André Simonow ist einer der wenigen Menschen, die wirklich und leibhaftig in Berlin-Mitte geboren wurden. Wenn man ihn aber danach fragt, hört man von ihm nur, dass „er schon immer hier war“. Jedenfalls macht er schon seit einiger Zeit Fotos und auch sehr schöne, wie wir finden. Vor kurzem hat er seine Familie in Russland besucht und da er seine Kamera dabei hatte, gleich ein paar Fotos gemacht.
Eigentlich war mein Plan, mit der Bahn von Berlin nach Russland zu fahren und diese Fahrt zu dokumentieren. Ich hatte dafür einfach mal ganz dreist bei der russischen Bahn angefragt, ob sie mir nicht meine Tickets sponsern wollten, doch am Ende haben sie es mit der Begründung „Wirtschaftskrise“, abgelehnt. Also hab ich mich hoch verschuldet, habe meine Freundin mitgenommen und bin mit eigenen, gekauften Tickets rüber. Nur um festzustellen, dass die Bahnhöfe, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnerte, verschwunden sind, so dass aus der Bahnstory nichts wurde. Ich war echt deprimiert, also sind wir von Moskau nach Woronjesch und von dort dann nach Makeschkino in das kleine Dorf, in dem meine Großeltern leben, weitergereist.
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Das ist meine Freundin, die mich auf der Reise begleitet hat. Wir sind jeden Tag in der Umgebung des Dorfes spazieren gegangen, meist auf ganz entlegenden Wegen in den Kreidebergen. Die Natur dort ist sehr schön und wir wollten braun werden, also sind wir nackt gelaufen. Die Leute dort sehen so was nicht so gerne, aber nur einmal sind wir einem Auto mit drei alten Jägern begegnet, aber die Männer haben auch nur geschmunzelt und sind an uns vorbei gefahren.
Das Foto entstand durch reinen Zufall. Wir kam von einem unserer Spaziergänge und auf einmal stand er vor mir.
Ich hab ein Foto gemacht und bin weitergegangen. Wir haben kein Wort gewechselt. Er stand dann noch eine Weile da und hat wohl überlegt wer ich war. Später habe ich noch erfahren, dass er der älteste Typ des Dorfs ist.
Noch mal meine Freundin. Sie hat jeden Tag die Blumen gegossen, um meiner Oma ein wenig Arbeit abzunehmen. Selbst Blumengießen ist dort eine anstrengende Tätigkeit, da man in der prallen Sonne steht und selbst im Schatten 35 Grad herrschen. Jedenfalls stelle ich mir so das Ideal einer Bäuerin vor.
Samagon, russisch für selbstgebrannter Schnaps. Vor allem in ländlichen Regionen wird dieses Zeug getrunken, da Wodka schlicht zu teuer ist. Zumindest wenn du jeden Tag was trinken möchtest. Auf dem Foto siehst du wie der Samagon gebrannt wird. Ich habe schon so einige Versionen dieser Aparatur gesehen und diese scheint mir bisher die Professionellste zu sein. Sie testen, ob der Schnaps bereit zum abfüllen ist, indem sie ein Stück Zeitung in das Glas halten und es anzünden. Brennt die Flamme noch ein wenig orange ist es Fusel, erst wenn Sie richtig blau ist, kann man das Zeugs trinken.
Kolja und seine Zigaretten. Ich glaube er hat sie extra wegen mir gekauft. Er meinte, es gibt Lenin und Stalin auf der Packung, nur Hitler gibt es nicht. Die Familie von Kolja und seiner Frau war mal sehr angesehen in dem Dorf, da sie einen schönen großen Hof hatten und die meiste Tiere. Vor ein paar Jahren ist jedoch ihr ältester Sohn bei einem Autounfall gestorben und seitdem fing es mit dem Trinken an. Der Hof ist zwar immer noch groß und sie haben immer noch die meisten Tiere, aber sie trinken fast jeden Tag und der Hof ist auch nicht mehr so sauber wie er einmal war…
Es ist trotzdem irgendwie urrussisch, auch wenn ein Urrusse in meinen Augen kein Trinker sein muss. Kolja nimmt jedenfalls alles sehr still hin und trinkt, während siene Frau immer schreit und ihn besoffen mit einer Holzlatte verprügelt.
Das Foto ist bei der Kartoffelernte entstanden und zeigt meine Oma. Die Ernte ist ziemlich gering ausgefallen, und irgendwie kammen wir im Gespräch darauf, dass sie sich doch darüber aufregen solle wie sonst auch, indem Sie mit der Faust zum Himmel zeigt und ein wenig Flucht.
Die Frau mit den lila Haaren ist die Frau von Kolja. Eigentlich wollte Sie sich die Haare rot färben, aber keine Ahnung was da schief gegangen ist. Die etwas jüngere daneben ist die Frau von Koljas Neffen.
Diese Bilder sind Schnappschüsse, die in Woronjesch entstanden sind, als wir auf dem Markt einkaufen waren.
Der Mann am LKW ist offensichtlich von der Stadtreinigung.
Als wir zurück nach Moskau kamen, lag dieser Obdachlose vor der Eingangstür unserer Wohnung. Wir kannten ihn bereits, da er tagsüber direkt vor der Tür bettelte. Drei Wochen später, als wir noch mal für ein paar Stunden in Moskau waren, war der Typ jedenfalls immer noch da.“
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