Ein Abend in der selbstreferenziellen Tretmühle Hardcore/Punk verspricht in besonderen Fällen unschlagbare Unterhaltung (diejenigen, die Selbstreferenz richtig anfassen, sind vielleicht die größten Entertainer auf der Welt, aber dazu später mehr), in den meisten aber gähnende Langeweile.
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Die erste Band des Abends greift für ihren Altherrenpunk dermaßen nebensächlich in die Saiten, dass wir uns bei bestem Willen noch nicht mal ihren Namen einprägen können und uns schon nach fünf Minuten einen Sitzplatz suchen. Wir schrecken zwischenzeitlich kurz aus unserem teilnahmslosen Nickerchen hoch und wundern uns über den Sound. Hat plötzlich eine Sick Of It All-Coverband die Bühne betreten? Ach nein, es sind nur die 4 Sivits aus Sachsen. Hardcore-Punk alte Schule, bemüht parolenhaft-politischer Anspruch ganz alte Schule. Wir beginnen uns langsam ERNSTHAFT zu langweilen. Glücklicherweise sind Chloe und Yannick von Aids Wolf im Saal und überbrücken das Einerlei mit Anekdoten ihrer Europa-Tour. Die beiden sind nicht ausschließlich in Berlin, um Fucked Up zu sehen, das hätten sie zugegebenermaßen einfacher haben können, schließlich sind es Homies aus der Heimat. Nein, Chloe und Yannick touren gerade mit Seripop, ihrem kleinen Siebdruckunternehmen und legen für verschiedene kreative Operationen einen Zwischenstopp in der Hauptstadt ein. Diese verdammten bienenfleißigen Kanadier!
Chloe gibt schließlich zu verstehen, dass sie schon ganz aufgeregt sei, denn in ihren Augen sind Fucked Up die derzeit beste Band Kanadas. „They are very special on stage”, sagt sie mit einem unmissverständlichen Leuchten in den Augen. Wer will ihr schon widersprechen.
Ganz unaufgeregt betreten schließlich die Dame und die vier Herren von Fucked Up die Bühne. Ganz unaufgeregt checkt Front-Dickerchen Damien noch einmal sein Handy, ganz unaufgeregt streift er seinen XXL-Lonsdale-Hoodie ab, ganz unaufgeregt beginnt er sich warmzutanzen. Ohne Musik. Ganz unaufgeregt geht es plötzlich los und ganz unaufgeregt entwickeln sich die Qualitäten einer der aufregendsten derzeitigen live-Bands. Es ist deren intuitive Art, sich immer wieder die eigenen Anregungen ins Bewusstsein zu rufen, jedes Moment, dass sie – zu welcher Zeit auch immer – an HardcorePunk gefesselt hat, jedes dieser Momente in die Gegenwart zu übersetzen und jetzt und hier aufs intensivste wiederzubeleben. Es ist legitim, hier und da die Negative Approach und Poison Idea-Vergleiche zu droppen, es ist aber jetzt schon abzusehen, dass wir in ein paar Jahren von Fucked Up reden, wenn es darum geht, eine originelle und aufregende Hardcore-Band aus der Referenzmühle herauszuexponieren.
AR
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