Die lange Nacht der Besetzungen

Die „Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen” hätte ich aus allgemeinem Desinteresse beinahe verpasst, dann riefen aber einige links-alternative Gruppen zu Protesten auf, also machte ich mich gestern Abend auf zum großen Event von Immobilienscout.

Vom Weiten sah es noch so aus, als wäre der PR-Kampagne ein Riesenerfolg vergönnt, der Andrang vor den Bussen schien enorm, doch je näher ich dem Treffpunkt am Alexanderplatz tatsächlich kam, desto mehr schien es mir eher eine Ansammlung von Journalisten, (Zivil-)Polizisten und Mitarbeitern der wenig seriös wirkenden Sicherheitsfirma zu sein.

Den Wohnungsuchenden wurden mehrere Routen durch die Stadt offeriert, die die Interessenten nutzen konnten, um in die verschiedenen Bezirke und zu den Wohnungen zu kommen. Große Busse standen hintereinander geparkt, wie bei einer Grossoffensive der Kaffeefahrten-Mafia.

Da sich der größte Andrang auf den Bus in Richtung Kreuzberg konzentrierte, folgte ich einfach mal der Masse …

Auch wenn ich im Bus Richtung Kreuzberg saß, so war der Infozettel bereits ein Vorbote der schlechten Organisation, denn die Route führte direkt nach Friedrichshain. Der angebliche Ur-Kreuzberger, der der Tourguide in unserem Bus war, konnte nicht wirklich mit Wissen brillieren, da er auf der Fahrt lieber ununterbrochen über die Plattenbauten im Osten sprach. Er nannte sie „DDR-STYLE”.

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Das Schild wurde als stiller Protest umgedreht, den Fehler bemerkten die Veranstalter leider erst im 3. OG, als sie bei zahllosen, ziemlich überraschten Bewohnern klingelten, die nun circa 20 Fotografen und 100 Interessenten vor der Tür stehen hatten.

Die meisten „Wohnungssuchenden” waren Fotografen, Securitys und Zivilbullen der Einheit für „Politisch motivierte Straftaten”, kurz PMS.

Ein Gemälde liebevoll ausgestellt auf einem Sofakissen, das als Tisch umfunktioniert wurde. Untermalt mit heroischer Klassik á la Gladiator oder Black Hawk Down von Lisa Gerard. Für mich hatte das alles etwas Postapokalyptisches.

Ein kleiner Protest der Bewohner, sie beschallten den Innenhof mit SLIME-Klassikern und fragten aus dem Fenster heraus, ob jemand eventuell Heroin kaufen möchte. Andere Bewohner wiesen die Interessenten freundlich darauf hin, dass es hier scheisseteuer sei.

Dieses Tag war der Grund für eine vorläufige Festnahme einer Frau und führte im Treppenhaus und auch vor dem Haus kurz zu Spannungen zwischen der vollkommen verplanten und überforderten Polizei und den Demonstranten.

Einige Aktivisten schafften es an dem angsteinflössendem Aufgebot der Polizei vorbei und sprühten in einer Wohnung Parolen an die Wände und klebten überall Sticker hin. Die Polizei brauchte 17 Minuten, um dem Spuk ein Ende zu bereiten, und um die Wohnung erstmal zu finden.

Die Leute wurden abgeführt und erhielten einen Platzverweis von Treptow bis zur Skalitzer Straße (sprich: sie erhielten Platzverbot in beinahe ganz Kreuzberg)
Es stellten sich einige Polizisten vor den Eingang und schubsten die Leute ohne Grund, danach leugneten sie ihren Aktionismus und ignorierten weitere Anfragen über Sinn und Zweck ihrer Handlungen.

Ein Zug der Bereitschaftspolizei räumte den Gehweg und erteilte allen Anwesenden, der Presse und auch dem Kioskbesitzer und den Anwohnern Platzverweise und drängt sie ebenfalls in Richtung Treptow ab.

Zurück blieben einige Beamte, die ihr können als Türsteher unter Beweis stellen konnten, und einige verwirrte Anwohner. Vom Veranstalter Immobilienscout war niemand mehr zu sehen und einige Wohnungssuchenden warteten 90 Minuten auf den Bus, der sie zurück zum Alex bringen sollte. Eine Wohnung hat an diesem Abend wohl niemand gefunden.

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