Das ursprüngliche Ringreiten ist eine Tradition, die jährlich in norddeutschen Dörfern stattfindet. Der Reiter muss dabei durch eine Galgenanlage, oder Galli hindurch reiten, ein über der Bahn gespanntes Band, an dem ein Ring mit einem Magneten befestigt ist.
Mit einer kurzen Lanze versucht er den Ring aufzuspießen. Gewinner oder König wird, wer die meisten Ringe sticht. Die Jugend in Schleswig-Holstein, zwischen Hamburg und der dänischen Grenze hat die eingestaubte 1-PS Tradition ihrer Väter zu einem ohrenbetäubenden und betrunkenem Spektakel umgekrempelt. Wo ihre Väter und Großväter früher beim Ringreiten auf Pferden unter horizontal gespannten Seilen hindurchgaloppierten, spießen sie jetzt von alten, demolierten Autos heraus die Eisenringe mit ihren Lanzen auf.
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In einem dunklen Waldstück laden die Teilnehmer auf einem abgeernteten, von knöchelhohen Stoppeln überzogenem Maisfeld dutzende alte und demolierte Autos ab, die wenige Wochen zuvor noch auf irgendwelchen norddeutschen Schrottplätzen vor sich hingammelten. Ihre neuen Herren haben für sie einige hundert Euro bezahlt. Sie haben die kaputten Blechkarossen nach Hause transportiert und so lange an den Wagen herumgebastelt, bis sie zu dem wurden, was sie heute sind: aufgemotzte Karren mit übergroßen Traktorreifen auf der Hinterachse, höher gelegter Karosserie, und vor allem einer Menge PS. 150, 200, 250. Je mehr desto besser.
„Die Wagen müssen ordentlich Puste haben,“ erklärt ein 34-jährige Familienvater, „sonst schockt das nicht.“ Er kommt seit über fünfzehn Jahren hierher und sitzt auf einem bizarren Eigenbau, der aussieht, als wäre er vom Filmset der Mad-Max-Reihe. Der Preis? Ein Kleinwagen und unzählige Stunden in der Werkstatt. Die gewöhnlichen Serienmodelle, erinnert er sich, seien ihm immer zu schnell kaputt gegangen. Außerdem müsse so ein Auto ja auch ein bisschen was hermachen. Vom Publikum erntet sein Wagen etliche interessierte Blicke, aber der Großteil der Leute ist damit beschäftig, vor dem Start des größten Autoringstechens in Nordfriesland noch schnell etwas zu trinken zu organisieren. Jugendliche und Landwirte von benachbarten Höfen lungern an der Theke, Mütter mit ihren Kindern, Elektroniker und Bauarbeiter in Arbeitskluft, junge Mädchen, Oma und Opa, alle sind da. Und allen liegt das nasskalte Wetter wie kaltes Blei in den Knochen. Im Angebot des Kiosks sind Cola, Orangensaft, Tee und Kaffee. Geordert wird Cola-Whisky, Vodka-O, Teepunsch, und vor allem natürlich Sternmarke—ein billiger Cognacverschnitt, von der einheimischen Jugend zum „Champagner des Nordens“ geadelt, darf auf keinem Fest fehlen.
Der Ablauf entspricht den Regeln des Ringreitens: Zwanzig Durchgänge, Mittagspause, dann ein bis zwei weitere Durchläufe, wenn es der Boden zulässt. „Angemeldet?“ Martin, einer der zwanzig Organisatoren, legt müde die Stirn in Falten, so als er hätte er die Frage schon zu oft gehört. Nee, da gäbe es einfach zu viele Auflagen, sagt der 23-jährige. Außer einem Feuerwehrauto vor Ort müssten die Fahrer dann mindestens 18 Jahre alt sein, einen gültigen Führerschein besitzen und dürften keinen Alkohol trinken. Wenn man das alles erfüllt, würde vom Autoringstechen nichts mehr übrig bleiben.
Das Feld der über sechzig Autos kommt in drei parallelen Reihen zum Stehen. Metallica in den Lautsprechern. Die Beifahrer lehnen sich aus dem Fenster und greifen in einen eisernen Köcher, der außen am Kotflügel angeschweißt ist, um die spitze Holzlanze herauszuziehen, mit der sie den Eisenring erwischen wollen. In einem der Wagen sitzt eine komplette Familie, Vater am Steuer, Mutter daneben, Kinder auf der Rückbank, eingezwängt wie Ölsardinen in einem brüchigen hellblauen Opel Kadett. In der Mittagspause parken die Fahrer ihre Autos am Waldrand und stürmen auf den Holzkohlegrill los. Was er denn eigentlich gegen das traditionelle Ringreiten habe? Knut lächelt. Gar nichts. Er sei früher auch ab und zu mal mitgeritten, aber „Pferde geben mir einfach nicht soviel. Das muss brummen!“ An Autos herumzubasteln ist für ihn wie für alle Anwesenden der Zeitvertreib neben der Arbeit. „In den Abendstunden in der Halle rumbrutzeln, kleines Bierchen dabei, eben kreativ sein,“ sagt er. Dann raus aufs Feld und das Gefährt einem anständigen Stresstest unterziehen.
Irgendwann wurde ihm das Herumfahren auf der Koppel zu langweilig. Inspiriert vom Ringreiten fing er Anfang der 90er Jahre mit Freunden an, Autoringstechen zu organisieren. Jetzt, mit Mitte Dreißig, ist er froh, dass auf seinem Hof ein funktionierendes Gefährt auf ihn wartet und dass es immer wieder Jugendliche in den Dörfern gibt, die so eine Veranstaltung auf die Beine stellen.
Ein Fahrer fährt vorm „Pit-Stop“ vor, andere steigen erst gar nicht aus und lassen sich wie bei einem Drive-In von Kollegen durch das Autofenster hindurch mit Alkohol versorgen. Das Publikum feiert die Fahrer, die Fahrer sich selbst und alle das Autoringstechen. Es dauert nicht lange, und der Pit-Stop zeigt seine Wirkung. In grobzackigen Ausflügen schlittern die ersten Wagen quer über den Acker, andere drehen sich im Kreis, wühlen Schlamm auf, der wie Hageltropfen auf alles und jeden niederprasselt. Die Kombination von PS und dem „Champagner“, den alle in sich reinkippen führen zum ekstatische Ausufern des Ganzen im Laufe des weiteren Nachmittags. Wer am Ende die meisten Ringe gestochen hat und als König den Pokal mit nach Hause nehmen darf, weiß niemand—und es interessiert auch niemanden. Über dem Schlachtfeld liegt eine zufriedene, fast friedvolle Stille. Einzig aus den Radiolautsprechern lärmt noch Motörhead: „You win some, lose some, it‘s – all – the same to me. The pleasure is to play“.
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