Gebündelter Hass der Deutschen

Wenn alle Welt von ihrem Hass auf BP spricht, dann denkt keiner an die Menschen, die BP diese Tage als Schutzschild dienen und all die Aggressionen der Massen wie ein Airbag auffangen müssen. Ulrich Winkler ist PR Chef bei BP Deutschland und unter anderem auch Betreiber deren Twitteraccounts “BP_energie”, der sich täglich mit Hasstweets auseinandersetzen muss. Ich möchte nicht sagen, dass Ulrich eine gebrochene Seele hat, aber der Job tut ihm derzeit sicher nicht allzu gut. Einen Tag nach dem vorläufigen Scheitern der “Operation Top Kill” haben wir mit ihm gesprochen.

VICE: Du arbeitest auch Sonntags?

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Ulrich Winkler: Klar, warum?

Gestern bin ich von einem Konzert nach Hause gekommen und habe nachts um drei noch einen Post von Dir entdeckt. Früh um sieben stand dann wieder einer drin, da dachte ich eher Du hältst dir den Sonntag dann mal frei?

Stimmt, das ist schon eine krasse Zeit.

Sitzt da nur einer an dem Feed?

Ja, aber ich gucke da auch normalerweise immer ziemlich lange, bis um zwölf oder eins da rein.

Glaubst du, dass Twitter die richtige Plattform für BP ist?

Nein, nicht ausschließlich. Es ist nur ein Medium von vielen. Wir haben uns jetzt dazu entschieden Facebook und Twitter zu intensivieren. Es ist dabei übrigens ganz den Landesgesellschaften überlassen, was sie machen. So war BP in Amerika zum Beispiel zunächst nicht allzu aktiv. Wir in Deutschland aber haben Twitter von Anfang an integriert. Der Aufwand um Twitter zu pflegen ist meiner Meinung auch einfacher als Facebook.

Also, was ich erlebt habe, sind vor allem viele aktive User, die Hasstexte twittern.

Ja, das ist ja normal.

Bietet Twitter dann nicht vor allem auch eine willkommene Projektionsfläche, für alle aggressiven BP Gegner?

Bei der Dimension, die das Unglück mittlerweile erreicht hat, ist es doch selbstverständlich, dass die Menschen aufgeregt sind, emotional überflutet und manche auch voller Hass. Damit muss man leben. Für viele ist Twitter aber auch ein Spaßfaktor, weswegen ich behaupten würde, dass die ganze Sache mit Twitter einfach ausgeufert ist.

Wie lebst du damit?

Ich kann nur dagegen halten und Transparenz schaffen, das ist doch das Einzige was wir haben.

Beeinflusst das einen auch privat …

Doch, auf jeden Fall!

… wenn einen dann immer wieder Hasstweets erreichen?

Manchmal ertrage ich das nur schwer. Aber ich muss dazu sagen, dass die Ölindustrie noch nie wohlgelitten war. Es gab schon immer viele Aktivisten gegen uns. All das ist allerdings als harmlos zu bezeichnen, gegen das, was wir jetzt am Golf von Mexiko haben.

Eben. Denn ist das Betreuen des Twitteraccounts von BP derzeit nicht der härteste Job der Welt?

(überlegt) Nee. Der härteste Job der Welt, ist der, den Tony Hayward jetzt in Houston hat. Also sprich: dort vor Ort sich den Medien zu stellen und dann als Frontmann das zu tun, was zu tun ist. Das ist der absolut härteste Job.

Was soll man nun von den Menschen halten, die sich so wütend auf den digitalen Plattformen BP’s äußern. Wusste man, dass es die in diesem Ausmaß geben wird?

Klar. Ich selbst bin jetzt 21 Jahre in der Ölindustrie. Da sind immer Vorbehalte und teilweise auch Hass. Obwohl ja alle, die uns so hassen ja auch nur vom Öl abhängen.

Der User L3viathan2142 hat dich gestern gefragt, was du von den BP Fakeaccounts auf Twitter hältst. Deine Antwort: “Das müssen wir zur Zeit wohl leider aushalten …”. Spürst du die nervliche Belastung?

Klar, vor allem wenn es ironisch oder sarkastisch wird. Aber das muss ich zur Zeit wohl wirklich einfach aushalten. Das gestern war ja bezogen auf diesen gefälschten BP PR-Account. Das ist für mich einfach logisch—ich glaube, dass die Menschen in so einer Situation einfach alle Ventile benutzen, deren sie habhaft werden können und auch ihre Meinung sagen wollen. Aber das kann ich von hier aus auch nicht ändern.

Wozu dann das Ganze?

Wir versuchen eben nicht nur das Loch zu schließen, sondern vor allem auch der Öffentlichkeit konkret zu sagen was wir da machen. Worauf wir nicht eingehen können, ist die Unfallursache. Da wird ja wild spekuliert, von Anfang an. Das ist ein Thema, wo ich nicht einsteigen kann, weil ich es nicht weiß. Die Presse erwartet da ein konkretes Bild und dass da jemand bestraft wird.

Ja, die Presse meint es diese Tage nicht gerade gut mit euch.

Ein gutes Beispiel ist da aus meiner Sicht die Frage, wie viel Öl denn nun tatsächlich ausgetreten ist. BP hat ja nie (lacht heftig) gesagt, dass man es weiß, hat es dementsprechend auch nie verheimlicht. Einzig die Küstenwache hat irgendwann mal entschieden, “wir sagen jetzt es sind 5,000 Barrel Öl ausgetreten.”

Allerdings weiß nicht einmal das wissenschaftliche Komitee wie viel nun wirklich ausgetreten ist.

Ja. Das ist uns aber auch fast egal. Uns ist es jetzt wichtig im Wasser und an Land alles zu tun um ein Containment zu schaffen.

Gerade weil alles noch immer so ungewiss ist muss man doch sicher aufpassen, was man dann konkret nach außen trägt. Gerade per Twitter—spürst du da nicht eine riesige Verantwortung?

Ja, da ist mir gestern was passiert. Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich dann auch zweimal überlegt habe ob das jetzt so richtig war.

Was?

Naja, ich habe gestern beim Abendessen auch mal zwischendurch in den Grand Prix de Eurovision reingeguckt. Ich hatte eine Wette am Laufen, es ging darum wer gewinnt. Ja und als Lena dann gewonnen hatte, gewann ich gleichzeitig die Wette und damit ein Abendessen. Als dann der Account von “Der_Westen” in Bezug auf Stefan Raabs 10.000 Euro Wette gewittert hat, ob es “noch andere Wetten gab”, habe ich zwar erst noch gezögert, konnte es mir dann aber auch nicht verkneifen zu twittern, “Ja ich habe ein Abendessen gewonnen”. (lacht)

Und weiter?

Das wird dann natürlich wieder folgendermaßen ausgelegt: “der ist ja gar nicht bei der Sache, der guckt ja nur Grand Prix de Eurovision.” Aber was soll ich machen, ich bin doch auf die Nachrichten aus den USA angewiesen und dann guckt man halt nebenbei Fernsehen. Ich finde das auch nur menschlich. Das Ende vom Lied: “Der_Westen” folgt uns jetzt. Was ich cool finde und was nicht beabsichtigt war.

Hast du eigentlich auch privat mit deiner Arbeit bei BP zu kämpfen?

Sicher. Einmal leide ich persönlich sehr darunter, weil ich schon sehr lange für BP arbeite. Die persönlichen Probleme kommen aber auch von Außen, das geht vom Biertisch in der Kneipe bis hin zur eigenen Familie. Das ist eine ganz schwere Situation.

Krass.

Ich werde mich aber deswegen nicht von der BP distanzieren.

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