Seit dem 11.März und Fukushima leben wir ja nun offensichtlich nicht mehr in der gleichen Welt wie zuvor. Aber wenn man es sich recht bedenkt, dann leben wir schon seit Marie Curie nicht mehr in der selben Welt und werden es auch die nächsten Millionen Jahre nicht mehr tun. Professor Ronald Posner denkt deshalb an diese Zukunft und vor allem daran, wie man Menschen in ein paar Millionen Jahren klar machen kann, dass wir irgendwo radioaktiven Müll unter ihren Füßen vergraben haben. Bevor dieser sie umbringt.
Denn auch wenn man nun wie in Tschernobyl immer und immer wieder einen weiteren Sarkrophag, wie eine Matrjoschka ex negativo über den strahlenden Müll stülpt, so kaschiert man damit nur das Problem. Man verschafft sich vielleicht weitere einhundert Jahre Zeit, bevor die nächste Ummantelung fällig ist, doch aus der Welt geschafft ist es damit bei weitem nicht und wird es auch in menschlichen Maßstäben niemals wieder sein. Das einzige was uns also bleibt ist Warnungen zu hinterlassen, Monumente der Strahlung, die Jahrtausende überstehen um den Menschen in ferner Zukunft, die mit unserer Kultur, unserer Sprache und unserer Schrift wahrscheinlich gar nichts mehr gemein haben, oder etwas damit anfangen können, klar zu machen, dass wir ihnen ein tödliches Erbe hinterlassen haben.
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Professor Roland Posner, der für die Arbeitsstelle für Semiotik an der technischen Universität in Berlin arbeitet, die sich nun seit 50 Jahren mit semiotischen Problemlösungen beschäftigt, hat dazu bereits seit den achtziger Jahren Forschungen betrieben. Als Herausgeber der Zeitschrift für Semiotik, die seit 1979 existiert, veranstaltete er unter Semiotikern weltweit eine Umfrage, wie man Menschen in 10.000 Jahren verständlich machen kann, wo wir überall den strahlenden Tod versteckt haben. In seinem in den 90ern erschienenen Buch Warnungen an die ferne Zukunft hat er dazu ein paar Lösungsvorschläge zusammengestellt. Wir haben ihn also angerufen, um mit ihm über die kommenden 10.000 bis 1 Millionen Jahre zu sprechen.
Frühe und bereits verworfene Überlegungen für einen Warnobelisken und eine Warntafel.
Vice: Was war der Auslöser dafür, dass sich Zeichenwissenschaftler dem Atom zuwandten?
Roland Posner: Man muss sagen, dass bis zum Ende der 60er Jahre äußerst verantwortungslos mit verbrauchten Spaltstoffen umgegangen wurde. Das Hauptproblem wurde ganz militärisch gesehen: Wie können wir verhindern, dass Leute oder Tiere, die eben nicht zum Militär gehören, in Atommüllager, oder ähnliche Anlagen eindringen, und auf diese Weise die Strahlung verbreiten? Die unmittelbare Antwort: Man hat den starkstrahlenden und den mittelstark strahlenden Müll in Fässer verpackt und hat die einfach, nicht wiederauffindbar, vor der Küste Kaliforniens ins Meer versenkt. Und da liegen sie auch noch. Atomsemiotik hat nun die Aufgabe, Lösungen für das Problem zu entwickeln, wie man rationalen Lebewesen in tausenden von Jahren mitteilen kann, wo für sie schädliche Stoffe liegen.
Wie kam es zu einer Entwicklung, die Entsorgung strukturierter und längerfristig zu gestalten?
Es gab Anfang der 70er Jahre eine Art von hochoffiziellem, aber geheimem Gremium, zu dem Wissenschaftler hinzugezogen wurden, die auf dem Gebiet der Semiotik tätig waren. Dazu noch hochgestellte Leute aus der US-Politik. Die ersten Lösungen waren wie beschrieben, noch rein technisch. Ein weiterer Punkt war, dass man die Orte, an denen der Müll ist, aufzeichnen muss, dazu muss man also ein Dokumentationszentrum haben. Aber das war lange umstritten und wurde nicht durchgesetzt. Der dritte Punkt war schließlich, dass man doch einfach irgendwo ein Atomlager haben müsste, tief unten in der Erde vergraben, wo sich die Erde kaum verändert und er dort für lange Zeit lagern könnte. Und schließlich muss man schauen, dass die Leute, die dort später mal graben wollten, gewarnt sind. Man sollte ihnen dazu einige Informationen geben, wie den Ort und den Gefährlichkeitsgrad der Stoffe. Doch in 10.000 Jahren, wenn man das hoch rechnet, dann sind vielleicht noch drei Prozent des alten Wortschatzes da und überhaupt erkennbar.
Konzept eines Informationszentrums.
Seit vergangenem Jahr gibt’s ja ein neues Kennzeichnungsschild für Atomkraft und Strahlung. Ein rotes Dreieck, das mit Piktogrammen arbeitet. Ich muss da immer an diese Platte denken, die den Voyager-Sonden mitgegeben wurde. Gab es da Forschungsansätze oder Überlegungen in diese Richtung?
Ja, was sie sagen sind schon Ergebnisse in diese Richtung, die auch meines Erachtens weitgehend utopisch sind. Die Leute waren naiv. Es wurde vorgeschlagen, die Gefahr, die einem Menschen oder einem Primaten droht, dadurch zu zeigen, dass da Knochen drauf gemalt sind. Und es gibt nun zufälligerweise Gasthausschilder in Australien, wo Knochen mit Messer und Gabel verbunden werden -und das ist natürlich eine Einladung zu einem Restaurant. Wenn sie keine kulturelle Kontinuität und keinen Kontext haben, dann funktioniert sowas nicht.
Konzept einer symbolischen Abschreckung.
Was waren und sind also Lösungsvorschläge, wie man die Zukunft warnen kann?
Die erste Antwort, die Aufsehen erregt hat, war, dass man vielleicht Strahlenblumen oder Strahlenkatzen züchten könnte. Das heißt Lebewesen herstellen, die sich je nach Strahlungsgrad in Farbe oder Aussehen verändern und sich frei vermehren. Ganz normale, sich ergänzende Populationen, die durch ihre bloße Existenz auf die Gefahr hinweisen und nicht das Problem des Verfalls haben.
Lebendige Geigerzähler also?
Genau. Aber das Problem, das nicht bedacht wurde ist, dass man eine Art Betreuung braucht. Man muss wissen, welche Art von Blumen es sind. Es ist schon zu spät, wenn die Leute die Blumen gepflückt haben oder darin rumgelaufen sind. Dann sind sie schon verstrahlt. Mitte der 80er Jahre bis zur Jahrtausendwende hat es sich also durchgesetzt, dass wir nicht alleine eine physikalisch-chemische oder eine Bio-Lösung, sondern eine kulturelle Lösung brauchen. Wir brauchen menschliche Institutionen, die das Ganze betreuen.
Thomas Sebeok hat dazu ja eine Atompriesterschaft vorgeschlagen.
Das geht genau in die Richtung. Es gibt noch eine Reihe von anderen lustigen Ausdrücken dafür, die Atombarone, aber Sebeok hat sehr genau in Vorträgen darüber gesprochen. Sein Modell basiert auf dem eines Kardinalkollegiums. Einerseits löst das einen Teil des Problems, denn es können sich selbst ergänzende Gremien sein, wie auch Geheimbünde, die Wissen, speichern und an folgende Generationen weitergeben. Wenn einer stirbt, wird ein Nachfolger gewählt. Und auf diese Weise erhält sich ja auch die katholischen Kirche über Generationen…
Aber man schafft dadurch ja auch Machtverhältnisse, die ins Negative kippen könnten.
Und das hat Sebeok nicht genügend reflektiert. Die Machtverhältnisse können schlimmer werden als das zu lösende Problem. Insbesondere wenn die Macht ausgenutzt wird, um zu herrschen. Und das ist ja die Art und Weise, wie sich Institutionen der Religionen bemächtigt haben, wie sie Glauben erzwungen haben. Und auf diese Weise war die Macht einer kleinen Gruppe förderlich. In meinem Buch habe ich also versucht, eine Art von Institution zu entwerfen, die die Nachteile dieser Atombarone, dieser Atompriesterschaft, nicht hat und trotzdem Vorteile haben könnte, ich nenne das Zukunftsrat.
Wie soll dieser dann organisiert sein?
In der Zukunft haben wir hoffentlich mehr demokratisch organisierte Staaten, so dass wir neben dem Zentralparlament und einem Parlament, das wie der Bundesrat für die Landesteile zuständig ist, noch ein drittes Parlament schaffen könnten, was ich Zukunftsrat nenne und der sich für die zukünftigen Generationen mit eben diesen drei Problemgebieten Atommüll, Genetik und Weltraumforschung längerfristig beschäftigen würden. Leute, die dann alle zwölf Jahre ganz ausgetauscht werden und alle vier Jahre zu einem Drittel neu gewählt werden. Diese sollen Normen entwickeln, an die sich die Gesetzgebung halten müssen. Das ist jetzt schon ziemlich nah an dem, was rein deklamatorisch die sogenannte Ethikkommission jetzt mit überlegen soll. Es gibt da also bereits eine Bewegung.
Die Halbwertszeit von Plutonium beträgt 24.000 Jahre, die von Jod bis zu einer Million Jahre. Das wären geschätzte 30.000 Generationen, wie kann etwas demokratisch so lange organisiert bleiben?
Sicher, das ist eine Problemstellung und dafür haben wir keinerlei Sicherheit. Punkt. Früher hieß es aber in agrarischen Gesellschaften eben ‘friss oder stirb’. Das haben wir heute nicht mehr. Heute heißt es ‘Verwalte, oder deine Nachkommen sterben’.
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