Kanntest du David Murobi?

Foto von Daniel Eberharter

Am vergangenen Mittwoch erhielt ich eine Nachricht. „Kanntest du David Murobi?“. Die Vergangenheitsform sagte alles und kippte mich in jene Ernsthaftigkeit, die nur ein Todesfall bringen kann.
 
Ich kannte David, ja. Ich habe ihn als Fotograf bei Konzerten kennengelernt, irgendwann in den 2000ern. Bei kleinen Konzerten von österreichischen Bands. “Große” Bands, der Fotograben und das Abliefern von cleanen Pressefotos für Agenturen und Medien interessierten ihn nie, das machen schon genügend andere mit viel weniger Talent und mehr Ellenbogeneinsatz. Er sah sich als Dokumentar der lokalen Szene.
 
Davids Bilder waren immer anders, auf eine intime und fabelhafte Weise näher. Mir fiel damals, als ich Davids Fotos kennenlernte, kein anderer Begriff ein als heute. Nähe. Wirklich nahe zu fotografieren, das können sehr wenige Menschen.
 
In meinem Büro im WUK gibt es eine Wall of Fame, die für Bilder, Fundstücke und Autogramme von den besonderen Gästen, die in den Jahren in unsere Halle kommen, aufbehalten ist. Hier hängen die White Stripes und die Setlist von Wire. 2011 kuratierte ich eine Fotoausstellung über die ersten 30 Jahre WUK Musik, und das beste Bild dieser Ausstellung hängten wir von der Galerie ab und sofort auf unsere Wall of Fame. Es ist dieses Bild von Fuckhead. Es ist unfassbar gut. Fotografiert hat es David Murobi.

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Fuckhead von David Murobi

David nahm sich vor einer Woche das Leben. Die genauen Hintergründe kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass jeder, der mit David in Berührung kam, ob als IT-Guy oder als Fotograf, egal wie gut sie ihn kannten, über seinen Tod bestürzt sind. Trauern. Platitüden wie “was bleibt, sind seine Bilder” spare ich mir, denn sie sind grundauf falsch. Es bleibt viel, viel mehr.
 
Ich habe David Murobi in den frühen Wintermonaten 2010 interviewt, weil ich wissen wollte, was hinter dieser Nähe steckt. Ich wollte auch, dass mehr Menschen David kennen lernten. Das Interview war als Teil einer Serie über Künster in Österreich geplant, die sich nicht, und das ist der springende Punkt, durch ihre künstlerische Arbeit definieren, sich nicht als Fotografen oder Maler profilieren müssen, sondern neben einem regulären Job ihrer Liebe, ihrem Talent, ihrem Können nachgehen. Aus dieser Interviewserie wurde damals aus verschieden Gründen nichts, und deshalb erschien das Interview damals auch nicht.
 
Jeder Künstler geht im Idealfall eigene Wege, geht eigenen Einflüssen nach und hat Vorbilder. Für mich ist das, als Fotograf, der wie David “nur” nebenher fotografiert, neben den üblichen Verdächtigen wie Glen E. Friedman eben dieser David Murobi, der mich seit jeher inspirierte. Ich habe ihm das auch schon einmal gesagt. Es hat ihn gefreut.

Gustav (2006) von David Murobi

DAS INTERVIEW:
 
David Murobi ist ein schmächtiger, großer Kerl, und man sollte meinen, solche Menschen fielen auf, wenn sie bei Konzerten ganz vorne stehen. Doch bei ihm ist das anders; er ist wohl einer der unauffälligsten Menschen, die vor einem so rumstehen können.
 
Vielleicht ist es diese Unaufdringlichkeit, die den entscheidenen Faktor liefert, das Warum, weshalb seine Fotos so intim und nah sind. Seine Bilder sind Abzüge dessen, was vor den Augen der KonzertbesucherInen passiert und Vielen vielleicht trotzdem nicht sofort ins Auge sticht. Es sind Bilder von Momenten, die mit einem Schlag Ruhe vermitteln. Oft sind sie unscharf oder entgegen aller gängigen Fotoschulen-Regeln abgeschnitten oder verwischt. Manche Bilder erinnern an Unterwasseraufnahmen, in denen eine Musikerin ihrer Gitarre nachschwimmt als wäre sie Treibholz.
 
In der Regel sind Konzerte laute, verschwitzte Räume, eine Mischung aus Baustelle und Selbstinszenierung. Davnull, so sein Pseudonym auf Flickr, kümmert sich selten um diesen Lärm, ist er auch selber einer von der ruhigeren Sorte und recht ungern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. So ist es nur passend, wenn er sich in seiner Arbeit auf jene Momente konzentriert, die man als Durchatmen definieren könnte. Diese Ruhe und Stille ist in jedem seiner Bilder zu erkennen, ist durchaus sein Stilmittel, welches ihm eine erkennbare Handschrift verleiht. Klar, an die Hand zoomen kann jeder. Aber im richtigen Moment an die Hand zoomen, das ist das Besondere.
 
Daniel Eberharter: Was bzw. wen fotografierst du am liebsten? Spezialisierst du dich?
David Murobi: Ich fotografiere am häufigsten lokale Bands, die in Wien live spielen. Ich sage bewusst lokale Bands und nicht Wiener Bands, denn es leben viele Menschen hier, die aus anderen Bundesländern kommen oder überhaupt in einem anderem Land geboren sind und hier in Wien Musik machen. Aber ich möchte durchaus mit meiner Kamera eine Kultur unterstützen, sie aktiv mitgestalten. Ich finde das wichtig. Am liebsten fotografiere ich halt, was mir gefällt, ganz einfach. Sei es musikalisch oder rein persönlich, weil ich mich darüber freue, den Leuten, die da Musik machen, zuzuschauen.
 
Wie viele Konzerte besuchst du im Schnitt pro Jahr?
Letztes Jahr war ich ungefähr 2 mal die Woche bei einem Konzert, also 2009 waren es etwa 100. Das Jahr davor sogar bisschen mehr.
 
Wie bist du zum fotografieren gekommen?
Ich habe eine kleine Digitalkamera gehabt—wie die meisten halt—und bin irgendwann draufgekommen, dass ich mehr machen wollte, als es die kleine Pocketkamera erlaubte. Auf ebay habe ich mir dann eine Spiegelreflexkamera günstig gekauft.
 
Gibt es so etwas wie einen magischen Moment, in dem dir bewusst wurde, das ist mein Ding?
Ja, das war eben mit dieser Spiegelreflexkamera bei Gustav in der Fluc Wanne 2006. Ich kann mich noch erinnern, wie ich den Film entwickelt habe—ganz normal bei irgendeinem Diskonter—und ich die abgeholten Abzüge in der Hand gehalten habe. Ich musste auf eine Straßenbahn warten, hab mir im Stehen die Fotos angesehen und war einfach vollkommen überrascht und glücklich, wie gut das aussehen kann. Dieses Gefühl suche ich seitdem, und finde es auch manchmal.
 
Warum sind deine Bilder so nah?
Naja, ich bin mir gar nicht so sicher, ob sie wirklich, also physisch, so nah sind. Ich hab sogar früher vielleicht näher fotografiert als heute, jetzt traue ich mich das auch nicht immer so sehr. Ich will ja auch den anderen Konzertbesuchern nicht ihrem Erlebnis vom Konzert im Weg stehen oder den Künstlern unangenehm werden. Aber wenn die Bilder eine andere Art von Nähe vermitteln, dann möchte ich mich für dieses schöne Kompliment bedanken.
 

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