e-m@il für dich: Helmut-Maria Glogger

Foto von Thomas Leuthard ı Flickr ı CC BY 2.0

Von: benjamin.vonwyl@vice.com

Videos by VICE

An: glh@ringier.ch

Betreff: Liebesbrief

Lieber Herr Glogger,

Ich versuche, meine Fäkaliensprache zu reduzieren. Sie müssen ja auch mit zeitungsverträglichen Beleidigungen auskommen. Vielleicht freuen Sie sich ja über diese Mail. Sie schreiben ja so viele. Wer weiss, ob da auch was zurückkommt? Ich würde gerne die Antworten lesen, die sie erhalten.

Ich denke ja nicht, dass Sie immer eine erhalten, aber da Sie der Schweizer Austeiler mit der höchsten Auflage sind, sollten sie auch der Prügelknabe mit der meisten Negativpost sein.

Wahrscheinlich verhilft Ihnen die eine oder andere wütende Zuschrift wieder zum nächsten cholerischen Tagesausbruch in 100 Wörtern. Aber wie ich lese dürfen Sie Ihre Mails gar nicht abschicken? Aus Angst vor Klagen? Naja, man kann hoffen, dass ein paar Adressaten auch auf die offenen Briefe im “Blick am Abend” reagieren.

Foto von Howcheng ı Wikimedia Commons ı CC BY-SA 3.0

Ein Ringier-Anwalt verteidigte Ihre Kolumne mal mit dem Prädikat „Schnellschuss” gegen eine Klage, dabei regen Sie sich über Wahrheiten auf. Cüpli-Sozialisten mag niemand. Der Volkswille muss nicht auf die Psychoanalytiker-Couch gesetzt werden—er gehört umgesetzt. Weiss jedes Kind. Basel ist eh schlecht, da hat es auch zu gutes Wetter, drum ja: Dem FCB soll der Meistertitel aberkannt werden.

Lieber Herr Glogger, wenn ich eine Attention Whore bin, sind sie eine Attention-Puffmutter. Das gefällt Ihnen aber auch nicht nur, denn Sie wollen auf Augenhöhe mit den Grossen spielen und schreiben. Da der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher wohl kaum eine Brieffreundschaft mit Ihnen führen wollte, konnten Sie sich immerhin posthum an seine Person binden.

People-Redakteure müssen ja immer unter Leuten sein. So wie am Montag als Sie ausnahmsweise 600 Wörter über James Joyce schreiben durften. Oooh, 600 Wörter, das ist selbst fast ein Roman. Bei Hochkultur werden meine Knie auch immer wabbelig.

Foto von Pretzelpaws ı Wikimedia Commons ı CC BY-SA 3.0

Fett eingerückt wurde beim Joyce-Bericht der Part: „Die Porno-Stellen entstehen in unserer Fantasie!” Sauber. Ha! Sie, ganz der Volkserzieher, bringen James Joyce auch noch zum letzten Feierabendpendler.

Und alte Männer mögen Sie sowieso. Solche, die noch gut im Saft sind, so gehen Sie auf Kuschelkurs mit dem „Walliser Saubermann” Sepp Blatter und können auch Jörg Kachelmann noch Positives abgewinnen. Kulturell sind Sie ein „garçon de litterature”, aber politisch haben Sie den Volkswillen inhaliert.

Natürlich ist Ihre Idee vom Volkswillen am Zürisee zentriert, darum geifern Sie gerne mal mit allen Ihnen bekannten Intellektuellen als Referenz gegen Basel und den FCB: „Schon Nietzsche, Jaspers, Hochhuth haben den Baslern nicht ganz getraut, beklagten die ererbten Chemie-Milliarden. Mit denen beste Anwälte für Hooligans finanziert werden? Hätte der Schweizer Fussballverband nur Mut: Er müsste Ihrem FC Basel den Titel aberkennen! Ihr FCB sollte ohne Zuschauer spielen!”

Foto von Gerard-Nicolas Mannes ı Flickr ı CC BY-ND 2.0

Warum rasten Sie denn nur immer so leicht aus? Vielleicht würden Sie Ihre Fähigkeiten auch in den Kulturteil einer mittelgrossen Regionalzeitung bringen. Oder sie könnten Bundeshaus-Korrespondent beim Landboten sein, aber leider rasten Sie immer so leicht aus: Sobald es um Behörden geht, sobald Ihre Allergie gegen „Cüplisozialisten” wuchert, so schrieben sie etwa über den Berner Stapi Tschäppat: „Menschenskind, ist das ein unangenehmer Mensch.”

Foto von Michael Frey ı Wikimedia Commons ı CC BY-SA 3.0

Deshalb bleiben Sie beim Boulevard und deshalb sind Sie auch nach Jahrzehnten noch strammer „Journalist & Royalist” (Bezeichnung in Ihrem Twitter-Account) und hecheln nicht immer so glatt rasiert wie auf dem „Glogger mailt…”-Bild den Reichen dieser Welt nach, dabei immer bedacht den Anschluss ans Bildungsbürgertum nicht ganz zu verlieren.

Ich freue mich auf Ihre private Antwort.

Benjamin von Wyl

PS: Ein „Medienwoche”-Porträt über Sie trägt den Titel „Alle möchten mit mir befreundet sein.” Ich schicke Ihnen demnächst eine Facebook-Anfrage.

Unsere neue Freundschaft mit Helmut-Maria Glogger begiessen wir heute auf der Hinterhof Dachterrasse oder begleiten ihn ans Steel Panther-Konzert ins Kofmehl, morgen gehen wir an die Liste, obwohl wir eigentlich wissen, dass das auch nur eine ART-Filiale ist, aber da wir den Unterschied bemerken wollen, besuchen wir dann trotzdem noch die Art Unlimited und die Scope, Freitag schlängeln wir uns am WM-Fieber vorbei, bis wir uns dann doch am Match Frankreich-Schweiz ertappen, zum Beispiel im KiFF oder wir reseten uns in Reggaetronics-Offbeat im Coq d’or. So lange weg von Zürich mögen wir danach im Gonzo keine Montage bis wir den Samstag fast ganz verschlafen. Den verbringen wir bei Bier und Nussgipfel in der Garasche, um uns danach im guten alten Boiler mit anderen Aarauern an “Finest Urban Licks” zu versuchen. Oder wir fahren nach Bern, um den Saisonabschluss vom Schlachthaus Theater mit “Erika in Afrika” zu feiern. Danach sind wir so ausgelaugt, dass wir wohl wieder eine Kunstmesse oder ein Fussballspiel verpassen.

Thank for your puchase!
You have successfully purchased.