Sex

Die Leere hinter der Sex-Cam

In den letzten paar Wochen war ich vollkommen besessen von kostenpflichtigen Live-Sex-Webcam-Seiten. Ich habe ein paar mal versucht, sie aus der sexuellen Perspektive zu betrachten und es zu genießen, während ich versuchte, mit der Person auf dem Bildschirm zu schreiben und mich mir ihr zu unterhalten, aber ich bin eben ein Geizhals und es wird ziemlich schnell teuer. Kein Wunder, dass es also auch ziemlich schnell deprimierend wird.

Es ist nicht gerade hilfreich, dass die Leute, die für solche Seiten arbeiten—obwohl sie im Allgemeinen eigentlich ziemlich nett sind—entweder total gelangweilt, verzweifelt und traurig aussehen, oder nur so tun als ob sie es nicht wären. Aber wie könnte man sich auch anders fühlen, wenn man sich anonymer Weise durchs Internet strippt?

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Sicherlich muss es viele Leute geben, für die dieses Metier eine Menge Spaß bedeutet, aber meistens scheint es eher umgekehrt zu sein. Das sexuelle Element, in seiner niederträchtigen animalischen Art und Weise, gibt es immer noch, aber es ist einfach unmöglich geworden, sich voll darauf einzulassen, wenn die Darsteller emotional so abgestumpft wirken.

Je mehr ich mir davon anschaute, desto interessanter wurde das Ganze aus ästhetischen und soziologischen Aspekten. Es gibt Leute von jedem Kontinent dieser Welt und du kannst dir sogar aussuchen, wen du davon bevorzugst. Inzwischen machte es mir mehr Spaß zu beobachten, wie unterschiedlich sich die Leute kleideten oder einzuschätzen, ob sie nur so tun, als wären sie froh und enthusiastisch. Ich fragte mich dabei selbst, ob sie manchmal wirklich glücklich aussahen. Ich merkte jedoch bald, dass ich mich vor allem dafür interessierte, wie das Zimmer aussah, in dem sie arbeiteten.

Der verrückteste Raum, den ich gesehen habe, war ein Klassenzimmer mit Tischreihen im Hintergrund.

Einmal habe ich die Totale des Wohnzimmers—von irgendeinem Kerl—gesehen und er ging gerade mit zwei riesigen Plastikflaschen im Arm durch seine Haustür. In dem Raum waren außerdem eine Katze und im Hintergrund eine Discokugel; die Katze sprang auf die Discokugel und riss sie runter. Das alles passierte in Echtzeit, also der Zeit, für die ich doch eigentlich im eher sexuellen Kontext bezahlt hatte. Der Typ kam mit den Flaschen wieder durch die Tür ins Bild, schaute sich die Discokugel an, setzte sich vor die Webcam und öffnete mit lautem Zischen ein Bier. Neben seinem Schreibtisch stand eine Trompete.

Doch während meiner zwielichtigen (oder auch nicht) Recherche, waren eigentlich die faszinierendsten Szenen die, in denen die Personen überhaupt nicht anwesend waren. Sie waren aus unerklärlichen Gründen aus dem Bild verschwunden, aber die Kamera war immer noch an und zeigte ihren Arbeitsplatz.

So ist das vielleicht bei einem Prozent der Zeit, in der man sich einen Videostream aussucht. Auf den Seiten gibt es Fotogalerien, die man anklicken kann und die eine Vorschau auf den Stream zeigen. Manchmal ist auf dem Foto nur der Raum zu sehen. Anscheinend aktualisiert die Webcam das Bild zufällig alle paar Minuten und manchmal sind die Leute genau in diesem Moment aufgestanden und aus dem Bild verschwunden.

Oft sind sie schon wieder zurück und man entdeckt sie vor der Kamera, obwohl ihr Icon immer noch einen leeren Raum anzeigt. Für mich wurde es zu einer Schnitzeljagd, herauszufinden, wer wirklich immer noch weg war um dann schnell einen Screenshot zu machen.

Die Welt der Sex-Cams könnte vielleicht die großartigste Performance-Art-Vorführung in der Geschichte der Menschheit sein. Sie ist anrührend und ehrlich, erschreckend und stimulierend zugleich, aufklärerisch und durchzogen mit einem liebenswerten und doch anspruchsvollen Kummer—und nicht zuletzt mit Humor.

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