Soweit ich mich erinnern kann, bestand ein Großteil meiner Freizeit als kleines Kind darin, in den Sachen meiner Mama zu wühlen. Ich war offenbar ein sehr nostalgisches Kind. Wir hatten diesen silbernen Koffer, in dem meine Mama einen ganzen Haufen alter Fotos und Briefe aufbewahrte. Aus irgendeinem Grund empfand ich es als das Schönste auf der Welt, den ganzen Tag in diesem Koffer zu stierln, vor allem weil die Dauerwelle meiner Mama einfach die absolute Härte war und Fotos nicht vergessen. Ich habe diese Frisur bis heute nicht ganz verarbeitet. Irgendwo zwischen Schulterpolstern und Neon-Leggings fand ich schließlich auch das alte Stammbuch, oder Poesiealbum aus der Schulzeit meiner Mama.
Ich wusste, was Freundschaftsbücher waren, und hatte auch selbst eines, aber das hier war noch mal eine ganz andere Liga, weil es nicht einfach reichte, sein Sternzeichen und den Wunschberuf in ein vorgeschriebenes Diddl-Formblatt einzutragen. Wenn man nicht gerade eines der Streberkinder war, die sogar in Freundschaftsbücher Sticker kleben mussten, war das innerhalb zwei Minuten während der Deutsch-Stunde erledigt. Ein Poesiealbum aber erforderte Mühe.
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Es brauchte zumindest ein paar nette Zeilen—im Idealfall ein Reim über Freundschaft oder das Leben, irgendwas, das Tine Wittler als Wandtattoo verwenden würde—und die kreative Ausarbeitung eben dieser. Im Nachhinein konnten die Einträge den Charakter einer Person meist relativ gut erfassen. Die Freunde meiner Mama waren farblich zurückhaltend, aber liebevoll. Es dauerte nicht lange, bis ich selbst auch eines dieser Bücher hatte.
Ein Poesiealbum war einfach viel persönlicher. Man musste sich wirklich was überlegen, und wenn man nicht wie der schlechteste und umkreativste Freund aller Zeiten dastehen wollte, brauchte man zumindest das 48er-Set Buntstifte und ein paar Fineliner. Das Album war nämlich eine Art Wanderpokal, und jeder, der gebeten wurde, sich einzutragen, konnte die Werke der Vorgänger genauestens inspizieren. Wenn jemand nur Füllfeder benutzt hatte, und sich nicht mal die Mühe machte, eine Smiley-Sonne oder zumindest ein paar Blümchen zu zeichnen, wurde derjenige daraufhin mit urteilenden Blicken vom Buchbesitzer gestraft. Jeder wollte beeindrucken, weil jeder wusste, dass jeder es sehen wird. Ich glaube, das war zwar eher ein Mädchen-Ding, aber das war mir relativ egal. Als ich mein Stammbuch vor ein paar Wochen in meinem Kinderzimmer wiederfand—es ist gelb und hat ein Foto von einem Kätzchen am Cover—war ich kurz wieder Volksschüler und konnte verschiedene Arten von Einträgen ermitteln, die alles andere als Poesie sind.
Sinnlose Reime

Das mit der Frau wurde leider nichts.
Es gibt verschiedene Typen von Stammbuch-Schreibern. Da war das Mädchen, das für die schönsten Album-Einträge bekannt war und meistens als Erste gebeten wurde, das noch leere Büchlein mit ihren magischen Glitzer-Stiften zu weihen, um den Standard für alle Nachfolger gleich mal hoch zu setzen. Dann gab es da den Burschen, den man eigentlich nicht wirklich drinhaben wollte, der aber explizit fragte, ob er dürfe, und man wollte ja kein Arschloch sein—obwohl man sofort wusste, dass sein Eintrag in Form eines völlig sinnlosen (aber eigentlich großartigen) Reims der Schandfleck des Albums werden sollte.
Dann gab es noch das Mädel, bei dem man stets wusste, woran man ist, weil sie in ausnahmslos jedem Poesie-Album ihres Freundeskreises die exakt selbe Seite hinterließ, als hätte sie eine vorgefertigte Schablone dafür gehabt. Selber Spruch, selbe Zeichnung, nur das Datum musste aktualisiert werden. Niemand würde sie dafür verurteilen, es war immer eine solide Leistung. Und dann gab es da die Lehrer, die man auch immer um einen Eintrag bat, und die sich absurderweise irgendwie immer die größte Mühe machten, mit Stickern und richtig viel Schnörkeln. Als müssten sie jemandem etwas beweisen.
Rassistische Reime

Ich hoffe du tust es.
Bei diesem Eintrag habe ich den Namen des Verfassers gänzlich entfernt, weil er ihn noch nicht mal selbst drunterschrieb. In diesem Fall war es nämlich ich, der seinen Namen demonstrativ unter dem Eintrag verewigte, sogar versehen mit einem gefälschten „Zur Erinnerung an”. Sogar die selben Fineliner hab ich verwendet. Meine Gedanken müssen ungefähr diese gewesen sein: „Motherfucker, wenn du mir schon rassistische Scheiße in mein Poesiealbum schreibst, dann wirst du auch in 20 Jahren noch dafür geradestehen müssen und ich werde dafür sorgen, indem ich deinen Namen hier drunterschreibe, Patrick.”
Grammatikalisch falsche Reime
Das ist mit sehr wahrscheinlich mein Lieblingseintrag, einfach weil er so random ist. Zunächst mal schreibt Julia auf der linken Seite, was für 2004 schon ziemlich edgy ist. Außerdem ist hier ganz schön viel los. Die selbst für Volksschüler fragdwürdige Grammatik („stücken”?), der standardisierte „Erst gucken wenn”-Knick, und der Fakt, dass Julia sich offenbar aus Gründen des Platzmangels dazu entschieden hat, statt „Mitschülerin” einfach „Mitscherin” hinzuschreiben. Und dann noch dieses willkürliche Pferdegesicht—ich liebe es so sehr.
Sofern ich mich erinnern kann, war Julia tatsächlich ein Pferde-Mensch, demnach muss diese Malerei ein Zeichen ihrer Freundschaft gewesen sein. Die Knick-Ecke durfte ich leider bis heute nicht öffnen. Shout-out an Julia, meine liebste Mitscherin.
Witze
Benjamin hat allem Anschein nach leider nicht ganz begriffen, worum es hier geht. Zumindest war er keines der Kinder, die sorgfältig pseudo-poetische Sprüche niederschrieben, ohne selbst zu wissen, was es überhaupt bedeuten soll. Ein anderer Eintrag zitiert zum Beispiel Friedrich Halm und ich wage zu bezweifeln, dass ein 10-Jähriger damit wirklich was anfangen kann. Aber ein Witz gehört nun mal auch nicht wirklich in ein Stammbuch.
Ich nehme stark an, dass seine Wahl auf diesen Schenkelklopfer fiel, weil mein Name darin vorkommt und er mich quasi indirekt „schlagfertig” nennt. Das ist irgendwie süß und die vielen Herzen sehen auch sehr bemüht aus, ebenso wie der Ecken-Knick („erst öffnen mit 100″, innen: „Du bist alt!!”), also Respekt dafür. Dennoch: Themenverfehlung.
Weisheiten
Bernhards Variante gefällt mir da schon eher. Abgesehen davon, dass ich in erster Linie wahrscheinlich nie von alleine darauf gekommen wäre, einem toten Kojoten am Boden die Hoden zu verknoten, geschweige denn jemals die Möglichkeit dazu haben werde, bin ich bis heute sehr froh darüber, diese wertvolle Information bereits so früh in meinem jungen Leben erhalten zu haben. Die sorgfältig gestaltete künstlerische Ausarbeitung der Situation hat mich schon damals beeindruckt und tut es heute noch.
Die Mehrheit der übrigen Einträge beschränkt sich auf sichere Vierzeiler im Stil von „Lebe lustig, werde froh, wie die Maus in Mexiko”. Was für ein Klassiker. Ich frage mich, ob Kinder heutzutage überhaupt noch wissen, was Poesiealben sind. Im Grunde genommen waren es die Timelines unserer Kindheit. Jedenfalls habe ich beschlossen, dieses Format nach zehn Jahren Pause wieder zurück in mein Leben zu holen, einfach um meine Freunde damit anzupissen.
Twittert Franz einen Eintrag für sein Poesiealbum: @FranzLicht
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