„Heul doch, Terror-Thilo!“

Am Sonntagmorgen sollte Thilo Sarrazin im Berliner Ensemble in einem sogenannten „Foyergespräch“ mit zwei Cicero-Journalisten über die Thesen seines Buches Der neue Tugendterror diskutieren. Am Dienstag hatte Sarrazin sein Buch bereits in Potsdam vorgestellt, der dort moderierende Cicero-Journalist agierte aber eher als Stichwortgeber, dem Publikum wurden danach genau drei Fragen erlaubt. Am Sonntag sollte Sarrazin wahrscheinlich etwas mehr in die Mangel genommen werden, dazu kam es aber nicht.

Schon vor dem Ensemble hatten sich an die hundert Demonstranten versammelt, die Schilder mit „Wir sind Kopftuchmädchen“ oder „Heul doch, Terror-Thilo!“ hochhielten. Viele von ihnen gehörten zum Berliner Migrantenverein Allmende. Einige der Demonstranten hatten sich aber auch Tickets zur Veranstaltung gekauft und empfingen Sarrazin bei dessen Einzug mit Rufen wie „Hau ab!” oder „Rassist!“. Das machte wiederum die regulären Besucher ziemlich sauer, so dass es wiederholt zu Rangeleien kam. „Sie sind ja ein ganz Mutiger“, rief der Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer einem Demonstranten genervt zu. „Als Sie noch kurze Hosen hatten, da hab ich schon demonstriert—aber anständig!“ Sarrazin schwieg.

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Nachdem die Demonstranten sich nicht beschwichtigen ließen, versuchte die Direktorin des Berliner Ensembles, Jutta Ferbers, es mit Basisdemokratie: Sie ließ per Handzeichen abstimmen, ob die Veranstaltung fortgesetzt werden sollte. Obwohl die Mehrheit der Anwesenden dafür war, machten die Demonstranten weiter Krawall. 

Ferbers ließ dann eine der Demonstrantinnen ans Mikro, die sich als eine der „dummen Gemüsehändler von nebenan“ und als „muslimische Gebärmaschine“ vorstellte. Sie nannte Sarrazins Thesen „rassistisch und sozialdarwinistisch“ und kritisierte, Sarrazin stilisiere sich „zum Opfer einer vermeintlich linken Meinungsdiktatur“. 

„Aber allein, dass er heute hier ist und den Salon füllt, führt den Gegenteil“, rief die junge Frau und meinte wahrscheinlich Gegenbeweis. Sie kündigte an, jetzt den Saal verlassen und draußen weiter demonstrieren zu wollen. Ihre Mitstreiter hatten aber andere Pläne. Sie pfiffen und johlten weiter, so dass Ferbers irgendwann vor der Entscheidung stand, die Polizei zur Hilfe zu holen oder die Veranstaltung abzubrechen. 

Weil sie anscheinend davor zurückschreckte, im von Bertolt Brecht gegründeten Berliner Ensemble die Kerls mit den Schlagstöcken (die bereits im Gang warteten) auf Demonstranten loszulassen, entschied sie sich für Rückzug. „Das Berliner Ensemble beugt sich genau diesem Meinungsterror, der hier gerade stattfindet“, erklärte die Direktorin dem Publikum. „Herr Sarrazin hat eben schon gesagt: ,wir haben versagt.’”

Sarrazin verließ das Ensemble durch die Hintertür, die Gäste bekamen ihre Tickets zurückerstattet, und die Demonstranten jubelten über ihren Erfolg. Trotzdem bleibt die Frage, ob man jemanden, der vor einer „linken Meinungsdiktatur“ warnt, am wirksamsten widerlegt, wenn man ihm den Mund verbietet. Sarrazin wird sich in seiner These wieder einmal bestätigt fühlen. Nach der Aktion vom Sonntag werden mehr Menschen geneigt sein, ihm Recht zu geben.

Am Sonntag sollte im Berliner Ensemble eine Podiumsdiskussion mit Thilo Sarrazin stattfinden.
Björn Kietzmann

Sarrazin kommt im Berliner Ensemble an.
Björn Kietzmann

Ungefähr hundert Demonstranten hatten sich vor dem BE versammelt.
Björn Kietzmann

Das Berliner Ensemble wurde von Bertolt Brecht gegründet.
Björn Kietzmann

Während die Polizei im Ensemble nicht eingreifen durfte, kam es davor zu mindestens zwei Festnahmen.
Björn Kietzmann

Wütende Demonstranten diskutieren vor dem Berliner Ensemble mit der Polizei.
Björn Kietzmann

Die Direktorin des BE, Jutta Ferbes, diskutiert mit der Polizei über eine mögliche Räumung.
Björn Kietzmann

Björn Kietzmann

Im Berliner Ensemble warteten mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten auf grünes Licht für ihren Einsatz.
Björn Kietzmann

Vor dem Ensemble ging die Polizei sporadisch gegen Demonstranten vor.
Björn Kietzmann

Björn Kietzmann

Sarrazin musste das Berliner Ensemble durch die Hintertür verlassen.
Björn Kietzmann

Nach der abgebrochenen Veranstaltung demonstrierten die Gegner weiter.
Björn Kietzmann

Nach der abgebrochenen Veranstaltung demonstrierten die Gegner weiter.
Björn Kietzmann

Viele der Demonstranten gehörten dem Migrantenverein Allmende an.
Björn Kietzmann

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