Eine junge Frau erzählt, wie sie als Refugee in Wien ein neues Leben gefunden hat

Ein Lieblingsort der Autorin, der Bisamberg. Foto: Autorin

In den letzten Wochen und Monaten suchten Tausende Geflohene und Migranten in Österreich und ganz Europa ein neues Leben. Für viele ist ihre Zukunft in Österreich immer noch ungewiss. Wir haben eine junge Frau, die vor einigen Jahren kurz vor ihrer Abschiebung stand und mit Unterstützung ihrer Freunde ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhielt, gebeten, ihre persönlichen Erfahrungen aufzuschreiben. Und auch, wenn die Erlebnisse schon ein Jahrzehnt her sind, erinnern sie ziemlich stark an die heutige Flüchtlingssituation—inklusive dem Engagement der freiwilligen Helfer.

Als ich als Teenager nach Österreich kam, hatte ich keine Vorstellung davon, was reale Grenzen sind und dass ein Leben außerhalb meines Heimatlandes einer Begründung und entsprechender finanzieller Möglichkeiten bedarf.

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Ich weiß, es klingt naiv, aber ich war damals in einem Alter, in dem man sich solche Gedanken noch nicht macht. Ich vertraute darauf, dass meine Eltern so ziemlich alles für mich regeln könnten. Schon bald musste ich diesen Glauben aufgeben als ich mit ansah, wie sehr meine Mutter mit der Situation als sogenannter „Asylwerber” überfordert war.

Als ich ankam, freute ich mich anfangs einfach nur auf das Wiedersehen mit meiner Mutter und war gespannt auf mein neues Umfeld. Auf die Frage, warum ich hierher gekommen bin, wusste ich nur die Antwort: Es ist notwendig, meine Familie wartete schon auf mich, das Leben in unserem Heimatland ist zu unsicher. Ich hörte zuhause oft solche Erklärungen wie Demokratie, ein fortschrittliches Land, in dem ein Menschenleben etwas zählt.

Ich wollte mich von Anfang an auf das Wesentliche für meine Zukunft konzentrieren: Die Sprache lernen und meine Schulausbildung so schnell wie möglich fortsetzen. Der Versuch, mich zu einem Deutschkurs an der Volkshochschule anzumelden, war die erste Ernüchterung. Auf meine Bitte „I would like to register for a German course” antwortete mir die Dame im Sekretariat nur: „In Österreich spricht man Deutsch”. Ich verstand sie zwar schon, konnte aber nicht auf Deutsch antworten.

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich für die Möglichkeit, ein Teil der Gesellschaft zu werden, kämpfen musste.

Mit so einer Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Verunsichert ging ich nach Hause und schlug in meinem Wörterbuch nach. „Ich möchte zum Direktor”, sagte ich, als ich eine Stunde später zum zweiten Mal dort stand, und wurde mit überraschten Augen vorgelassen. Die erste Hürde war genommen, ich wurde angemeldet.

Ich erzähle dieses Erlebnis nicht, um zu zeigen, wie schlecht man hier als Neuankömmling behandelt wird. Das war zum Glück eine der wenigen Situationen, in denen ich diese Ablehnung spürte. Aber ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich für die Möglichkeit, mich hier zu integrieren und ein Teil der Gesellschaft zu werden, kämpfen musste.

Nach dem Abschluss meines ersten Deutschkurses versuchte ich auf eine Schule zu kommen, um meine Ausbildung fortzusetzen. Die Suche war nicht einfach und ich bekam zum ersten Mal richtige Angst, dass ich hier möglicherweise keine Entwicklungs- und damit auch keine Zukunftsperspektiven habe. Nach einigen Hinweisen von netten Menschen wurde ich doch fündig. Schon bei meinem ersten Vorstellungsgespräch in meiner späteren Schule spürte ich, dass ich dort in guten Händen war. Es hätte mir in diesem Lebensabschnitt nichts Besseres passieren können.

Die nächsten Monate waren trotzdem sehr hart. Ich fühlte mich allein und mir fehlte mein soziales Umfeld, das ich zuhause zurückgelassen hatte, sehr. Meine Freizeit verbrachte ich fast ausschließlich mit Deutschlernen. Meine Hausaufgaben machte ich mithilfe meines Wörterbuchs, in dem ich ein Wort nach dem anderen suchte, um die Lehrbücher zu entziffern.

Ich bekam richtige Angst, dass ich hier keine Zukunftsperspektiven habe.

Nach ungefähr zwei Jahren kehrte in mein Leben eine gewisse Normalität ein. Ich ging gern in die Schule, konnte mich schon problemlos unterhalten und hatte ein gutes Verhältnis zu vielen meiner Schulkollegen. Es entwickelten sich Freundschaften, die mein Leben stark geprägt haben. Ich habe das große Glück gehabt, in diesem Umfeld einfühlsame und offene Menschen kennenzulernen, mit denen ich mich austauschen konnte. Ich verbrachte immer mehr Zeit in diesem Kreis und fühlte mich schon bald als Teil davon.

Das war eine sehr gute Ablenkung von der Situation zuhause, wo die Stimmung immer trauriger wurde. Schon vor längerer Zeit hatte ich angefangen, unsere rechtlichen Aussichten hier zu hinterfragen, und mich selbst immer mehr um Amtswege gekümmert. Meine Mutter wusste einfach nicht mehr weiter und zog sich immer mehr zurück.

Als wir dann eines Tages von der Asylbehörde einen negativen Bescheid erhielten, war es ein kurzer Schock. Wir wussten allerdings, dass es noch Anfechtungsmöglichkeiten gab und hatten daher Hoffnung. Wir gingen davon aus, dass wir bei einem endgültigen Entscheid vorgewarnt werden würden. Was ich allerdings nicht wusste, war, wie die Abschiebepraxis wirklich aussah.

Ich kam eines Nachmittags von der Schule nach Hause und merkte, dass meine Mutter nicht da war. Dann merkte ich, dass ihre Kleider untypischerweise am Boden lagen. Ich fragte mich noch kurz, warum sie es wohl so eilig gehabt hatte. Als ich sie am Handy nicht erreichen konnte, kriegte ich kurz Angst, aber ich redete mir ein, dass sie nur schnell wohin musste.

Nach zwei Jahren großer Anstrengung, hier Fuß zu fassen, brach plötzlich alles zusammen.

Ein paar Stunden später bekam ich einen Anruf von ihr. Sie sagte mir, dass sie festgenommen wurde und wir schon bald das Land verlassen müssten. Nach zwei Jahren großer Anstrengung, um hier Fuß zu fassen, brach plötzlich alles zusammen.

Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte und wieder sprechen konnte, wandte ich mich an eine liebe Freundin, die für mich eine Vertrauensperson war. Wenige Zeit später bekam ich aber nicht nur von ihr jede Unterstützung, die ich brauchen konnte, sondern auch weit darüber hinaus. Alle möglichen Menschen in meinem Umfeld kamen zur Hilfe.

Durch den Einsatz meiner Freunde in der Zivilgesellschaft und gegenüber staatlichen Stellen bekam ich die Möglichkeit, hier zu bleiben. Neben der Unterstützungsaktion war es genau so wichtig, dass ich ein soziales Umfeld hatte. Das gab mir das Gefühl, hier zuhause zu sein. Ich weiß nicht, ob ich es sonst geschafft hätte, wenn niemand da gewesen wäre.

Die Hilfe meiner Freunde gab mir aber nicht nur Halt, sondern zeigte mir auch, wie soziales Engagement und Mitverantwortung einem Betroffenen eine echte Chance auf ein besseres Leben geben können. Die Zeit in der Schule und dieses Engagement haben die Basis dafür geschaffen, dass ich heute ein selbständiges Leben führen und mich in Wien zuhause fühlen kann.

Wie wichtig dieses Engagement ist, zeigt sich auch bei der aktuellen Flüchtlingssituation. Ohne die Unterstützung der Zivilgesellschaft würde es an den Bahnhöfen weit weniger menschlich zugehen. Ich glaube, dass es die Helferinnen und Helfer sind, die den Grundstein für ein friedliches und respektvolles Zusammenleben legen.

Die Hilfe meiner Freunde gab mir nicht nur Halt, sondern sie zeigte mir auch, wie soziales Engagement einem Betroffenen eine echte Chance auf ein besseres Leben geben können.

Ich kann aus eigener Erfahrung nachempfinden, welche Erleichterung die Flüchtlinge empfunden haben müssen, als sie an den Bahnhöfen freundlich empfangen und mit dem Allernotwendigsten versorgt wurden. Diese humane Behandlung ist ein erstes Zeichen dafür, in einer sicheren, friedlichen Gesellschaft angekommen zu sein.

Mir wurde damals durch die Unterstützungsaktion meiner Freunde die Möglichkeit gegeben, einen Aufenthaltstitel zu beantragen. Ich habe in den darauffolgenden Jahren die Schule und ein Studium abgeschlossen. Aktuell gehe ich einem Beruf nach und bin ehrenamtlich tätig, um jungen Menschen in der Schule zu helfen.

Ich habe einen österreichischen Familienteil dazu gewonnen, den ich wirklich lieb habe, und fühle mich als Wienerin, die das Glück hat, mehrere Kulturen zu kennen. Ich möchte ein Stück der erhaltenen Hilfsbereitschaft weitergeben. Ich möchte jedoch gleichzeitig meine zurückerlangte Normalität bewahren. Es tut mir gut, diesen Teil meines Lebens abgeschlossen zu haben.

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