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Das Geschäft mit der Zukunft

Ausschnitt aus einer Daten-Visualisierung der aktuellen Affäre um die NSA-Überwachung von Staatschefs und ihre zukünftige Entwicklung.

Heute treten Deutschland und Brasilien vor der UNO mit einer Resolution für Privatsphäre ein – aber was wird morgen oder nächste Woche aus dem Thema werden? Einige wissen das schon lange und müssen dafür weder E-Mails überwachen, noch das Telefon von Angela Merkel abhören. Denn Sekunde um Sekunde gehen abertausende Bilder, Videos und Textschnipsel dazu ins Netz und diese Daten können innerhalb kürzester Zeit aussagekräftig visualisiert werden. Dank unserer verdateten Informationsgesellschaft und Unternehmen wie Recorded Future wird die Zukunft vorhersagbar, auch ohne geheimdienstliche Spionage.

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„Menschen lieben die Idee des bösen Masterminds. Aber du kannst lange versuchen einen Schweden dazu zu bringen etwas Bösartiges zu machen – das wirst du nicht schaffen. Wir sind nette Leute.“ Christopher Ahlberg, der Gründer von Recorded Future ist ein echter Unternehmer. Einer mit dem Gespür für den richtigen Moment, in dem er den kleinen Schritt wagt, mit dem dann das große Geld gemacht wird.

Nach der Gründung von Spotfire Mitte der 1990er Jahre, gelang ihm dies mit seinem jetztigen Unternehmen ein zweites Mal. Ein Softwareunternehmen, das die ständig wachsende Menge öffentlicher Daten aufzeichnet und analysiert und manchmal so auch die Zukunft vorhersagen kann.

‚Recorded Future‘ gibt Antwort darauf, was in einer Stunde, morgen, oder nächstes Jahr passieren wird. Die Software schafft es aus Big Data Sinn zu generieren. Sie basiert auf der Idee, das Daten unser Wissen über die Welt perfektionieren können und schließlich auch die Welt verbessern werden. Das Internet als Archiv unserer Gedanken, Handlungen und Beziehungen ist eine Goldgrube.

Auf dieser Grafik wird ersichtlich, welche Länder in Bezug auf den NSA-Überwachungsskandal wann erwähnt wurden, und wie sich die Aufmerksamkeit entwickeln wird. (Größere Bilddarstellung hier)

2008 gegründet haben schon kurz darauf, die Investorenarme des CIA und von Google, mit In-Q-Tel und Google Ventures, massiv in ‚Recorded Future‘ investiert. Die genauen Summen wurden nicht bekannt, lagen aber wohl bei jeweils rund zehn Millionen Dollar. Zunächst verschwiegen CIA und Google ihr Investment, was die Kritik daran nur verstärkte. Es war zwar nicht das erste Mal, dass sich Google und die CIA näher kommen, allerdings wahrscheinlich das erste Mal, das beide Datenkraken quasi gleichzeitig dasselbe Start-Up förderten.  

‚Recorded Future‘ scannt hunderttausende Webseiten, Blogs, Twitter Accounts und untersucht die Verbindungen zwischen Menschen, Organisationen, Handlungen und Vorfällen. Auf Basis von schon Geschehenem, wird so die Zukunft vorausgesagt. Die Software geht über eine klassische Textsuche weit hinaus, weil sie sich die unsichtbaren Links ansieht. Es ist das Prinzip, mit dem Google 1998 die Welt der Suchmaschinen auf den Kopf stellte. Statt der Textanalyse, die sich auf die einzelnen Dokumente bezieht, führten sie einen PageRank Algorithmus ein, der sich die Links zwischen Homepages ansieht.

‚Recorded Future‘ funktioniert ähnlich. Was sie dabei von ihrer Konkurrenz abhebt ist, dass sie sowohl Ort und Zeit (“spatial and temporal analysis”) heranzieht, als auch untersucht, welche Stimmungen und atmosphärischen Untertöne (“sentiment analysis”) die Berichterstattung birgt. Auf diese Weise können zum Beispiel Meinungen über den möglichen Zeitpunkt eines künftigen Ereignisses erhoben werden. Außerdem arbeitet das Programm mit statistischen Modellen, die sich historisch ähnliche Ereignisketten ansehen.

Damit lässt sich beispielsweise analysieren, wann und wie China in afrikanische Länder vordringt. Wie Christopher Ahlberg beim Pioneers Festival in Wien erklärt, lassen sich so auch terroristische Akte prognostizieren, denn diese laufen in den seltensten Fällen nach dem „Ticking-Bomb-Szenario“ ab: „Terrorismus passiert, weil Menschen durstig sind, dann hungrig, dann wütend, und so weiter.“ Er betont, dass unter seinen Kunden, nicht bloß Regierungen und Hedgefonds seien, sondern auch Nichtregierungsorganisationen. Ahlberg beteuert immer wieder seine guten Absichten, mit dem Programm, aber wer versteckt sich hinter den anonymen Kunden? Die Firma ist US-basiert, was ihn rechtlich darin hindert sein gefährliches Wissen in bestimmte Länder zu exportieren. Und China, betont er, würde er persönlich aber sowieso unter keinen Umständen beraten wollen.
 
Einen Sinn aus Big Data herauszulesen, ist der Traum vieler und ja, klar, theoretisch ließe sich die Methode in alle möglichen Bereiche unseres Leben übertragen: Was werde ich zum Beispiel morgen essen, was lesen, wen lieben, oder auch töten?

Eine kürzlich publizierte Facebook-Studie zu Paarbeziehungen veranschaulicht deutlich, worum es bei datenbasierten Zukunftsvorhersagen gehen kann. Die Forscher schlussfolgerten aus ihrer Netzwerkanalyse, dass Beziehungen am Ehesten halten, wenn die Partner mehr als nur Gemeinsamkeiten haben. Ja, wir lieben nicht nur unser Spiegelbild, welch Überraschung. Dass die Zukunft vorherzusagen, oft auch schlicht heißt, zu sagen, was auf der Hand liegt, gehört wohl zum Grundwissen jeden Wahrsagers. Auch Christopher Ahlberg hat das gut verstanden und auf unsere heutige verdatete Welt übertragen: „Wir sind in einer Welt, in der schon so viel öffentlich ist. Heute brauchst du nichts Verrücktes mehr tun um zu wissen, was morgen sein wird.“
 
MOTHERBOARD: Es gibt ja viele, die bezweifeln, dass man aus all den Daten je wirklich einen Sinn wird herauslesen können… Ihr scheint das ja doch zu tun, aber wo ist denn euer Limit?“

CHRISTOPHER AHLBERG: Wir kommen zu Resultaten, die es schaffen Unruhen in der Welt zu 85 bis 86 Prozent vorherzusagen, wir haben immer mehr Daten, es ist fantastisch. Aber nehmen wir das Beispiel Indien versus China. Indien funktioniert wunderbar, wir können auf Tage genau prognostizieren, wo es Unruhen geben wird. In China funktioniert das nicht. Warum? Die haben 30.000 Leute, die das Internet beobachten und alles abstellen, was auch nur ein wenig Gespür für Unruhen geben könnte. Und wenn das nicht klappt, dann kommen sie eben zu deinem Haus und erschießen dich. Also ja, es gibt Grenzen.

Nutzt du „Predicted Future“ manchmal einfach nur aus Spaß?

Klar, ich habe dich vor unserem Interview erstmal von unserer Software analysieren lassen. Nein, nein, nicht wirklich keine Sorge.

Mich würde eigentlich eh viel mehr interessieren, was aus Syrien wird.

Mich und viele im Unternehmen interessiert Geopolitik sehr. Anfangs hatten wir einige Ideen, die mehr konsumentenorientiert waren, aber wir haben noch nicht den richtigen Zugang hierfür gefunden.

Mein zehnjähriger Sohn ist aber ein gutes Beispiel, wie so etwas funktionieren könnte. Er kommt oft zu mir und fragt: Wann kommt das neue I-Phone? Welche Features wird das neue I-Pad haben?

Klar, da gäbe es bestimmt Interesse auch für ganz banale Fragen. Wird meine Beziehung halten oder auch, wer wird mich in zehn Jahren anstellen?

Ja klar, wobei das nicht simpel vorherzusagen ist: werde ich in zehn Jahren verheiratet sein? Ich weiß es nicht. Aber ich muss dazu sagen, dass wir uns private Daten nicht anschauen. Wir sehen uns eher Facebook-Gruppen an, wie sie bei den Unruhen in Ägypten aufkamen.

Mit all diesem Wissen dazu, wie viele Daten eigentlich öffentlich sind und was man aus ihnen herauslesen kann: Was ist denn deine persönliche Einstellung zu Privacy?

Ich bin ein großer Fürsprecher von Privatsphäre. Eigentlich suche ich selbst nach Orten im Internet, wo ich nicht sein will und stelle sicher, dass ich von dort verschwinde. Ich verwende da sehr viel Zeit darauf, da bin ich ein bisschen ein Geek. Unser System versucht Weltpolitiker zu verstehen, Unternehmen, Produkte und Märkte, wir interessieren uns sehr wenig zu jemandem als Person. Wir hatten in den dreieinhalb Jahren auch nur eine Anfrage von jemandem, der von unserem Index entfernt werden wollte. Es war ein Barista aus Colorado und wir mussten ihm dann antworten: Es tut uns wirklich leid, aber Sie sind nicht in unserer Datenbank.

Gut, persönlich legst du viel Wert auf Privacy. Aber wie ist es denn im Allgemeinen um Privacy bestellt?

Wir sollten besorgt sein. Die Menschheit hat die Idee von Privatsphäre aufgegeben. Ich meine, sieh dir die Leute hier an, ‚gehe gerade zur Toilette‘, sie tweeten permanent. Twitter ist eine öffentliche Welt, da liegt es schon auch an einem selbst. Bei Facebook weißt du es nie wirklich, was jetzt nun Privacy ist, aber scheinbar könnte man dort seine eigene kleine private Welt haben. Aber es ist sehr wichtig, dass wir entscheiden können, das ist meine Grenze, da will ich allein sein, stört mich nicht.

Dafür überwachst du wohl deine Kinder, auf dass sie nicht Fotos ihrer Wochenenden ins Netz stellen?

Ja genau. Mein Sohn kommt permanent zu mir und fragt: Bitte kann ich einen Instagram Account haben? Kann ich einen Instagram Account haben?  Und ich sage: Nein du kannst keinen Instagram Account haben.

Aus den 350.000 Datensätzen, hat uns die Software „Predicted Future“ eine Übersicht zur aktuellen Affäre um die NSA-Überwachung von Staatschefs visualisiert. Die Grafik erfasst sowohl die letzten Wochen als auch eine Prognose der zukünftigen Entwicklung.
Das Cluster in der Mitte zeigt, worauf sich alle konzentrieren; die Distanzen sagen aus, wie oft was gemeinsam erwähnt wird. Die Größe der Punkte stellt das Gewicht der Information dar. // (Größere Bilddarstellung hier) // Bildrechte des obigen Portrait-Bildes:
Morgan Palmer

Was wäre denn gerade eine Frage, bei der du gern in die Zukunft blicken möchtest?

Die NSA Abhörgeschichte. Viele europäische Politiker sind empört über die USA, aber in Wirklichkeit glaube ich nicht, dass sie so entrüstet sind. Sie nützen das als Show, weil sie wissen, dass sie dasselbe wenn nicht mehr tun. Wenn es einen Weg geben könnte zu verstehen, was hier tatsächlich der Fall ist, das würd mich wirklich interessieren. Sind die USA und Europa wirklich am auseinander driften? Oder ist das nicht bloß eine Show und eigentlich rücken sie sich näher als je zuvor…”

Innerhalb von Stunden erhielten wir von ‚Predicted Future‘ daraufhin erste Visualisierungen zur NSA-Affäre. Ohne Prognosen, was uns da noch bevorsteht, versteht sich, dafür müsste schon die Kanzlerin selbst anfragen und vor allem, zahlen. Denn umsonst würde sich die Software von ‚Predicted Future‘ nicht durch unser Datenchaos zur Zukunftsprognose durchwühlen. Zwar, wurde schon mal für einzelne Nichtregierungsorganisationen ein Auge zugedrückt, aber Preise nennt Ahlberg keine. Und auf die Frage, wie teuer es denn für einen Kunden ist, von ihm ein Zukunftsszenario vorhergesagt zu bekommen, antwortet er schlicht: „Sagen wir einfach, dass es teuer ist.

Wir hoffen einmal, er stellt uns keine Rechnung.

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