Als der japanische Vulkan am 27. September ausbrach, gab es in den folgenden Tagen vor allem viel digitalen Desastertourismus rund um den Ontake. Grund waren die vielen spektakulären Aufnahmen, die flüchtende Touristen noch in letzter Sekunde schossen, bevor sich die gewaltige Aschewolke über dem Berg ausbreitete.
In den Telefonvideos sieht man, wie winzige Menschen am Steilhang um ihr Leben rennen, während sich hinter ihnen die Wolke aufbäumt. Wenige Sekunden später regnet es Kiesel und die Asche legt sich wie ein undurchdringlicher Teppich um die fliehenden Menschen.
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„Das ist echt gefährlich!”, sagt der Filmende im Video und hält drauf. „Das ist richtig schlimm”. Er sollte recht behalten. 56 Menschen starben, noch immer werden sieben weitere vermisst.
Wie viel sind wir bereit, für die digitale Währung Aufmerksamkeit zu riskieren?
Um Licht in die genauen Umstände der Katastrophe zu bringen, interviewte die Zeitung Mainichi Shimbun zehn Gerichtsmediziner, die die Leichen obduzierten. Unter anderem fanden sie heraus, dass 20 von ihnen sofort durch Steinschag von herabfallendem Geröll starben. Doch das verstörendste Detail in dieser Nachuntersuchung stammt von einem Pathologen, der ungenannt bleiben wollte.
Er drückte sein Bedauern darüber aus, dass die Wanderer nicht schnell genug fliehen konnten und fügte gleich darauf hinzu, dass rund die Hälfte aller Verstorbenen noch kurz vor ihrem Tod fotografiert hätten und mit ihrem Handy in der Hand starben.
Ohne einen direkten Bezug herzustellen, bedeutet das in einer High Context Culture wie Japan: Der Gerichtsmediziner impliziert, dass ihr Tod vermeidbar gewesen wäre, hätten sie nicht in der haarsträubenden Situation die Kamera gezückt. Bei mindestens einem der Todesopfer fanden sich tatsächlich auch Bilder des ausbrechenden Vulkans auf dem Telefon.
Es lässt sich nicht abschließend feststellen, ob die Wanderer tatsächlich in ihren letzten Sekunden noch Material vom Ausbruch gefilmt hatten, oder ob sie ihr Handy zum Todeszeitpunkt umklammert ließen, weil sie damit Hilfe rufen wollten. Die Klärung der Frage ist allerdings auch letztlich nicht relevant. Für die Hinterbliebenen dürfte vor allem wichtig sein, dass sich nun alle Bemühungen auf die Bergung der Leichen konzentrieren, sobald der Berg diese wieder zulässt.
Die globale Internet-Gemeinde bekam auf ihrem Sofa von dem Ausbruch einen so guten Überblick, weil der Ontake ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer ist. Nachrichtenagenturen strahlten dann auch schnell das Material von der Flucht auf den Wanderwegen aus, das die Touristen von der herannahenden Aschewolke schossen—oder belästigten Minuten nach dem Ausbruch Überlebende auf Twitter, um Informationen aus ihnen herauszupressen.
Die Rettungsaktion, die vom Dorf Otaki aus gestartet wurde, musste derweil nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die Umstände am Ontake die Retter selbst gefährdeten: Unter anderem hatte die Aschewolke Regen absorbiert und das Gelände mit Schlick überzogen. Zudem stellten die andauernde Vulkanaktivität und die gifitgen Gaswolken nahe des Gipfels ein zu hohes Risiko für die insgesamt 15 000 Teilnehmer des Suchteams dar. Die Regierung der Präfektur Nagano hofft, die Suche nach Leichen im kommenden Frühjahr fortsetzen zu können, wenn der Berg wieder sicherer ist.
Die Bilder des naturgewaltigen Ontake haben eine bedrückende und gleichermaßen morbide Faszination. Und sie stellen die Frage nach der auch in unserer hochtechnisierten Kultur niemals auszumerzenden Unkontrollierbarkeit im Verhältnis von Mensch und Umwelt. Was sagt es aus, wenn unsere Überlebensinstinkte möglicherweise von der inhärenten Intimität mit unseren Smartphones überlagert werden. Wenn wir, statt zu rennen, jede Sekunde unseres kurzen Lebens für die Nachwelt zu digitalisieren versuchen?
Befeuert wird das selbstgewählte Risiko noch von der gnadenlosen Ökonomie des Augenblicks auf Youtube, Instagram und Twitter: Die gängige Währung ist Aufmerksamkeit, und was nicht spektakulär genug ist, wird nicht gehandelt.
Riskiert der Filmende wie im ganz oben stehenden Film sein Leben für aufsehenerregende Aufnahmen, die danach um die ganze Welt gehen, dann kann er sich sicher sein, unter dem Video auch noch die geschätzten YouTube-Kommentare von gänzlich Unbeteiligten erleiden zu dürfen: „Ich weiß, er hatte es eilig, aber FILM VERDAMMT NOCHMAL NIEMALS VERTIKAL!”
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