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Viralität tötet Wahrheit

Das Internet ist manchmal ein düsterer Ort. Foto via Flickr Julian Burgess.

Der virale Hit im November war ein rührseliger Blogeintrag: „Why I make Terrible Decisions, or, poverty thoughts.” Auf der Kinja Plattform von Gawker wird dort versucht die Gedanken von Menschen, die in großer Armut leben, zu erklären. Der ausschweifende und bewegender Text spricht Aspekte des Armseins an, die oft vernachlässigt werden, und porträtiert ein Leben, in welchem jede Entscheidung von Erschöpfung und fehlendem Geld bestimmt wird:

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„Wir werden niemals hoffnungsvoll sein. Wir haben niemals Urlaub. Niemals. Wir wissen, dass jeder Aspekt der Armut garantiert, dass wir niemals nicht arm sein werden. WIr haben nicht viel Raum uns zu verbessern. Wir bewerben uns nicht auf Jobs, weil wir es uns nicht leisten können gut genug auszusehen, um den Job zu behalten.”

Die Autorin, Linda Walther Tirade, richtete eine Crowdfunding Seite ein, als ihr Blogeintrag virale Verbreitung fand. Sie sammelte mehr als 40.000 Euro—genug um einen ihrer Jobs zu kündigen, eine Zahn OP zu finanzieren (ihre Zähne seinen der Grund, warum sie ihren Wunschjob nicht bekam, sagte sie), ein Buch zu schreiben oder eine Nichtregierungsorganisation zu gründen, welche Menschen in Armut helfen könnte.  

Linda ist jedoch gar nicht in einem auswegslosen, jahrzehntelangen Sumpf der Armut gefangen, wie man es nach der depremierend-erbaulichen Lektüre ihres Aufsatz vielleicht denken könnte—so hart wie ihr Leben auch momentan sein mag. Linda ging auf eine Privatschule, was sie teilweise mit einem Stipendium finanzierte, arbeitete in der Politik und „verbrachte einige Zeit damit, sich gelegentliche an der Uni rumzutreiben”

Inzwischen hat sie ihrem Blogeintrag eine Anmerkung hinzugefügt: „Nicht alles in diesem Text ist über mich. Aus diesem Grund habe ich auch gesagt, dass es allgemeine Beobachtungen sind. Mein Leben wird nicht auch nicht vollständig beschrieben: deswegen habe ich erwähnt, dass es sich um stichprobenartige, und nicht um vollständige Beobachtungen handelt.”

Linda behauptet auf ihrer GoFundMe Seite, dass wir verstehen sollten, dass ihr Stück „aus dem Kontext gerissen wurde, dass ich niemals damit ausdrücken wollte, dass all diese Dinge mir gerade widerfahren, oder dass es mir noch immer so elendig geht.” Es ist nicht ganz klar, was sie damit meint und welche Elemente des Essays tatsächlicher ihr Leben korrekt beschrieben. Aber die eigenartigen nachträglichen Anmerkungen und die weggelassenen Fakten haben dazu geführt, dass mehr als ein Kommentator Linda des Verfassens von „Armuts Fan-Fiction” beschuldigt hat.

Eigentlich ist es auch egal, wie viel von Lindas Aufsatz nun tatsächlich wahr ist. Die Facebook-freundliche Zusammenfassung („Frau, die in schwerster Armut lebt, beschreibt auf wunderschöne Art ihre persönliche Hölle!”) bricht in sich zusammen, wenn man sich den Text genau ansieht. Für virale Geschichten ist das in der Tat nichts ungewöhnliches. In den meisten Fällen sind die Dinge, die die Leute mit ihren Freunden teilen, glatte Lügen.

Eine Geschichte von Menschen in Flugzeugen, die Arschlöcher sind, bekommt eine Menge Aufmerksamkeit, bis der Typ, der dahinter steckt, beichtet, dass es nicht wahr ist.

Geh einfach mal durch dein Facebook Feed und die Chancen stehen gut, dass du auf eine Handvoll Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und Falschmeldungen in Form von Rundbrief stößt. Im letzten Monat habe ich Links zu Artikeln gesehen, die den ehemaligen liberianischen Präsidenten Charles Tayler als CIA Agent enttarnen, die von Chinesen berichten, welche aus menschlichen Föten gemachte Suppe essen —ein altes aufgewärmtes rassistisches Gerücht—, und eine Fabel darüber, wie einer lesbischen Kellnerin und Ex-Marinesoldatin von einem homophoben Paar kein Trinkgeld gegebenen wurde.

Abgesehen von der letzten Geschichte wäre es schon mit einer einfachen Google-Suche herauszufinden, dass diese angeblich so krassen OMG und WTF-Stories entweder veraltet oder schlicht unwahr sind. Der tiefere Sinn hinter dem Internet sollte doch sein, dass du prinzipiell die ganze Bandbreite des menschlichen Wissens vor dir liegen hast! Die Recherche des Wahrheitsgehalts deines nächsten Facebook Posts dauert eigentlich kaum mehr als zwei Sekunden.

Du kannst das Internet als eine Sammlung von beliebigem Kleinkram ansehen und es als deinen Job verstehen, all dies zu kuratieren—und dabei sind einige deiner Fundstücke vielleicht „wahrer” als andere. Aber was wirklich zählt ist, ob sie genug Liebe oder Hass in dir hervorufen, um auf dem sozialen Netzwerk deiner Wahl geteilt zu werden. Die objektive Wahrheit ist ja sowieso nur noch ein postmoderner Mythos, nicht wahr? Es gibt keinen Grund jede Aussage unabhängig zu bestätigen, und außerdem hast du dafür auch gar keine Zeit, weil du ja ständig „Gefällt mir” klickst. Und voilà, so entstehen viral verbreitete Unwahrheiten, wie das vor zwei Jahren fälschlicherweise Martin Luther King zugeschriebene Zitat.

Unwissentlich falsche Informationen zu teilen ist nicht so schlimm—kann ja mal passieren. Aber wenn es wieder und wieder vorkommt, dann wird das Internet mit Gerüchten überflutet, und es wird viel schwieriger herauszukriegen, was Martin Luther King wirklich gesagt hat. Die Neigung einiger Menschen einfach blind alles zu teilen, was sie in dem Moment toll finden, führt zur Produktion, Verpackung und Versendung von viralem Content, der voller Lügen ist, aber mit einer rührseligen Schleife auf seine digitale Infektionsreise geschickt wird.

Bestimmt bist du schon über den ein oder anderen Post von ViralNova gestoßen. Die Seite wurde von einem Unternehmer gegründet, der ein Geschäftsmodell daraus gemacht hat, traffic-generierende Webseiten aufzubauen, die Fotos und Geschichten aufgreifen und verbreiten, wenn sie die Facebook-typische Überschriften stimmt: „Bei der Hälfte der Fotos, konnte ich eigentlich nicht mehr, aber ich bin froh, es dann doch zum Ende geschafft zu haben…Unglaublich Krass.“

Ähnlich wie BuzzFeed oder Upworthy ist alles, was ViralNova veröffentlicht entweder überwältigend, herzzerreißend oder umwerfend. „Ein Trommelfeuer emotionaler Highlights,“ so beschreibt es Oliver Burkeman im Guardian. Burkeman sagt aber auch, dass viele Beiträge auf diesen Webseiten einfach nur Falschmeldungen seien, die von Kettenemails stammen, etwa wie die Meldung über den Hund, der von seinem Besitzer zurückgelassen wurde, als dieser in den Irak geschickt wurde.

ViralNova ist die „Wahrheit“ scheißegal. „Wir sind keine Nachrichtenquelle, wie sind keine professionellen Journalisten, uns ist das alles völlig egal,“ erklären die Betreiber der Seite stolz in ihrer Selbstbeschreibung. Den Leuten, die die Meldungen von ViralNova weiterverbreiten ist es auch egal. Wenn du nämlich versuchst Traffic durch virale Posts zu generieren, dann solltest du schon etwas liefern, was den Hunger des Internets nach Skandalen und Emotionen auch genügend Nahrung liefert.

Nimmst du dir dagegen die Zeit, zu überprüfen, ob etwas Bullshit ist, verlierst du schnell die heißersehnten Klicks. So schrieb das Wall Street Journal in einem Artikel über Neetzan Zimmerman, Gawkers Traffic-Magneten, „In verdächtigen Fällen, versucht Mr. Zimmerman, den Wahrheitsgehalt seiner Geschichten zu reflektieren. Aber das Aussprechen der Wahrheit tötet Viralität und das reduziert Traffic.“ Man kann es auch anderes sagen: Viralität tötet Wahrheit. 

Hier ist noch ein weiteres Beispiel: Vor ein paar Monaten waren einige Leute meines Facebook-Feeds in heller Aufregung über die Nachricht vom Polizeichef der Stadt Gilberton in Pennsylvania, der seine Gemeinde als Geisel hielt, und zu allem Überfluss auch noch das Oberhaupt einer rechten Miliz war. Der verbreiteten Geschichte nach, gab es einen „Netzausfall“, wegen dem die etablierten Medien nichts zum Vorfall berichteten. Trotzdem hätten es die Einwohner geschafft, die Bundespolizei um Hilfe zur Verhinderung einer bewaffnete Revolte zu bitten.“

Nichts von all dem entsprach der Wahrheit. Der einzige Polizist der Stadt, Mark Kessler, hatte ein paar Videos von sich aufgenommen, in denen er über Obama und die Welt herzieht, woraufhin der Stadtrat von Gilberton Kessler für sein ungebührliches Verhalten suspendierte. Seine Unterstützer wiederum ließen es sich nicht nehmen aus Protest eine Pro-Waffen-Demo zu veranstalten. Aber diese Version des Kleinstadtdramas war nicht genug für das Internet und so wurde die Geschichte mit Details von verschwörungstheoretischen Webseiten aufgepäppelt und durch eine ganze Reihe von halb-seriösen Blogs geschickt, um einige leichtgläubige, Menschen hinters Licht zu führen. Die ganzen falschen Meldungen über Gilberton sind immer noch online, ohne das irgendjemand ihren Widerruf gefordert hätte. Man könnte sich leicht vorstellen, das diese Meldungen wieder aufgegriffen werden, von Menschen, denen die Berichte über die Falschheit dieser Meldungen entgangen ist.

Es gibt keine eindeutig Lösung, um den ständigen Wellen der Desinformation, die die sozialen Netzwerke überschwemmen, zu entgehen. Facebook könnte seinen Nutzern die Möglichkeit geben Beiträge als „unwahr” oder „als Gerücht” zu markieren. Aber das würde dann wahrscheinlich genauso ausgenutzt werden, wie der ehemalige „als unpassend markieren” Button. Blogger und Redakteure könnten mehr Zeit mit Recherche verbringen—nicht mal große Bücher von Journalisten sind immer komplett auf Fakten gecheckt. Es scheint also ein bisschen viel verlangt zu sein, dass gesamte Internet auf Faktizität zu prüfen. Wir müssen alle ein bisschen skeptischer werden, was die Links angeht, die wir täglich zugeschickt bekommen. Wahrscheinlich sollten wir die gutmütige Beweisführung umkehren und erstmal davon ausgehen, dass alles eine klickgenerierende Halbwahrheit ist, es sei denn, es wurde offensichtlich von genug Quellen bestätigt. Und wenn etwas richtig krass ist und gar nicht wahr sein kann, dann ist es das mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch nicht.

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