Niemand in Berlin wusste so richtig, was man von diesem Occupy-Ding erwarten sollte. Würden 30 nackte Hippies versuchen, das Kanzleramt zu stürmen oder 100.000 auf die Straße gehen und alles kurz und klein prügeln? Es sollte irgendwas dazwischen werden. Da Frankfurt die Banken hat und Berlin die Regierung, sollte der Demonstrationszug, bestehend aus ein paar Tausend Teilnehmern, vom Alexanderplatz Richtung Kanzleramt und Reichstag gehen. Dort würde man mal weiterschauen. Abgesehen von elf leicht verletzten Polizisten, ein paar Festnahmen und sicher auch dem ein oder anderen gebrochenen kleinen Finger verlief die ganze Sache aber relativ friedlich.
Wogegen sollte die Wut nochmal gerichtet sein? Die Banken? Die Aktien? Die Regierung? Das System? Die da oben? Die 1%? Die 99% der 99%, die zu Hause geblieben waren?
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So gemischt die Demonstranten waren, so dezentralisiert (aka chaotisch) war die Veranstaltung. Da der Zug auf einmal zu groß wurde, musste sich die Menge aufteilen und verschiedene Wege zum Reichstag nehmen, wo angeblich bereits ein paar Tausend weitere Wutbürger warteten. Wo die hergekommen sein sollten, wurde nicht ganz klar. Die Sonne schien und die Stimmung war heiter.
Es war ein schöner Tag zum Heiraten. Hoffentlich lässt sie sich nicht von dem Plakat im Hintergrund inspirieren.
Bei „denen da oben“ angekommen, konnte man sich nicht wirklich entscheiden, wo man hingehen soll und was man nun denn machen soll. Vor Hilf- und Richtungslosigkeit bildete sich deshalb vor dem Kanzleramt ein Auflauf vor einem Wagen, von dem aus Reden mit einem normalen Mikrophon geplärrt wurden. Dort war es jedoch ebenfalls eher langweilig. Und auf dem kurzen Weg zum Reichstag musste man an den obligatorischen Seifenblasen, Trommlern, Pfandsammlern und Touristen vorbei.
Manchmal wusste man nicht, wer alles wegen der Demo hier war und wer sich als Tourist hierher verirrt hatte.
Bei den Menschen mit den Schildern, die die Banker zum Selbstmord aufriefen, war die Sache zwar relativ eindeutig, doch fragte man sich, wo die Schilder blieben, die sich an Politiker richteten und diese zum Sprung von der Reichstagskanzel aufforderten. Dennoch waren vor dem Reichstag die, die es wirklich ernst meinten. Mit Hilfe des bereits viel besprochenen Mikrophon des Volkes fand unter ihnen eine basisdemokratische Meinungsbildung statt, bei der Zustimmung wie auch Ablehnung per Händewackeln angezeigt wird. Es war ein heilloses durcheinander an Extremitäten.
Als es kälter wurde, wurde auch die Stimmung angespannter, deshalb kam langsam die Idee auf, dass man doch nach amerikanischem Vorbild Zelte aufschlagen könnte, um von nun an Wochen in der Kälte auszuharren. Leider hatte kaum jemand an die obligatorischen Zelte gedacht. So fanden sich etliche Demonstranten nun nicht nur der Willkür des Finanzsystems, sondern auch der Elemente schutzlos ausgeliefert. Das tat dann auch das Übrige und ließ mehr und mehr Leute nach Hause strömen, um sich wie auch in anderen europäischen Städten, im Warmen noch den Schluss der Sportschau anzuschauen.
Die Polizei hatte sich bis dahin zurückgehalten, es gab ja auch nichts, weswegen sie hätte einschreiten können (zumindest nicht, ohne eklatant gegen Gesetze zu verstoßen). Als dann allerdings doch die ersten Zelte auf den Platz vor den Reichstag gebracht wurden, konnten sich die Staatsmacht nicht mehr zurückhalten und fühlte sich genötigt, Zwei-Mann-Iglo-Zelte zur Not auch mit Gewalt unbrauchbar zu machen. Es war obskur. Da sitzen mal ein paar Hundert Menschen auf dem Boden und kaum wird ein Zelt über ihre Köpfe in die Mitte des Platzes getragen, schreiten sofort 20 Polizisten in voller Montur ein, um das Zelt zu zerstören oder aus der Menge zu entfernen.
Das ist von dem Zelt übrig geblieben, nachdem der Staat sein Gewaltmonopol gegen es eingesetzt hatte.
Die beiden dürfte das nicht gestört haben. Ihnen gingen bei dieser Sache eh nur eins. PR für ihre unhygienische Öko-Pornoseite.
Je später es wurde, desto genauer nahm es die Polizei. Irgendwann waren auch Isomatten, Kissen und sogar Pappsitzunterlagen ein Dorn in den Augen des Gesetzes, weshalb sie den Demonstranten kurzerhand entzogen wurden. Man wollte auf Nummer sicher gehen, dass es ja nicht zu gemütlich ist. Revolution soll harte Arbeit sein.
Es war abzusehen, dass irgendwann ein harter Kern von ca. 500 Menschen übrig bleiben würde und der Platz zwangsgeräumt werden würde. Das Motto der Demonstrierenden war wirklich und ernsthaft das Wort „Friedlichkeit“.
Deswegen hakten sie sich ineinander und bildeten ein riesiges menschliches Wollknäuel …
… wogegen die Polizei vorging, in dem sie einem …
… nach dem anderem Nase und Mund (und Augen) zuhielt, um denjenigen dann, wenn er in Panik um sich schlägt und seinen Nachbarn loslässt …
… aus der Menge zu entfernen. Aber Hauptsache noch das Bier in der Hand.
Und manchen hat das sogar Spaß gemacht.
Und wenn das auch nicht half …
Fotos von Grey Hutton
Das war an diesem Tag an anderen Orten dieser Welt so los:
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