Geisterstunde mit Grimes

Bevor wir uns mit Claire Boucher alias Grimes trafen, versuchten wir uns vorzustellen, wie sie wohl aussehen könnte. Eine nebenberufliche Stadtmeisterin im Gewichtheben war wohl nicht zu erwarten. Es reicht, nur einmal ihre zarte, fast kindliche Intonation zu hören, um auch ein zartes Persönchen dahinter zu vermuten. Wir haben aber noch einmal eindringlich ihren Dämonen austreibenden, zwischen so vielen Einflüssen, zwischen New Wave, Electro, Postpunk und Bass Music herumgeisternden Pop-Entwurf analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass ihr Outfit mindestens ebenso viele Gegensätze vereinen muss wie ihre Musik. Wir tippten auf gewagt-präzise Geometrie beim Haarschnitt und so was wie Schlaghose meets Leopardentop, garniert mit ein paar Totenkopfringen. Im Nachhinein müssen wir sagen: Unsere Menschenkenntnis ist echt erstaunlich.

VICE: Hey, Claire! Hast du heute schon eine Bulldogge gesehen?
Claire Boucher: Ah (lacht), du kennst die Story mit den Bulldoggen. Nein heute leider nicht, aber ich habe eine in Amsterdam gesehen und habe mit ihr zwanzig Minuten abgehangen. Deshalb ist es okay, das reicht dann für ein paar Tage.

Du hast mal gesagt, dass du immer, wenn du eine Bulldogge siehst, du auch eine Show spielst.
Das ist eine unglaublich verrückte und paranoide Seite an mir. Aber es stimmt wirklich! Immer wenn ich eine gesehen habe, dann habe ich eine gute Show gespielt. Sie sind so süß… es gibt nichts Besseres.

Woher kommt eigentlich deine Angst vor Geistern und der Dunkelheit, die du in deinen Songs thematisierst?
Ich weiß nicht, es ist eher wie eine Form von ehrlichem Ausdruck. Ich gebrauche sie, um mich selbst gut zu fühlen. So eine Art Katharsis. Es ist so, wie wenn du wegen irgendetwas sehr traurig bist und du dann einen Song drüber schreibst. Es gibt kein besseres Gefühl, als einen Song zu machen. Wenn du ihn dann fertig hast, ist es so ein Gefühl wie: verdammt, das ist ein heftiger, sicker Song.

In deinem Video zu „Big Small“ hast du sie auch aufgegriffen. Und laut eigener Aussage hast du darin den Nachtmahr von Füssli verarbeitet.
Ja okay das Video ist aber drei Jahre alt. Der Typ, der das Video gemacht hat, ist ein Arschloch. Er meinte, ich solle nur darüber reden, nur weil ich es einmal erwähnt hatte. Er hat mich das Interview drei Mal wiederholen lassen. Alles war inszeniert.

Es entspricht also nicht der Realität?

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OK, schade. Füssli ist ein so genialer Künstler. Genau so, wie bei deinen Zeichnungen. Sie erinnern mich stark an Artworks der Misfits oder solchen Sachen. Du gebrauchst viele von diesen Hardcore und Metal Symbolen. Das ist ja auch eine ziemlich unerwartete Ästhetik. Also ich muss sagen, das passt für mich nicht zusammen. Die Musik von dir hört sich teilweise an wie Sounds von einer Meditations-CD. Gibt es bei dir auch New Age-Einflüsse? Christ bist du also nicht.

Du hast auch die Musik für „King’s Son“, einem Modefilm mit Andrej Pejic gemacht. Magst du es, in dieses Milieu gesteckt zu werden?
Ja und nein. Also ich mag es, alles so schön wie möglich zu machen. Es gibt aber auch vieles in der Branche, womit ich nicht einverstanden bin. Aber Andrej Pejic ist einfach toll. Ich steh drauf, dass da diese eine Person ist, die so wunderschön ist und jeder liebt sie. Jason, der Typ der den Film gemacht hat, ist wirklich gut. Es gibt in dem Bereich natürlich auch viel langweilige Scheiße. Aber Alexander McQueen zum Beispiel, seine Sachen sind pure Kunst. Nur Kunst. Die Idee, den menschlichen Körper zu verschönern, mag ich sehr.

Deine Songs haben oft asiatische Einflüsse, hast du zu viele Animes geschaut?
Ich liebe Animes! Ich liebe „Evangelion“! Das hat etwas Metaphysisches. Das ist mit so Robotern. Es ist wirklich gut! Es geht in erster Linie um die Apokalypse. Es geht um Engel, die die Welt erschaffen haben und zurückkehren.

So etwas wie „Angel Sanctuary“?
Das kenne ich nicht aber oh mein Gott, du musst es anschauen!
Animes sind so etwas Schönes. Es greift die japanische Dämonologie auf. Es unterscheidet sich kulturell so sehr von den Dingen im Westen. Und die Musik ist natürlich genial. Der Soundtrack von „Ghost in the Shell“ — der ist großartig.

Als ich deine Songs gehört habe, haben sie mich an etwas in der Art erinnert. An ein Pokemon, kennst du „Pummeluff“? Es sieht aus, wie ein pinker Kreis.
Ja, das ist Jiggly Puff. Ich glaube in Deutschland haben sie andere Namen als in Amerika.

Wie findest du es, mit Jiggly Puff verglichen zu werden?
(lacht) Ja das gefällt mir. Sein Lied ist so traurig und schön.

Ziemlich nerdig.
Ja, ich bin ein kleiner Nerd. (Zeigt ihren Arm, auf dem sie ein Dreieckssymbol tätowiert hat) Mein Lieblingsspiel ist Zelda ocarina of time.

Göttlich. Hast du dir das deshalb machen lassen?
Alle meine Brüder und Cousinen haben das gleiche Tattoo. Weil wir dieses Spiel alle zusammen gespielt haben.

Ein Familientattoo also. Selber gemacht?
Ja mit einer Nadel.

Bei mir hat das an den Händen nur kurz gehalten.
Ja, in den Händen geht das auch immer schnell ab. Hier, das ist bei mir auch schon wieder fast weg. (Zeigt die Vorderseite ihrer Finger) Das sind die Symbole aus dem Film „Das fünfte Element“.

Du hast mal gesagt, dass deine Stimme es nicht verträgt, wenn du rauchst oder trinkst…
Ehh (lacht), nicht wenn ich auf der Bühne stehen muss. Ich hab das ein paar Mal betrunken gemacht, aber es war schrecklich.

Also kein Straight Edge?
Oh, das versuche ich immer. Aber es klappt nicht. Ich meine, wie clean kannst du sein wenn es 2 Uhr in der Nacht ist und du auf irgendeiner Party rumhängst?

Guter Punkt, Dank dir!


Grimes The Vision erscheint im März auf 4AD

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