Ey, schon mal von dieser Sache namens Djing gehört? Für Cash in Bars oder bei beschissenen Ausstellungseröffnungen Platten spielen? Rate mal, was Auflegen ist: die größte verdammte Verarschung aller Zeiten! Leute, die es schaffen, als DJs rüber zu kommen, machen ihr Geld leichter als sonst wer, weil sie jede PR-Tussi und jeden Clubbesitzer dieser Welt davon überzeugt haben, dass sie etwas machen, das nur einigen wenigen Genies vorbehalten bleibt. Was für ein Bullshit. Ein blinder 70jähriger äthiopischer Leprakranker mit 10 gebrochenen Fingern kann genauso gut auflegen wie jeder B-Promi bei irgendeiner Instore-Party für irgendeine schwule Snowboardjeans-Firma. Ich schwöre es.
Und was ist mit diesen anderen Typen, die mit ihren Händen dauernd wie kleine gestörte Krabben an den Platten rumfummeln, die sie mit angeblich wichtigen Tesafilmstückchen zugeklebt haben? Das sind keine DJs! Keine Ahnung, wie ich die nennen soll: Spastis, vielleicht? Vor fünf Jahren haben sie sich selbst noch „Turntablists“ genannt, aber ich denke, das ist ihnen dann irgendwann selbst zu peinlich geworden. Eins ist allerdings sicher: Diese Jungs legen nicht wie ich in der Szene auf, wo’s die Kohle gibt, weil nämlich kein einziger besoffener Haargel-Prolet oder seine Glowstick-Tribaltattoo-Friseusenfreundin aus der Vorstadt je auf eine einstündige abstrakte Scratch-Orgie zu einer raren P-Funk B-Seite abtanzen würde.
Ich fahre jetzt schon seit ein paar Jahren ganz ordentliche Nebeneinkünfte durchs Auflegen ein, und ich schaffe es gerade mal, meinen eigenen Rücken zu scratchen. Alles, was man wirklich braucht, ist ein CD-Brenner, Kazaa und einen einigermaßen guten Musikgeschmack. Hier mal ein paar Einblicke in mein Leben als Party-DJ:
TECHNIK
FLOW: Das einzige bisschen Fachkönnen, das man sich aneignen muss, ist der Flow. Schon mal ein Mixtape für jemanden gemacht, auf den du standest? Dann weisst du bereits, was Flow ist – nämlich die Fähigkeit, eine bestimmte Stimmung aufrecht zu erhalten. Ich war mal auf einer Party, auf der der DJ immer erst einen tanzbaren HipHop-Track gespielt hat, dann einen untanzbaren, langsamen Classic-Rock-Track, dann wieder HipHop, wieder Slow-Rock, und so weiter, und das eine ganze Stunde lang! Wir sind immer wieder aufgestanden um zu tanzen, nur um uns dann gleich wieder hinzusetzen, bis wir schließlich ganz sitzen geblieben sind und echt angepisst in seine Richtung gestarrt haben. Das war das Gegenteil von Flow. Flow ist nicht schwer zu meistern, du darfst halt nur kein vollkommener Idiot sein. Glaubst Du, dass Du das hinkriegst?
Auch der Übergang zwischen zwei komplett unterschiedlichen Genres ist total einfach. Du musst nur winzige Brücken bauen, anstatt gleich Riesensprünge zu machen. Nehmen wir mal an, Du gehst von einem HipHop- in ein Punkrock-Set. Du spielst Deinen letzten Rapsong, dann Prince. Danach vielleicht ein bisschen ESG. Dann die Slits. Whoa! Schon bist Du mitten im Punk-Set, bevor die überhaupt wissen, was los ist.
LCD: das ist dein Publikum. Es steht für Lowest Common Denominator (kleinster gemeinsamer Nenner). Du legst für Besoffene und Kokser auf, und die brauchen das akustische Äquivalent von Thermaldecken. Was würdest du lieber hören, wenn Du breit und rotzbesoffen in einer Bar rumhängst: Journey oder irgendwelche obskure Acid-House-Mucke? (Spar Dir die Antwort, falls Du Dich für Computer interessierst.)
Ich habe meine gesamte Zeit darauf verwendet, die seltensten Tracks zu sammeln, Zeugs, das mir echt viel zu krass war, wenn ich es mir zu Hause angehört habe. Und? Es ging allen total am Arsch vorbei, die haben sogar aufgehört zu tanzen! Jetzt bleibe ich bei den Sachen, die ich als Teenager schon mochte (the Misfits, „O.P.P.“ und Songs aus John Hughes-Filmen) und sofort bin ich „The Shit“. Im Zweifelsfall immer in Nostalgie schwelgen.
CUEING: Hier geht es um das Flow-Ding, von dem ich vorhin schon erzählt habe, nur in der Praxis. Du hast zwei Seiten, rechts und links. Während Du was auf der rechten spielst, überlegst du Dir, welches Lied danach gut käme. Bring es dann auf der linken Seite an den Start, indem du dieselben Knöpfe auf deinem CD-Player drückst, die Du davor schon 1000-mal gedrückt hast (oder indem du die Nadel in die richtige Rille auf einer Platte legst). Wenn der Song auf der rechten Seite fast vorbei ist, schiebst Du den Regler am Kasten zwischen den Decks nach links. Wenn du ein bisschen mehr als die Hälfte geschafft hast, drückst Du „play“ (CD-Player) oder „start“ (Plattenspieler). Glückwunsch, Du bist gerade am Auflegen. Jetzt lasst mich mal ein „Boah, voll easy“ hören.
HIGHLIGHTS
ANSTEHEN: Das größte mit Gewissensbissen verbundene Vergnügen ist es, sich ganz lässig mit einem coolen „Ich bin der DJ“ an der Schlange bis zur Tür vorbeizudrängeln. Ich stehe ziemlich darauf, mich für ein Set wie ein totales Arschloch anzuziehen. Je schicker der Club, desto beschissener laufe ich rum. Dann kann ich an den ganzen Leuten, die früher in der Schule auf mich gespuckt haben, vorbeischlendern und eine große Aktion daraus machen, dass ich vor ihnen reinkomme.
KOHLE: Je nachdem, wer man ist, bewegt sich die Gage eines DJs für eine Nacht irgendwo zwischen „ein paar Freigetränken“ bis hin zu astronomischen Summen (für die mit den ganz dicken Eiern), die einen den Kapitalismus wahrhaft hassen lassen. Ich habe gehört, dass Paul Sevigny fürs Auflegen beim Sundance 15.000 Dollar bekommen hat. Ich hoffe mal, das ist eine Urban-Legend. Die meisten DJs, die ich kenne, sind schon total aufgeregt, wenn sie mal ein paar Hunderter bekommen. Bei Ausstellungseröffnungen sollte es immer mehr geben, so um die 350 Euro. Und denkt dran: Lasst Euch immer sofort vor Ort in bar bezahlen. Nach 24 Stunden hat sich die ganze Kohle sonst auf magische Weise in Koks verwandelt, das irgendeinem Model in den Arsch geblasen wurde.
KOMPLIMENTE: Einer der geilsten Momente beim Auflegen ist, wenn man einen richtig guten Track spielt, und Leute zu einem rübertanzen und schreien „Ich liebe diesen Scheiss!“ Dann ist man verdammt stolz und tut so, als hätte man das selbst geschrieben, so a la „Oh, Danke!“ Genau, ich bin diejenige, die „Youth Gone Wild“ runtergeladen hat, ich bin’s. Das ist so, wie wenn Dir jemand sagt, dass Du ein TIER an der Luftgitarre bist.
EQUIPMENT
NADELN: Direkt nach der grandiosen Meisterleistung, die Leute davon zu überzeugen, dass Auflegen echt total schwer ist, sind diese ganzen glänzenden, aerodynamischen, superschicken 500-Euro-Nadeln der zweitgrößte DJ-Beschiss. Für absolut brauchbare Nadeln gehst Du in irgendeinen Elektronik-Laden wie Conrad und holst Dir die einfach die billigsten, die sie haben. Vielleicht kannst Du sie sogar noch runterhandeln. Ich habe meine für 90 Euro bekommen, plus ein paar Billig-Kopfhörer dazu, indem ich den Verkäufer eine Minute lang zugetextet habe. (Die billigen Nadeln werden übrigens HipHop-Nadeln genannt, das ist Schwarzen gegenüber echt total unkorrekt).
MISCHPULT: Es gibt einige Marken bei Mixern, aber wen interessiert das? DJs würden einen gerne glauben machen, dass Mixer total kompliziert sind, in Wahrheit sind die aber etwa so schwer zu verstehen, wie Dein Küchenradio. Ich habe mal bei dieser Lesben-Party aufgelegt, die damit endete, dass ich den Mädels die ganze Nacht lang Dj-Unterricht gegeben habe. Sie standen im ganzen Raum Schlange, und ich habe bei jeder nur ein paar Sekunden gebraucht, um ihr die Basics zu zeigen. Wie Garfield sagen würde, „Big fat hairy deal.“ Als ich ihnen schließlich demonstriert hatte, wie einfach das in Wirklichkeit ist, waren sie vollkommen schockiert vom Big Deal, den die Leute darum machen. Klar gibt es ein paar gute Tricks, die man bringen kann. Wenn man HipHop spielt, kann man nach der zweiten Strophe die Bässe runterziehen und sie dann beim Refrain wieder voll reinknallen. Das ist ein echt eleganter Partytrick und lässt die Weiber völlig ausflippen. Oder man kann auch einfach „Fuck it.“ sagen, alles mittig einstellen und zwischen Songs ein Buch lesen.
WHEELS OF STEEL: Bitte nenne sie auf keinen Fall so. Das klingt so, als ob Deine Mutti sagt, „Ey Bruder, drop it. like it’s hot.”
ETIKETTE
Du wirst Scheiße bauen. Die Platte wird springen. Oder irgendein Besoffener wird Dich ablenken und Dir erzählen, was ihm „Bizarre Love Triangle“ bedeutet. Du spielst zwei Wire-Songs hintereinander. Entspann Dich! Kriegt sowieso keiner mit, weil alle besoffen sind. Solltest Du übrigens auch sein. Nutze diese Gelegenheiten, um Ankündigungen zu machen. Ich teile gewöhnlich wichtige Informationen mit wie „Tanzt weiter, ihr Schweine!“ oder „Ich muss mal pissen!“
MUSIKWÜNSCHE: Piss Dich nicht an, wenn Leute sich mal wieder Missy Elliott wünschen. Zum tausendsten Mal „Hey Ya!“ oder „Milkshake“. Oder Cher, wenn du gerade Minor Threat spielst. Einfach „HipHop“, oder IRGENDEIN Musikgenre. Es ist kaum zu glauben, wie oft Leute sich eine ganz andere Musikrichtung wünschen als die, die der DJ gerade spielt. Es ist zum Kotzen unhöflich. Damit sagt man dem DJ, dass man seine oder ihre Musik hasst. Wenn jemandem nicht gefällt, was ich spiele, soll er halt 10 Minuten warten, verdammte Scheiße, dann bin ich eh schon wieder bei was ganz Anderem.
Wenn Du Dir unbedingt was wünschen musst, dann sollte es wenigstens zu dem passen, was ich in dieser Sekunde gerade spiele, und außerdem so dermaßen gut sein, dass ich sage, „Verdammte Scheiße, warum hab ich nicht selber daran gedacht?“
Tatsache: Das ist mir bei hunderten von Musikwünschen tatsächlich nur einmal passiert. Das Lied war „Sweet Emotion“ von Aerosmith, ob Ihr es glaubt oder nicht.
SICH DAS BESTE AUFHEBEN: Ziemlich. Du willst Deine süße Ladung nicht verschießen, bevor die Nacht am Höhepunkt der Party angelangt ist, also spielst Du Deine Crowd-Pleaser, wartest und denkst „Jetzt? Jetzt? Lass ich’s jetzt raus?“ Und endlich dann, „Es ist soweit, ab geht die Post.“ Und Bang! Eine verdammte Atombombenexplosion. Ein Raum voller Leute, die Du bei Tageslicht kaum anschauen würdest, geht ab, als hätten sie gerade alle im Lotto gewonnen, nur weil Du einen Knopf gedrückt hast. Darum machst Du diese Scheiße. Darum, und weil Du ein totaler Spasti bist.
More
From VICE
-

Robin Williams (Photo by Sonia Moskowitz/Images/Getty Images) -

(Photo by Jim WATSON / AFP via Getty Images) -

Seinfeld (Photo by FILES/AFP via Getty Images)
