Everything Everything machen seltsame Popmusik

Gentrifizierung ist bei dem Mietpreisen in deutschen Großstädten aktuell noch mehr als eh ständig ein Thema und hängt einem schon langsam zum Hals raus. Deswegen beschäftigen wir uns jetzt auch nicht damit, sondern mal wieder mit dem Thema, dem wir uns am liebsten zuwenden: Musik. Darüber könnten wir schließlich den ganzen Tag sprechen. Korrigiere: Darüber sprechen wir schließlich den ganzen Tag. Während das an sich natürlich eine gute Sache ist, sind die Genres und die Benennungen dieser doch oft Grund genug, um mal kurz eine Pause zum Kotzen einzulegen. Denn, liebe Leute, Indie ist kein Genre und zu sagen, dass sein Lieblingsgenre Indie ist, ist in etwa so aussagekräftig, wie zu sagen, dass man „alles“ hört. Die Band Everything Everything aus Manchester werden des Öfteren als Indie bezeichnet und sind darüber absolut nicht glücklich. Wir haben uns mit zwei der Bandmitglieder, Jeremy und Mike, in Berlin getroffen, um ihnen genug Raum zu geben, sich über Genres auszukotzen.

Noisey: Was habt ihr an eurem freien Tag gemacht?

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Jeremy: Wir waren hier in der Nähe und hatten ein paar Drinks. Und dann waren wir am Alexanderplatz abendessen. Was noch? Wir waren auf einem Gig, aus Versehen. (lachen) Weil unser Tourmanager zu uns gesagt hat, wir müssen zu diesem Gig kommen. Er hat uns einfach in ein Taxi geschoben. Also haben wir Matisyahu im Postbahnhof gesehen, jüdischen Reggae. Es war unfassbar. Es war wirklich nicht gut. Wir sind ganz schnell wieder gegangen.

Mike: Ich würde nicht sagen, es war nicht gut. Ich würde sagen, das war nicht unser Ding.

Jeremy: Es gab gute Dinge daran. Aber das war nichts für mich. Es war wirklich seltsam.

Mike: Nein, das war nichts für dich. Für mich auch nicht.

Hört ihr denn sonst Reggae?

Jeremy: Ja, aber alten Reggae aus den 60ern und 70ern und keinen modernen Reggae von amerikanischen Künstlern. Es war einfach seltsam. Ich meine, Reggae ist doch ursprünglich jamaikanisch.

Ihr seid ja dafür bekannt, dass ihr Genres aller Art ablehnt.

Schon ein wenig. Wir denken einfach nicht, dass sie notwendig sind.

Gibt es ein Genre, das ihr richtig hasst?

Ich bin kein großer Country-Fan. Ich mag diesen ganzen modernen Nashville-Country nicht. Aber ich mochte Glen Campbell und so etwas. Es gibt nicht wirklich ein Genre, von dem du sagen kannst, es ist absolut nichts für mich dabei. Ich mag immer irgendwas.

Mike: Deswegen bedeuten Genres eben auch nicht wirklich etwas. Ich denke aber bei Dancemusic sind die Genres sehr spezifisch und sogar nützlich. Aber in der Musik, die wir machen, ist das Quatsch. Ich vermute, die Leute bezeichnen uns oft als Indie, aber in England bedeutet Indie sowieso nichts mehr.

Jeremy: Es wurde ein Mittel, um Jeans zu verkaufen. Heutzutage bedeutet das definitiv nicht mehr Independent, so wie es mal in den 80ern war.

Indie ist genaugenommen auch kein Genre.

Nein, ist es nicht. Es war nie ein stilistisches Genre. Es bedeutet einfach nur, Bands auf Independent Labels. Vor zehn Jahren als dieses 80er Jahre Postpunk-Ding in UK wieder richtig angesagt war und Bands wie Bloc Party, The Killers, The Futureheads und Franz Ferdinand auf ihre Weise diesen Stil nachäfften, konntest du plötzlich The Smith-Shirts bei Topshop kaufen und jeden Abend, in jeder Stadt in eine Indiedisco gehen. Dort lief dann The Cure, The Smiths, The Stoneroses, aber auch neuere Bands, die damals bekannt wurden. Zu der Zeit war das ein Ding, damals war das ein Stil. Aber selbst da war es schon nicht mehr spezifisch, da es im Grunde nur das Aufwärmen von Stilen von vor 20 Jahren war. Es ist doch eine gegenkulturelle Sache, oder? Denn die Gegenkultur wird letztendlich immer vom Mainstream übernommen.

Mike: Da ist doch eben so, wie wenn man ein The Smiths-Shirt bei Topshop kauft.

Jeremy: Ganz genau. Subversion and Containment, es ist ein kapitalistisches Modell. Es braucht einfach eine lange Zeit. Es hat allerdings länger gebraucht, als ich gedacht hätte. Es jetzt bedeutungsloser als je zuvor.

Mike: Popmusik bedeutet doch auch nichts.

Jeremy: Wir nennen uns aber oft eine Popband, weil der Begriff entsprechend weit gefasst ist.

Was erzählt ihr denn zum Beispiel eurer Oma oder Tante, wenn sie euch fragen, was ihr macht? Da müsst ihr doch eine Antwort parat haben.

Mike: Ich sage immer, es ist seltsame Popmusik.

Jeremy: Eben das ist auch ihr Anhaltspunkt. Wenn du ihnen sagst, dass es Pop ist, dann wissen sie, es ist kein Metal, es ist kein Jazz und auch keine barocke Kammermusik. Es bringt es nicht wirklich auf den Punkt, jedenfalls für Leute die mehr Anhaltspunkte haben. Aber es ist schon Popmusik, in dem Sinne, dass wir Hooks, Melodien und einen aufregenden Rhythmus wertschätzen. Und genau diese Dinge sind in Popmusik doch sehr präsent, wie weit dieser Ausdruck auch immer gefasst ist. Ob du nun Pop-Pop-Pop wie Kate Perry meinst oder Pop, wie es Kraftwerk oder die Beatles waren. Es kann ein wirklich ungenauer und weit gefasster Ausdruck sein. Es bedeutet im Prinzip, wir spielen kein Jazz und wir sind kein Orchester.

Wie sieht es denn mit Jazz aus? Ich habe euer Instagram-Foto gesehen (oben) und musste sehr lachen.

Mike: Haha, ja das. Wir waren bei einem Jazz-Gig.

Jeremy: Aber es war nicht mal annähernd ein Jazz-Gig. Das war bei einer Art Blues-Gig in einem Pub.

Mike: Ich mochte Jazz drei Jahre lang echt gerne, nach den drei Jahren aber nicht mehr.

Jeremy: Es ist ein instrumentelles Genre. Als ich 18 Jahre alt war, habe ich Jazz sehr gemocht, weil damals Lieder wie „Pyramid Song“ rauskamen. Ich finde, Radiohead hat stilistisch alle Türen für Leute, die auf Alternative Rock standen, geöffnet. Es zeigte, dass es auch andere Musik da draußen gibt, die es lohnt, genauer anzuschauen. Und so bin ich auf Miles Davis und Charie Mingus und so weiter gestoßen. Aber ich bin nicht wirklich weit gekommen. Ich habe trotzdem die Struktur der Musik sehr genossen. Aber wir hören echt viele verschieden Sachen.

Was denn, zum Beispiel hier im Tourbus?

Tatsächlich sehr wenig, weil wir meistens die Schnauze voll von Musik hören haben, wenn wir spät am Abend wieder hier reinkommen. Also schauen wir uns Stirb langsam oder so auf dem großen Fernseher hier an. Wir hören Musik immer mehr für uns alleine. Zusammen hören wir selten Musik, außer in der Garderobe, bevor wir auf die Bühne gehen. Das sind im Prinzip jeden Abend dieselben fünf Songs, die Alex anmacht.

Welche denn?

AC/DC, Tobacco, Com Truise, Adrian Belew und King Crimson.

Mike: Hauptsächlich Zeug, über das wir lachen.

Jeremy: Das wir leicht beleidigend finden. (lacht)

Ihr habt ja alle eigene Vocal-Parts in euren Songs.

Mike: Ich singe nur auf zwei oder drei Songs.

Jeremy: Auf der ersten Platte hatten wir viel mehr dieser Gruppen-Vocals. Jetzt gibt es weniger davon. Als wir die Band gründeten, hatten wir zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, sehr post-punkig. Und wir haben wirklich schnell und straff gespielt. Die Vocals waren ein Weg, um uns von anderen abzuheben. Es war ein Weg, um beeindruckend zu sein. Das war etwas, was wir beherrschten und was nicht jede Band konnte. Es war der einzige Weg, um unsere Musik innerhalb der Möglichkeiten einer vierköpfigen Gruppe zu erweitern. Also haben wir ganz viel davon gehabt. Wir haben sie in jeden Song gepackt, immer. Aber schon beim ersten Album haben wir das dann ein wenig zurückgefahren. Nach einer Weile wurde das zu einem Gimmick. Wir schätzen immer noch den Klang von Gruppen-Vocals, aber es ist nicht mehr so präsent wie es mal war.

Ich finde, mehr Bands sollten im Kanon singen.

In den 60ern hat das jede Band gemacht. Sie haben die Beatles ja nicht eine Vocal-Band genannt, wie zum Beispiel bei den Beach Boys oder den Everly Brothers. Aber dennoch haben sie so gesungen. Das war Standard in der Musik damals. Heutzutage machen die Leute das nicht mehr so oft.

Aber ich habe das Gefühl, es kommt wieder zurück.

Ja, stimmt. Auch Girlgroups in den 90ern haben das viel gemacht, wie En Vogue und Destiny’s Child. Das war etwas, das wir gerne mochten.

Hat euch das auch inspiriert?

Ja, definitiv. Leute wie Phillip Glass und Steve Reich, die diese minimalistischen Kompositionen kreiert haben und fast nur Stimmen benutzt haben, mochte ich immer gerne. Der Sound der Stimme ist wirklich sehr wichtig, eigentlich ist es der wichtigste Sound in der Musik. Damit bauen die Leute am einfachsten eine Verbindung auf. Und wenn man eben viel davon hat, klingt das auch gut.

Singt ihr euch vor der Show zusammen ein?

So in der Art, wir schreien zusammen.

Mike: Nicht so professionell, wie wir eigentlich sein sollten. Aber wir versuchen unser Bestes. Wir wärmen uns auf, indem wir ein paar Gläser Rotwein trinken. Und unsere Lippen lockern—für ungefähr zwei Minuten.

Jeremy: Lippenflattern, ein oder zwei Tonleitern singen, das war’s dann. Wir sollten wahrscheinlich unsere Stimme besser pflegen. Früher oder später rächt sich das. Naja, eigentlich tut es das schon. Unsere Stimmen leiden darunter. Auch weil wir alle zu viel trinken und zu viel rauchen.

Ich kann euch beruhigen, das tut jeder.

Ja, stimmt schon. Außer, dass andere es eigentlich nicht tun.

Mike: Nur wir tun das. (lacht)

Okay, Rotwein also vor der Show.

Jeremy: Und Bier. Und alles andere auch. Nicht besonders viel, nur ein bisschen. Und danach trinken wir dann mehr.

Mike: Eigentlich ist es ein bisschen überraschend, dass wir überhaupt vor einem Auftritt trinken. Aber eigentlich wäre ich noch viel überraschter, wenn wir nichts trinken würden.

Jeremy: Das würde mich auch überraschen. Wir spielen nie nüchtern eine Show.

Mike: Es hilft, um uns zu beruhigen. Es bringt uns ein wenig runter. Die meisten Bands trinken doch vor der Show.

Jeremy: Ja, natürlich.

Mir erzählen die Bands immer, dass sie nüchtern spielen.

Jeremy: Was? Sie lügen! Alle trinken vor ihren Auftritten.

Mike: Wir sind Dinosaurier. Die neuen Bands trinken nicht vor den Shows.

Und dann noch die Vocals, ihr seid wirklich sehr altmodisch.

Jeremy: Haha, ja.

Mike: Ja, wir sind die betrunkene Vocal-Band.

Ihr benutzt in euren Lyrics oft Wörter oder Ausdrücke, die man nicht in Songtexten erwarten würde und die eher ungewöhnlich in der gesprochenen Sprache sind, wie zum Beispiel „Kemosabe“.

Mike: In Großbritannien weiß man schon, was das Wort bedeutet oder hat es schon mal gehört, aber es ist ein seltsames Wort. Jonathan wird von solchen, leicht abstrakten Wörter angezogen.

Jeremy: Er ist vom Klang solcher Wörter fasziniert. Der Klang von Worten ist für jeden wichtig. Als Musiker springst du auf diesen Klang an, auch als Schreiber im literarischen Sinne. Das Wort an sich ist fast genauso wichtig, wie die Bedeutung dahinter. Nicht ganz, aber fast. Sicherlich ist die Art, wie er schreibt, ein improvisierter Nonsens, weil die Musik immer zuerst kommt und dann nuschelt er dazu einen Text. Von da an werden die Texte und Worte hinein gebildet. Und in das werden die Dinge, die du sagen möchtest eingebaut.

Habt ihr schon einen Blick auf die Bands, die beim SXSW spielen, geworfen?

Wir mussten das SXSW ja leider absagen. Wir können nicht hinfahren, was sehr traurig ist. Wir müssen an diesem Wochenende zu Hause bleiben wegen einer Familiensache, aber die Woche drauf spielen wir in L.A. und New York. Fährst du hin?

Äh nein, das ist in Texas.

(lachen) Ja ok, das wäre ein bisschen teuer.

Mike: Das SXSW ist aber besser als die meisten Festivals, weil die alle sehr durchgeplant sind und du gucken musst, wo du hingehst. Und das ist auch toll, aber beim SXSW kannst du zu jeder Band gehen, auch wenn du noch nichts von ihr gehört hast und es wird großartig sein.

Jeremy: Wir haben vor zwei Jahren einige tolle Shows gesehen.

Mike: Wenn du mal die Möglichkeit hast, solltest du hinfahren. Aber es ist wirklich anstrengend. Alle Bands laufen den ganzen Tag nur herum, um die Shows zu sehen. Es ist harte Arbeit.


Everything Everything’s Arc ist bei Rca Int./ Sony Music erschienen.

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