte britischen Kultur darstellt, von denen viele glauben, dass sie der Auslöser der Krawalle waren. Aber vielleicht lag es auch daran, dass Darcus Howe seit mittlerweile 35 Jahren unermüdlich soziale Ungerechtigkeiten gegen die afro-karibische Community aufzeigt und gegen sie demonstriert, während Armstrong eine Idiotin ist, die Sendungen wie Fiona on Fishing ankündigt.
Letzte Woche war ich in Croydon, um Howe zu treffen und rauszufinden, was er über die Krawalle denkt und wie es ist, plötzlich wieder im Auge der Öffentlichkeit zu stehen.
Howe und ich saßen in seinem Wohnzimmer, umgeben von Bildern von ihm mit Jesse Jackson und Stokely Carmichael, Cricketschlägern, Büchern und einem Porträt seines Onkels, CLR James. Howe wirbelte mit seinem trinidasischen Stock herum, während er, entgegen der Empfehlung seines Arztes, an einem Glas Weißwein nippte und breitete seine ausschweifenden Geschichten über Wolken von Zigarettenqualm aus. Ab und zu nahm er Anrufe von Reportern aus aller Welt entgegen, die wissen wollten, wer er eigentlich ist und was er sonst noch so zu sagen hat.
VICE: Danke, dass Sie mich in ihr Zuhause gelassen haben, Mr. Howe. Wie war ihr Tag?
Darcus Howe: Ich war heute bei NBC und der Reporter hat ein paar merkwürdige Fragen gestellt, aber ich konnte sie beantworten und die Antwort war einfach: Ich glaube nicht, dass Cameron irgendwas über schwarze Jugendliche weiß, genausowenig wie der MP Lammt aus Tottenham. Sie schauen nicht hin und sie hören nicht zu. Wie hast du überhaupt was von mir gehört?
Sie sind auf YouTube!
Ah, davon habe ich gehört. Der Mist wurde millionenmal angesehen. Ich bin ein alter Mann aus der Karibik und ich tue mich ein bisschen schwer mit dieser ganzen Internetsache. Ich war noch nie drin, ausser wenn meine Frau es benutzt. Sie sucht Sachen und druckt sie für mich aus.
Ist ihrer Meinung nach die Polizei in den letzten Jahrzehnten degeneriert?
Ich habe weder die Polizei noch die Presse jemals als so degeneriert empfunden, wie ich das heute tue, beide sind miteinander verbunden und bestechen sich gegenseitig. Degenration ist massiv in den schwarzen Communitys, weil sie denken, dass wir nichts wissen. Sie haben diese orthodoxe Meinung über die Schwarzen, dass wir nichts wissen. Deshalb nenne ich mich selbst karibischen Neger. Mit Neger haben sie arme, ungebildete Leute bezeichnet und ich nehme das als Titel an. Sie schicken die schlimmsten Polizisten-die nicht mal ein normales Protokoll schreiben können-in unsere Viertel, um uns zu überwachen. Es waren also keine intelligenten und geduldigen Polizeieinheiten. Was die machen, ist Leute anzuhalten und sie zu durchsuchen und ihnen danach was anzuhängen.
Was meinen Sie mit anhalten und durchsuchen?
Die Polizei denkt, dass die herrschende Klasse sie braucht, um mit den Darcus’ dieser Welt klarzukommen. Deshalb werden junge Leute auf der Straße angehalten und durchsucht. Früher konnten sie sowas nur, wenn sie einen mit der Hand in der Handtasche von einer Frau erwischt haben. Das haben sie aber aufgegeben und ein Anti-Terror-Gesetz erlassen, das diesen Verdacht abschafft. Und so fängt die Geschichte über Leben und Tod von Mark Duggan an.
Warum wurde Marc Duggan getötet?
Weil ein Mann, der sich nicht unter Kontrolle hatte, eine Glock hatte und ihn weggeschossen hat. Alles, was ich über Duggan weiß, habe ich aus dem Foto, das ich von ihm sehe. Er blickt in die Zukunft. Ich weiß eine Menge über Leute aus der Karibik; ich kenne ihre Stimmen und ihre Gesichter. Duggan starrt bewegungslos, sein Körper ist ganz ruhig und er ist konzentriert. Ich glaube, er konnte einfach keine Kompromisse mehr eingehen und dann haben sie ihm in die Brust geschossen. Sie haben dem Polizeichef des Viertels nicht gesagt, dass sie da waren und mussten sich eine Geschichte ausdenken. In ihren korrupten Seelen habe sich sich dann diese Lügen ausgedacht und niemand, der ihn kennt, hat ihnen geglaubt. Er war kein schlechter Mann. Die Polizei wurde beim Lügen erwischt. Aber wisst ihr, wen die Polizei nicht verarschen kann? Die Leute von Broadwater Farm [dem Viertel wo die Krawalle begannen].
Warum haben die Leute angefangen, auf die Straße zu gehen? Hat die Arbeitslosigkeit was damit zu tun?
Es fing mit den Durchsuchungen an und das nächste waren die Plünderungen. Ich kenne Eltern aus der Karibik, die von Jobkürzungen betroffen waren. Sie gehen am Anfang des Monats in den Supermarkt und kaufen Essen und sperren dann den Kühlschrank zu. Manche Kinder bekommen einmal am Tag was zu essen. Als Teenager in Trinidad würden sie dich Saga Boy nennen, einen hübschen Jungen, mit guten Klamotten. Du hättest eine Freundin oder einen Freund und würdest gut aussehen, mit Schuhen und Mütze, aber sie können sich das nicht leisten. Deshalb zieht sie das alles an. Sie sind keine Kommunisten oder in einer Partei. Ein Kind wurde dabei erwischt, wie es Wasser geklaut hat. Er hat wahrscheinlich sein ganzes Leben lang diese kleine Flasche Wasser gesehen und wollte einfach wissen, wie Wasser schmeckt, das nicht aus der Leitung kommt.
Was genau meinte Fiona Armstrong, als sie sagte, dass Krawalle Ihnen ja nichts Unbekanntes wären?
In New Cross gab 1981 eine Explosion, weil 13 schwarze Kids eine Geburtstagsparty gefeiert hatten und irgendsoein Faschist ein Bombe in den Laden geworfen und sie umgebracht hat. Die Polizei war schockiert und ich habe Pamphlete gedruckt und wir haben 20.000 Leute auf die Straßen dieses Landes gebracht. Ich habe das mit organisiert.
Das war der Black People’s Day of Action am 2. März 1981, richtig?
1981 sind wir 17 Meilen von Deptford bis zum Hyde Park gelaufen. Es war die größte Demonstration von Schwarzen in diesem Land. Als mich ein Journalist fragte, wie es lief, hab ich ihm gesagt, “es war ein guter Tag.” An dem Abend brachte der Evening Standard, für den ich später geschrieben habe, ein Bild von einem Polizisten, dem Blut über’s Gesicht lief und dieses Zitat von mir. Das Foto konnte keinesfalls irgendwo an der Route aufgenommen worden sein. Ich war in meinen Dreißigern und voller Leidenschaft für die Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Es gab Konflikte bei anderen Demos. Wochen später haben sie mich angeklagt, weil ich Krawalle angezettelt hätte, aber ich habe gewonnen und wurde freigesprochen. Vermutlich wurde diese Frau Armstrong nicht richtig vorbereitet.
Was passiert in Großbritannien auf einen sozialpolitischen Level, das zu diesem ganzen Wahnsinn geführt hat?
Cameron hat Angst. Er ist mit seinem Tennistrainer nach Sardinien gefahren und sie haben ihn angerufen und ihm gesagt, dass die Kacke am Dampfen ist. Er hatte keine Ahnung, was da abgeht. Sie wussten nichts. Sie haben keine Ahnung von den Schwarzen aus der Karibik oder der weißen Arbeiterklasse. Politiker wissen gar nichts. Die weiße Vorherrschaft, die weißen, rechten Anhänger von totalitären Ideen lassen das jetzt alles an diesen Kids aus. Das nächste mal wird es Blut und Höllenfeuer geben. Dieses Land wird Dinge sehen, die es vorher noch nie gesehen hat und sie werden passieren. Es ist unausweichlich; nicht, dass ich es mir wünsche. Das Einzige, was Assad in Syrien anders macht als Cameron, ist Panzer auf die Straßen zu bringen. Cameron erschießt Libyer und jeder weiß, dass es wegen des Öls ist. Das hier ist ein ölfressendes Land.
Was würdest du ändern, wenn du könntest?
Ich will mich nicht erheben und den Leuten sagen, was sie anders machen sollen oder wie ich mir vorstelle, dass sie sich verhalten sollen. Frantz Fanon hat mal gesagt, dass die Leute sich drehen, wenn sie sich entwickeln und dass sie den Schwung davon auf ihre Feinde richten und genau das sehen wir gerade. Es ist ein Kampf gegen die Sklaverei und den Kolonialismus. W.E.B. Dubois hat alle Teile der Gesellschaft gesehen; schwarz, weiß und die Arbeiterklasse. Er hat gesagt, dass wir an der Gesellschaft auf Basis von absoluter Gleichheit teilnehmen sollen, genauso wie ein Weißer. Oder wir nehmen eben gar nicht Teil. Das hier wird der letzte große Kampf im Westen.
Das ist hart. Danke für das Gespräch.
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