Der nerdigste Schrein in Japan

Washinomiyamachi ist eine kleine Stadt etwa eine Stunde mit dem Zug entfernt von Tokios pulsierendem Zentrum. Aber im Gegensatz zu Osaka, das, in einem erfolglosen Versuch Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, eine 60,9 Milliarden teure Müllverwertungsanlage gebaut hat, die aussieht wie ein Schloss aus Alice im Wunderland, das von einem dreijährigen Kind gezeichnet wurde, war Washinomiyamachi nie an Hype interessiert.Eigentlich war diese 38.000-Einwohnerstadt, in der es noch nicht mal irgendeine Art von Treffpunkt für junge Leute gab, kurz vorm Sterben. Das hat sich vor drei Jahren schlagartig geändert, dank eines ganz bestimmten Schreins. Washinomiyamachi ist jetzt ein Otaku-(jemand der ständig zuhause abhängt und sich nur mit Comics und Spielen beschäftigt)-Mekka auf dem gleichen Level wie Japans Freak-Hauptstadt Akihabara.

Alles fing mit einer Anime Serie mit dem Titel Raki Suta (Glücksstern) an, die ab April 2007 gesendet wurde. Die Stars des Anime waren zwei Schwestern, die die Töchter des Hauptpriesters eines Schreins waren—aber nicht irgendeines Schreins, sondern des Washinomiya-Schreins in Washinomiyamachi. Fans des Animes haben sich diese Kleinigkeit natürlich gemerkt und haben angefangen in Massen zu dem tatsächlichen Schrein in Washinomiya zu pilgern.

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Jedes Wochenende  treffen sich die Otaku an den Parklplätzen vor dem Schrein und dem Rathaus um ihre Autos und Fahrräder zu präsentieren, die sie mit Anime und Videospielcharakteren geschmückt haben, sie reden fröhlich mit den Ladenbesitzern, als wären sie schon ewig beste Freunde. Obwohl sie zuerst nicht so begeistert über diese Neulinge waren, haben sich die Einwohner von Washinomiyamachi so an die Aufmerksamkeit gewöhnt, dass sie 2008 offiziell die fiktiven Hiiragi Schwestern und ihre Priestereltern als Einwohner registriert haben. Das ist in etwa so, als würde New York Spiderman einen Führerschein ausstellen.

Im neuen Jahr, immer zwischen dem ersten und dritten Januar ist es in Japan üblich seinen lokalen Schrein zu besuchen um für das kommende Jahr zu beten. Das heißt, dass diese Zeit die stressigste Zeit im Jahr für Schreine in ganz Japan ist und es ist wahrscheinlich keine Überraschung ist, dass der Washinomiya Schrein im Januar regelmäßig von Raki Suta-Hardcorefans belagert wird. Die Zahl der Besucher des Washinomiya Schreins ist von 130.000 Leuten 2007 auf 300.000 2008 und unglaublichen 420.000 im letzten Jahr gestiegen. Das sind verdammt viele Nerds.

Ich habe den Washinomiya Schrein an Neujahr besucht um mit ein paar von den Otaku und den Einwohnern von Washinomiyamachi über dieses alljährliche Phänomen zu reden.

Takanori Motegi

Vice: Wow, auf diesen Ema (hölzerne Plaketten, auf die Gläubige ihre Gebete und Wünsche schreiben) sind überall Raki Sutra-Charaktere. Hast du die alle selbst gemalt?

Takanori Motegi: Ja, ich habe meine ersten Ema mit Raki Suta-Bildern Anfang 2008 gemacht und seitdem komme ich regelmäßig hierher um dem gleichen Schrein weitere Ema zu widmen. Das, was ich gerade hier aufhänge ist mein einhundertstes. Man kann erkennen, dass es neu ist, weil es heller ist als die alten. Zeichnen ist schon seit der Grundschule mein Hobby. Ich stehe vor allem auf Mangas, die sich an junge Mädchen richten, wie Sailor Moon. Als ich noch ein Kind war, habe ich Zeichnungen von allen Charakteren gemacht. Du weißt schon, diese irgendwie mädchenhaften Charaktere die uns Otaku zum Schmelzen bringen. Wir nennen sie moe-kei (‚moe-Typ’, moe ist die Fetischisierung süßer junger und weiblicher Charaktere in Animes und Mangas. Nicht sehr einfach zu erklären, aber das hier ist ein guter Anfang). Mein Ziel ist es 1.000 Raki Suta-Emas an diesem Schrein aufzuhängen.

Als ich zum ersten Mal den Washinomiya Schrein besucht habe, habe ich eigentlich genau dasselbe gemacht wie die anderen: beten und mit meinem Handy Bilder von mir selbst vor dem Schrein machen. Als ich gemerkt habe, dass das alle anderen Touristen auch machen, wollte ich was anderes machen, zum Beispiel ein Ema aufhängen. Eins wäre aber normal gewesen, deshalb wollte ich 1.000 aufhängen. Traditionell hängt man eigentlich nur ein Ema an einen Schrein im Jahr, aber das würde ja tausend Jahre dauern. Andererseits wollte ich auch nicht zu oft kommen oder so viele Emas auf einmal aufhängen, deshalb musste ich ziemlich lange überlegen, wie ich es machen würde. Am Ende haben mir meine Internetfreunde den endgültigen Anstoß gegeben und jetzt komm ich einmal in der Woche zum Schrein um ein neues Ema aufzuhängen.

Wie lange brauchst du um ein Ema zu dekorieren?

Etwa sechs Stunden, das heißt dass ich nur eins am Tag machen kann.

Also eigentlich ist das dein Job?

Das Ema Projekt ist zum Leuchtturm meines Leben geworden. Ich war langweilig bevor es angefangen hat. Ich hatte einen Scheißjob, alles was ich angefangen habe, habe ich nur mit halber Kraft gemacht und ich habe mich selbst gehasst. Durch das Ziel 1.000 Emas aufzuhängen hat das Leben wieder angefangen mir Spaß zu machen, weil ich wusste, dass ich der einzige Typ sein würde, der dumm genug ist so eine Scheiße zu machen. Jeder kann bei irgendwas der beste sein, solange man sich was aussucht, was sonst nie jemand machen würde. Ich habe ausgerechnet, dass es 18 Jahre dauern wird die 1.000 Emas aufzuhängen, aber ich werde es auf jeden Fall durchziehen. Es ist mir egal, ob ich mir meine rechte Hand dabei kaputt mache, ich habe ja immer noch meine Linke.

Matthias Werner

Vice: Das ist ziemlich viel Zeug, das du da hast!

Mathias Werner: Danke, ich war Ende letzten Jahres auf einem Comic Markt. Schau dir mal dieses Handtuch an. Ich habe es auf dem KEI-ON Konzert gekauft. Es ist ziemlich selten.

Wo kommst du her?

Ich bin aus Deutschland. Ich bin in Bamberg aufgewachsen und nehme gerade ein Urlaubssemester an meiner Uni in Düsseldorf und ich besuche seit April einen Japanisch-Kurs an der Rikkyo Uni.

Deine Freunde haben mir erzählt, dass du derjenige in ihrer Gruppe bist, der sich am besten mit Anime auskennst.

Das ist eine Ehre für mich. Ich habe angefangen mich für Japan zu interessieren als ich nach Nintendospielen süchtig war. Ich habe angefangen Japanisch zu lernen nachdem ich die Serien Evangelion und Air gesehen habe. Ich habe mir ein billiges Japanischlehrbuch gekauft. Ich wollte Japanische Animation auf einem tieferen Level schätzen lernen.

Sakura

Du fährst ein Manga-Fahrrad. Wie hast du damit angefangen?

Als ich zum ersten Mal ein Auto vor dem Washinomiya Schrein gesehen habe, das so ausgesehen hat, fand ich das total cool und ich habe mir überlegt mein Rad so zu tunen. Ich liebe Anime seit der Grundschule, besonders die mit jungen, hübschen Mädchen. Kennst du das Dating Game Tokimeki Memorial (Dating Games sind Computerspiele, bei denen man versuchen muss die anderen Figuren rumzukriegen)? Es ist großartig.

Hast du das Fahrrad selbst umgebaut?

Ja, und es hat etwa 80.000 Yen gekostet (ca. 640 €)

Was sagen deine Freunde zu deinem Hobby?

„Alter! Das ist totaler Scheiß.”

Was denkst du über Washinomiya?

Ich bin vor 18 Jahren hierher gezogen und es ist immer noch super. Es ist meine Heimat.

Terumitsu Saitoh

Was geht mit dieser Mappe?

Terumitsu Saitoh: In dieser Mappe ist eine Kopie von Raki Sutas Hiiragi Familien-Spezial-Einwohner-Karte. Wir verteilen sie seit dem 31. Dezember. Wir haben dasselbe letztes Jahr gemacht und haben es geschafft 30.000 Karten zu verteilen. Stylishes Design, oder? Man sieht wie die Raki Suta-Charaktere den portablen Schrein von Washinomiyamachi transportieren.

Ahja. Glaubst du, dass Anime Fans zur Wiederbelebung der Stadt beitragen?

Auf jeden Fall. Wegen ihnen haben TV- und Zeitungsjournalisten erst Interesse an uns. Und die Medien haben uns dabei geholfen ein großartiges Image aufzubauen. Außerdem kaufen die Fans bei uns ein und besuchen unsere Restaurants. Manchmal machen sie sogar freiwillig die Stadt sauber. Wir sind ihnen unheimlich dankbar.

Also keine Probleme mit den Einheimischen?

Die Ladenbesitzer behandeln die Otaku wie ihre eigenen Kinder. Die Otaku beleben außerdem auch unser jährliches Festival. Otaku hatte immer einen negativen Klang und die Medien haben immer nur darüber berichtet wie merkwürdig und exotisch sie sind, aber eigentlich sind die meisten von ihnen einfach ganz normale Leute die Anime und Spiele leidenschaftlich lieben.

Wie würdest du die Stadt mit einem Satz vorstellen?

Comicmessen sind nur an einem Tag im Jahr geöffnet, aber Washinomiyamachi ist an 365 Tagen im Jahr ein Otakuparadies.

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