Marokkos menschliche Packesel

So wird ein Wodkaflaschengürtel angelegt. Alkohol ist bei der muslimischen Bevölkerungsmehrheit des Landes verpönt, aber man kann ihn dennoch problemlos in Supermärkten finden, wo er in diskreten schwarzen Plastikbeuteln verkauft wird.

Jeden Morgen um sechs versammeln sich Malika und Tausende andere Schmugglerfrauen, auch Porteadoras genannt, am Fuße eines gewaltigen Metallgeheges, über das Marokko mit Spanien verbunden ist. Die marokkanische Polizei sortiert die Frauen, mal mehr, mal weniger behutsam, in geordnete Reihen, bevor sich diese auf den Weg über die Grenze nach Melilla, also auf spanisches Hoheitsgebiet, machen, um sich mit dem Schmuggel illegaler Güter nach Marokko ihr täglich Brot zu verdienen. Der Grenzübergang ist unter dem Namen Barrio Chino bekannt, und auf der anderen Seite warten entlang einer spanischen Esplanade Dutzende weiße Minibusse auf die Frauen. Sie sind vollgestopft mit Secondhandklamotten, Schuhen, Decken, Stoffen, Reifen, Kisten voller Chips, Toilettenpapier und einer riesigen Sammlung anderer Luxusprodukte und Waren des täglichen Bedarfs.

Als sich die Tore öffnen, hebt Malika, die 44 Jahre alt ist und bereits seit zehn Jahren an dieser Grenze arbeitet, den Finger gen Himmel wie ein Sportler und murmelt ein Gebet an Allah: „Ach adu an la ilaha ila lah wa ach adu anna mohammadan rasulo allah“ („Ich schwöre, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed sein Gesandter ist“). Für Muslime ist das normalerweise ein Gebet, das auf dem Totenbett gesprochen wird, aber in Anbetracht des Kommenden erscheint das nur angemessen. Es ist gut möglich, dass sie von den sich auf die Schmuggelwaren wie Klopapier und Alkohol stürzenden Frauen zu Tode getrampelt wird, wie es im November 2008 einer Frau namens Safia Azizi geschah, die an einem Riss in der Lunge starb, nachdem sie bei einer Massenpanik niedergetreten worden war. Um 6.30 Uhr öffnen sich schließlich die Tore des von den Marokkanern als „der Käfig“ bezeichneten Übergangs. Es wird geschätzt, dass mehr als 8.000 Marokkaner, zum Großteil Frauen, den Übergang täglich mit allen möglichen auf den Rücken geschnallten Waren passieren.

Videos by VICE


Auf der spanischen Seite des Barrio Chino angekommen, sortieren sich die Frauen rasch, um mit dem Aufladen der Waren zu beginnen. Ich sehe eine hutzelige Alte mit einem schmutzigen Schal um den Hals, der dazu dient, ihren Schweiß aufzusaugen. Sie beugt sich nach vorne und man stapelt ihr noch einen weiteren 60 Kilo schweren Ballen auf den Rücken. Ich höre ihr Rückgrat knacken und ihre Zähne aufeinanderschlagen, was aber außer mir keinen zu stören scheint. Die Leute haben logischerweise andere Sorgen: Säcke mit Sonnenblumenkernen, Autoersatzteile, Alkoholflaschen, Schuhkartons und alle möglichen Klamotten, die alle transportiert werden wollen.

Eine andere Frau beugt sich vornüber, bis ihr Kopf praktisch den Boden berührt, während man ihr einen wohl 80 Kilo schweren Packen mit Waren auf den Rücken schnürt. Wieder eine andere Frau, Yamila Agao, wartet ungeduldig, dass ihr Chef mit einer Ladung Schuhe aus dem Lager zurückkehrt. „Er kommt zu spät! Das bedeutet, dass ich nur eine Lieferung machen kann“, sagt sie. Yamila erzählt mir, dass sie mit ihren 32 Jahren bereits geschieden ist, nachdem sie mit einem Mann verheiratet war, den ihre Familie für sie ausgesucht hatte, den sie aber nie lieben gelernt hat.


Yamila lädt mich ein, sie in ihrem Haus zu besuchen, das sie sich mit ein paar anderen Porteadoras teilt. Das Viertel grenzt rundum an eine Müllhalde und der Gestank macht es schwierig zu atmen. Sie teilen sich eine baufällige, fensterlose Hütte, für die sie jeden Monat insgesamt 50 Euro zahlen. Sie spulen eine Litanei erschütternder Biografien herunter (schlechte Männer, tote Männer, und so weiter) und erklären mir, dass der Schmuggel sie am Leben erhält.

Sie erklären mir die Logistik: Arbeiter auf der spanischen Seite schnüren die Waren zu Ballen zusammen, diese werden dann von Laufburschen an die Grenze gefahren, wo sie aufgeteilt und von den sogenannten Marcadores nummeriert werden, damit sie beim Erhalt gezählt werden können, und dann werden sie schließlich von den Porteadoras nach Marokko geschleppt. Die Großhändler und Lagerbesitzer haben, wie es in allen mafiaähnlichen Unternehmen üblich ist, Taschen voller Geld dabei, um alle zu bezahlen und sicherzustellen, dass nichts den Fluss des Geldes in ihre eigenen Taschen zurück unterbricht. Eine Quelle innerhalb der Polizei hat vor Kurzem bestätigt, dass diese Industrie jährlich 500 Millionen Euro generiert.

Am nächsten Morgen frage ich zwei der Polizisten am „Käfig“, was sie von dem Ganzen halten.

„Schau“, sagt ein Polizist, „die spanische Regierung stoppt diese Mafia nicht, weil es nicht in ihrem Interesse ist.“

„Weil sie die Marokkaner nicht vor den Kopf stoßen wollen, und weil das Ganze sehr viel Geld abwirft“, fügt der andere hinzu. „Aber es ist ein Skandal! Es ist wie im Mittelalter. Tut mir leid, ich muss weg, viel Erfolg noch.“ Er zieht los und versucht, wieder Ordnung in eine der Menschenschlangen zu bringen, in der ein unbedachter Stoß mit dem Ellenbogen oder ein Schubser ein Handgemenge unter den Frauen ausgelöst hat.

„Wenn wir nicht hier wären, würden sie sich gegenseitig umbringen“, sagt der erste Polizist.

Ein anderer Beamter sagte mir, dass die städtischen Behörden in Mellila diesen sogenannten „untypischen Handel“ im Barrio Chino legalisiert hätten. Sie haben sogar ein Schild mit der Silhouette einer Frau (und zwar eines hübschen digitalen Mädchens statt einer buckeligen Porteadora), die einen Sack, der ungefähr ein Drittel so groß ist, wie die Sachen, die die Frauen hier wirklich tragen, aufgestellt. Dessen Sinn ist unmissverständlich: Arme unglückliche Schmugglerinnen bitte hier entlang.



Diese Porteadora wurde gerade auf der spanischen Seite der Grenze mit einem riesigen Bündel beladen.

Thank for your puchase!
You have successfully purchased.