INTERVIEW VON RYAN MCGINLEY
FOTOS VON GILLES LARRAIN
Videos by VICE
Ryan und Gilles (Foto von Amy Kellner)
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das Buch Idols von Gilles Larrain zum ersten Mal sah. Ich weiß nur, dass es, seitdem ich es habe, zu einem großen Einfluss in meinem Leben geworden ist. Idols ist eins der besten Fotobücher, die ich je gesehen habe. Es kam 1973 heraus und ist eine Sammlung von Studioporträts von Transen, Gender Bendern und allen möglichen anderen toll aussehenden Leuten in New York. Es ist eine unglaubliche Zeitkapsel. Es sind Leute aus Warhols Umfeld, wie Taylor Mead oder Holly Woodlawn, und Mitglieder des aus San Francisco stammenden psychede-lischen Drag-Queen-Performancekollektivs The Cockettes. Es gibt auch ein Foto des Künstlers Al Hansen, alias Becks Großvater, auf dem er mit silberner Farbe bemalt und wie eine Art römischer Soldat angezogen ist; ebenso wie ein nicht wiederzuerkennender jugendlicher Harvey Fierstein, der wie eine hübsche junge jüdische Lady aussieht (jedenfalls fast). Noch wichtiger ist aber der fantastische Stil dieser Leute. Die beste Mode hat ihren Ursprung immer bei den Drag Queens. Das Outfit, das du heute anhast, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit vor zehn Jahren von einer Drag Queen erfunden.
Ich habe Gilles vor Kurzem in seinem riesigen Studio auf der Grand Street in Soho besucht. Wenn man vorbeiläuft, sieht man seine Fotos von Jack Walls und Robert Mapplethorpe in den Fenstern. Das Innere ist ein höhlenhaftes ehemaliges Warenlager, das bis zum Rand voll mit seinen Arbeiten ist. Fotos aus seiner Serie über Flamencotänzer, aufwendige Collagen aus mit Früchten und Tattoos überdeckten Akten, und viele Musikerporträts, die größtenteils in den 80ern entstanden und deren Bandbreite von Sting und Billy Joel bis hin zu Nina Hagen und Miles Davis reicht. Wir setzten uns in seine Küche und ich tat mein Bestes, zu verstehen, was zum Teufel er da in seinem fetten französischen Akzent erzählte.
Vice: Die Fotos aus Idols wurden zunächst 1972 in einem französischen Magazin namens Zoom veröffentlicht. Hast du sie also als Zeitungsbeitrag fotografiert?
Gilles Larrain: Nein, ich fotografiere nie etwas für einen besonderen Zweck. Ich machte die Bilder, weil ich die Leute verrückt oder faszinierend genug fand, um fotografiert zu werden. Ich sah ein paar von ihnen im Max’s Kansas City und dachte: „Ich muss diese Typen ins Studio kriegen.“ Ich freundete mich dann mit Taylor Mead und John Noble an. Einer kam und danach kamen alle.
Wenn du jemand fotografierst, machst du dann viele Aufnahmen oder nur ein paar?
Damals machte ich sehr viele, inzwischen nur noch wenige. Ich schoss für diese Serie Tausende Bilder. Das Buch ist nur ein kleiner Teil von dem, was ich habe. Ich habe vielleicht 5.000 dieser Kodachrome-Aufnahmen.
Oh, du hast sie auf Kodachrome gemacht? Ich liebe diesen Film. Die Farben sind so kräftig. Ich wünschte, sie würden ihn noch herstellen.
Ja. Sehr satt. Das Buch ist also nur die Spitze des Eisbergs. Irgendwann werden wir mit dem Rest auch etwas machen.
Wie kam die Idols-Serie zustande? Hattest du von Anfang an vor, eine bestimmte Szene zu dokumentieren?
Das Leben passiert, während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen. Ich habe Architektur studiert und wollte Mathematiker oder Wissenschaftler werden. Nichts, das ich geplant habe, hat auch geklappt. Aber was passierte, ist auch interessanter. Meine Pläne waren langweilig. Um deine Frage also zu beantworten—die Leute hörten von meinem Studio und die Lawine wurde immer und immer größer.
Waren das Leute, mit denen du normalerweise auch abhingst?
Sie hingen in meinem Studio herum, ja. Aber ich bin kein Mensch, der abhängt. Ich mache meine Arbeit und die Leute kommen in mein Studio. [zeigt auf ein paar Fotos] Das ist Harvey Fierstein, der Autor des Musicals La Cage aux Folles und des Films Das Kuckucksei. Er fing in meinem Studio an, mit Drag zu experimentieren. Da war er so was wie 19. Und das hier ist Goldie Glitters, einer der Cockettes aus San Francisco.

PRISCILLA
Das Foto von Goldie Glitters ist unglaublich. Es sieht fast wie ein Gemälde aus.
Es ist in keinster Weise manipuliert. Es ist komplett unverfälscht. So wie es aussieht, war es auch.
War das das, was er an dem Tag einfach anhatte, oder hast du ihn gestylt?
Es war pure Improvisation. Wir hatten sehr viel Zeug rumliegen und sie kamen oft in Gruppen von 20 bis 30 und experimentierten mit Make-up, spielten mit Perücken und was auch immer. Es war reines divertissement, im französischen Sinn von Spaß haben, Spaß machen und Spaß leben. Den Moment genießen. Louis XV war großartig darin. Die verrückten Partys in Versailles. Essen, Sex, alles. Das war der Moment, wo Mode begann sich zu entwickeln. Die Kultur der Mode kommt aus dieser Zeit.
Also haben sie sich alle selbst geschminkt und gestylt?
Ja, aber manchmal mischte ich mich ein und das brachte sie völlig aus der Fassung. Ich sagte immer: „Macht frische Fehler.“ Die alten hatte ich ja schon gesehen.
Gab es etwas Besonderes, nach dem du in einem Model oder einer Pose gesucht hast?
Nein. Wenn ich es sah, sah ich es. Sonst wird es ein Fashion Shooting und fühlt sich schnell abgedroschen an. Das Tolle war, dass wir nie wussten, was dabei herauskommen würde. [zeigt auf ein Foto] Das ist kein Kleid, sondern chinesische Seide, die hinten gerafft ist. Wenn du sie rumdrehst, sieht sie wie ein Stachelschwein aus. Und diesen Hut haben wir aus Pappe und Klebeband gemacht.
Du warst nicht an Mode interessiert?
Ich habe ein paar Modeaufnahmen und kommerzielle Bilder gemacht. In solchen Fällen weiß ich genau, was ich tue. Es gibt einen Grund für das, was ich mache, und man muss es planen. Das hier war nicht geplant. Es wuchs auf organische Weise.
Bekamst du viele Anfragen für Modeaufnahmen, nachdem Idols herausgekommen war?
Ja, aber ich springe nicht sehr gut auf Anfragen an. Es widerstrebt mir, äußeren Energien folgen zu müssen. Wenn es zu meiner Energie passt, stürze ich mich hinein.
Wie sah ein typischer Abend aus, an dem diese Porträts entstanden?
Es war wie ein Theater, wie Gruppensex—visuell gesehen. Ich malte die Hintergründe. Ich liebe es zu malen. Mein Vater war ein Maler und meine Mutter war Pianistin und Malerin. Ich überließ mich den Launen des Moments. Es war völlig organisch. Es strömte wie ein Fluss und der Fluss folgte dem leichten Weg und trug mich genauso mit sich mit. Es gab keinen Designer, keinen Art-director, keine Visagisten und keinen Stylisten. Es war komplett improvisiert. Sie hatten natürlich auch ihre eigenen Ideen. Sie wussten, wie sie aussehen wollten.
Ja klar, Drag Queens! Du hast keine Chance. Aber das klingt für mich so, als wärst du Mode gegenüber etwas skeptisch?
Auf gewisse Weise, ja. Ich bin gegen viele Dinge. Aber ich habe eine besondere Eigenschaft: Ich ziehe Leute an. Ich mein, warum wärst du heute sonst hier?

CHARLES
Genau. Fotografierst du lieber Akte oder Leute, die etwas anhaben?
Akte, auf jeden Fall. Wenn du in mein Studio kommst, kannst du sicher sein, dass ich dich dazu krieg, deine Sachen auszuziehen. Aber diese Serie war über Transvestiten; es ging darum, sich zu verkleiden.
Ziehst du es vor, im Studio zu fotografieren?
Das Studio bietet mir ein präzises Umfeld, das ich inzwischen gut kenne. Ich kenne meine Beleuchtung und ich experimentiere damit, aber ich habe mich auch an Schlichtheit gewöhnt. Ich entwickle meine Bilder selbst. Ich bin ein Dinosaurier, musst du wissen. Ich habe Digitalkameras, aber da liegt nicht meine Hauptaufmerksamkeit, mein Herzblut liegt woanders.
Wie lange hat dieses Projekt gedauert?
Über ein Jahr. Wir zeigten allen Beteiligten in regelmäßigen Abständen Dias der vorangegangenen Sessions. Es ist echt schade, dass ich keine Videokamera hatte, um es zu dokumentieren. Es war zum Totlachen. Du kannst dir nicht vorstellen, was für Kommentare sie über einander abgaben.
Gibt es in dem Buch irgendwelche Fotos, mit denen du besondere Erinnerungen verbindest?
Diese Fotos sind alle mit verrückten Momenten verbunden. Bei diesem Foto von Beauregarde, wo er seinen Rock anhebt und seine Ausbeulung zu sehen ist, flippten die Leute aus.
Mir ist aufgefallen, dass du das Buch Jean und Dominique de Menil gewidmet hast.
Ja, das ist eine fantastische Geschichte, ich kann sie dir erzählen.
Das sind Dash Snows Urgroßeltern.
Ja. Und 1972 war Jean sehr krank. Er lag mit Krebs im Sloan-Kettering-Center, einem Krankenhaus für Krebskranke. Eine Freundin von mir, Simone, arbeitete früher mit ihm zusammen. Sie sagte mir, „Ich kenne jemand, der deine Arbeiten sehen will. Warum bereitest du nicht ein paar Karussells mit deinen Dias vor, besuchst ihn im Krankenhaus und nimmst einen Projektor und eine Leinwand mit.“ Ich fuhr also zu dem Krankenhaus, ging rein und sah den Mann in seinem Bett liegen. Er war müde und blass, hatte Schmerzen. Ein Mann, dem sicher alles Mögliche durch den Kopf ging, der über sein Leben nachdachte. Also dachte ich, „Was tue ich hier?“ Ich war jung und wollte meine Arbeiten zeigen, aber ich fühlte mich an diesem Ort sehr unsicher und zeigte die Dias—zack, zack, zack—in einem Affenzahn. Er unterbrach mich und sagte, „Was machst du da? Gib mir die Fernbedienung.“ Und er ging noch mal zum Anfang zurück und schaute sich jedes einzelne Foto an. 280 insgesamt.

GAIL
Und warum hast du ihm das Buch gewidmet?
Na, wenn du dich ein bisschen geduldest, sag ich es dir.
[lacht] OK. OK.
Ich verbrachte also anderthalb Stunden an seinem Bett. Als ich gehen wollte, sah ich, wie er in die Schublade griff. Er zog sein Scheckheft heraus und schrieb mir einen Scheck über 15.000 Dollar aus. Soviel Geld hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht besessen. Heute wären es an die 100.000 Dollar. Er sagte, „Das ist nicht nur ein Geschenk, ich möchte deine Arbeiten auch in meiner Sammlung haben.“ Der Mann hat meine Karriere ins Rollen gebracht. Ein großartiger Mensch. Stell dir vor! Auf seinem Totenbett.
Wow. Dann sind diese Fotos jetzt in der Menil Collection in Texas?
Leider nicht, denn Jean starb im folgenden Jahr, 1973. Dominique war sehr protestantisch und mochte Transvestiten nicht. Das Thema war nicht ihr Ding.
Was für Reaktionen bekamst du, als das Buch herauskam?
Sehr unterschiedliche. In der Village Voice—ich glaube jedenfalls, dass es dort war—schrieb ein Kritiker, dass diese Fotos die Verkörperung der Mode seien und dass sich die Vogue daneben schämen müsse. Ein paar Leute, Kunden von mir, sagten, „Wie kannst du es wagen diese Leute zu fotografieren? Wie kannst du es wagen, diese entarteten, hässlichen Leute zu fotografieren?“ Ein Kritiker der New York Times mochte sie nicht, weil die Beleuchtung zu harsch war; nicht soft genug. Ich glamourisierte die Leute nicht und er dachte, das bedeutet, dass ich irgendwie etwas gegen sie hätte.
Das Gefühl vermitteln mir die Fotos überhaupt nicht.
Na ja, andere Leute, andere Vorstellungen. Ein paar Leute waren sauer, dass sie nicht in dem Buch waren, andere mochten nicht, wie ich sie dargestellt hatte. Aber die intelligenteren Leute liebten es und nun ist es eine Art Ikone.
Es ist eins meiner liebsten Fotobücher aller Zeiten. Ich habe vor kurzem angefangen im Studio zu fotografieren und ich sehe mir Idols immer an um mich inspirieren zu lassen.
Oh, das ist fantastisch. Das freut mich wirklich. Siehst du, wo Leidenschaft ist, wo Energie ist, wo eine Vision ist, und wo Glück dazukommt, erreicht man Dinge. Mach was du liebst und liebe, was du machst. [lacht] Ich klinge, als würde ich predigen!

CARLA

BEAUREGARDE

BEAUREGARDE

JOHN RAVEN

TAYLOR MEAD

GOLDIE GLITTERS

HARVEY FIERSTEIN

MARGUERITE
SEBASTIAN
More
From VICE
-

Robin Williams (Photo by Sonia Moskowitz/Images/Getty Images) -

(Photo by Jim WATSON / AFP via Getty Images) -

Seinfeld (Photo by FILES/AFP via Getty Images)

