Sex

Maxime Angel hat es nicht leicht

Maxime Angel ist eine gute Freundin von mir. Sie ist eine HIV-positive Transsexuelle, welche sich für Aids-Kampagnen und Transgender-Rechte einsetzt. Außerdem ist sie eine Künstlerin, die sexuell provoziert. Bevor sie anfing, Penisse auf Papier zu bringen, sich selbst mit Milch zu überschütten, in rohem Fleisch einzuhüllen oder sich über und über mit ihren eigenen HIV Pillen zu bedecken, war sie in ganz Europa unterwegs, um sich für Geld von fremden Männern ficken zu lassen. Ich rief sie an, um ein wenig über alles dies zu plaudern.

Vice: Hey Max! Möchtest du ein wenig über deine Arbeit reden? Wieso die vielen Schwänze?

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Maxime Angel: Im Grunde genommen geht es um Dualismus—Dinge, die vielleicht schön aussehen, aber infiziert sind; mich, die aussieht wie eine Frau, aber dennoch ein Kerl ist; Menschen, die sich von mir angezogen fühlen, mich aber im Nachhinein aus diesem Grund abstoßend finden. Alles, was ich mache, mache ich, um attraktiv und abstoßend zur gleichen Zeit zu sein. Deshalb mache ich auch diese Portraits, mit Menschen darauf, die Schwänze lutschen und überall mit Sperma bedeckt sind—das ist hyperrealistisch und grotesk zugleich.

Findest du Sex abstoßend?

Nochmals, es ist eine Sache mit zwei Gesichtern. Als ich klein war, wurde ich von meinem Vater vergewaltigt und später in meinem Leben wurde ich mit HIV angesteckt. Aus diesen Gründen habe ich eine relativ komische Beziehung zu Sex. Ich trage mich als dieses übernatürlich sexuelle Wesen von Tag zu Tag, aber wenn es Ernst wird, flüchte ich, wahrscheinlich weil ich Angst habe, wieder verletzt zu werden. Letztlich bin ich asexuell geworden und habe aufgehört, Sex zu haben.

Die sieben Schleier repräsentieren die sieben Länder, in denen Homosexualität mit dem Tod bestraft wird. Ich stand dort für eine Stunde und habe die Schleier getragen, die mit ungekochter Leber festgemacht waren, überall floss Blut von mir runter. Danach war ich dank einer Infektion eine Woche krank. Am Ende nahm ich alle Schleier ab und war komplett nackt. Ich spuckte Milch und schüttete sie über mich, sie sollte Sperma darstellen, aber auch die Reinigung vom Fleisch/Tod. Es war ziemlich erotisch. Viele Menschen holten sich darauf einen runter. Eine Frau sprang sogar auf die Bühne und machte es sich selbst.

Das muss nerven. Deine Arbeit zeigt meistens Männer, oder eher Teile von ihnen. Gefällt dir die männliche Form besser als die weibliche?

Nein. Für mich sind weibliche Körper viel schöner als männliche, aber ich sehe Frauen nicht als Sexobjekte an. Ich sehe sie als ein Stück Kunst an, welches ich nicht anfassen oder verunreinigen möchte. Es ist mir egal, Männer schlecht dazustellen, das Gleiche machen Männer ja auch mit Frauen. Auf diese Weise fühle ich mich ein wenig so, als ob ich das Gleichgewicht wieder herstellen würde. Ich male keine Frauen in sexuellem oder blutigem Kontext, ich finde es schlimm genug, mich selbst in solche entsetzlichen Situationen zu malen.

“Ich habe da so einen Tick: Jedes Mal, wenn ich zeichne, habe ich viele angespitzte Stifte um mich herumliegen, damit ich nicht die gebrauchten anspitzen muss und meine Konzentration verloren geht.”

Meinst du, das liegt daran, dass du vergewaltigt wurdest?

Ja. Ich wurde von meinem Vater vergewaltigt, der Person, die eigentlich mein ultimatives Vorbild sein sollte, was Männer angeht. Aber auch schon, bevor ich vergewaltigt wurde, war ich geschlechtslos: Ich bin in Rüschenkleidern und sowas rumgelaufen, habe meinen Vater aber immer als diesen großen starken Mann gesehen, mein Ritter in scheinender Rüstung, jemand, der mich bei Gefahr retten würde. Aber er hat mich nicht gerettet, er hat mich vergewaltigt. Aus diesem Grund kann ich keine Männer idealisieren, obwohl ich mich von ihren Körpern angezogen fühle.

Darum die Prostitution?

Nein, ich musste einfach nur einen Weg finden, ohne das Geld meiner Familie klar zu kommen.

Fühlt es sich schlecht an, das getan zu haben?

Ich habe mich immer dreckig gefühlt und probiert, das zu verdrängen; somit bin ich beim Heroin gelandet. Aber da ist auch dieser Gedanke: “Wenn mein Vater Sex mit mir haben kann, kann es jeder.” Ich glaube, die Prostitution und das Malen unterscheiden sich nicht stark voneinander. Ich habe meinen Körper verkauft, jetzt verkaufe ich meine Seele. Manchmal gefällt mir die Vorstellung, dass wenn Menschen zu meinen Shows kommen, ich SIE vergewaltige, mental.

“Ich ging zum Arzt und log ihn an, dass ich meine Pillen nehme–ich habe aufgehört, sie zu nehmen. Aber eines Tages bekam ich meine Testergebnisse und alles war normal, also habe ich darüber nachgedacht, dass die Pillen nur Fake sind. Außerdem kümmerten die sich nur um mich, weil ich weiß bin und Geld habe. Wäre ich ein Kind in Kambodscha, würden die Leute sich einen Scheiß um mich kümmern. Also nahm ich alle Pillen, die ich eigentlich einnehmen sollte und verteilte sie auf den Tischen und legte mich nackt auf ein Kruzifix, genauso wie Jesus.”

Neben den Penissen sind da auch eine Menge Totenköpfe auf deinem Zeug. Penisse und Totenköpfe. Du machst dir Sorgen über Sex. Wegen des Dualismus, über den wir vorhin geredet haben. Dem Fakt nach zu urteilen, dass du HIV-positiv bist, machst du dir auch Sorgen über den Tod?

Auf der einen Seite ja, auf der anderen nein. Seit ich vor 3 Jahren meine Medikamente abgesetzt habe, fühle ich mich besser, weil ich mich nicht mehr mit den Nebenwirkungen rumschlagen muss. Ich fühle mich krank und ich komme manchmal außer Atem, wenn ich die Straße entlang gehe, und ich bekomme auch oft Grippe oder fange an, aus meinem Mund zu bluten, aber durch die Pillen fühl ich mich nicht besser und es ist ja nicht so, als ob sie AIDS heilen würden. Ich probiere einfach, all meine Frustration auf die Bilder zu projizieren.

Hast du angefangen zu malen, nachdem du HIV bekamst?

Ich habe auch schon vorher gemalt, aber auch nur, weil ich mir selbst gesagt habe: “Du weißt, was du zu tun hast, du musst malen.” Vorher war es also nicht wirklich fokussiert. Nun habe ich ein politisches Statement hinter allem, was ich tue. Ich kann nun nicht mehr einfach irgendwelche hübschen Blumen malen.

Gibt es einen Teil in dir, der froh darüber ist, infiziert worden zu sein, weil du jetzt ein Ziel hast?

Ich habe es 2002 herausgefunden, ich habe noch als Prostituierte gearbeitet und das Einzige, woran ich dachte, war, dass das jetzt nicht mehr möglich ist. Aber ab da liebte ich es, Aids zu haben, weil es mir etwas gab, für das es sich zu kämpfen lohnte; ein Grund am Leben zu sein. Vorher ging es nur um um Sex, Drogen und suizidale Gedanken. Jetzt ist es das Gegenteil.

“Kuck dir das Spiel an und trink ein Bier.”

Du benutzt sehr billige Materialien. Papier, Stifte, Kartons…

Mir gefällt einfach der Gedanke, etwas Wunderbares aus Dingen zu erschaffen, die Menschen normalerweise wegschmeissen würden. Eine Metapher meines Lebens. Ich probiere den Müll, der mein Leben ist, aufzusammeln und etwas Schönes daraus zu machen. Ich habe in Kartons gelebt, als ich ein Kind war und von Zuhause weggelaufen bin, Kartons haben also einen sentimentalen Wert für mich.

Wieso bist du von Zuhause weggelaufen?

Das erste Mal war ich neun. Meine Schwester war im Urlaub und ich war allein mit meinen Eltern. Mir gefiel das nicht, also dachte ich mir, ich laufe weg, aber ein Nachbar hatte mich gefunden und wieder zurück gebracht. Als ich 14 war habe ich es nochmal probiert. Ich hatte die Schule geschwänzt und habe mit einer Freundin von mir in einer sehr dreckigen Gegend Roms gelebt. Sie war eine riesige Schlampe, also wurde ich auch eine. Danach verbrachte ich ein paar Monate damit, in Trucks zwischen Italien und der Schweiz umher zu fahren. Ich habe probiert, die Grenze zu überschreiten, aber ich war zu jung, also ließen sie mich nicht. Daraufhin musste ich auf der Straße in der Nähe einer Tankstelle leben. Irgendwann bin ich dann in den Kofferraum irgendeines Kerls gesprungen und das nächste, das ich weiß, ist: Ich bin in München. Ich habe auch in Berlin, Paris, Mauritius und London gelebt.

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