Post von den Randalierern

Am Dienstagmorgen bin ich wie immer so um halb neun aufgestanden, um ein paar Dinge für die Arbeit zu erledigen. Um halb zehn war ich aber schon am Syntagma Platz. Der 48 Stunden lange Nationalstreik hat angefangen und innerhalb einer Stunde nach meiner Ankunft war der Platz – der ein Stützpunkt für jeden geworden ist, der griechisch und wütend ist – voll. Voll mit Gewerkschaftlern, Anarchisten, Junkies, militanten Studenten, Polizei und anderen, die vielleicht oder auch nicht von der Polizei angeheuert wurden, um den Protestanten die Schädel einzuschlagen.

Hauptsächlich war er jedoch voll mit Indignados: durchschnittlichen Leuten. Es passiert nicht oft, dass der Durchschnitt einen eigenen quasi-mystischen Spitznamen kriegt. Es passiert auch nicht oft, dass sie in der Lage oder bereit dazu sind, sich unter dem gleichen Banner zu versammeln, vor allem, wenn dieses Banner zuerst von den Spaniern getragen wurde. Ich bin mir sicher, dass manche Leute glauben wollen, dass das von einem Europäischen Frühling zeugt, aber ich weiß nicht so recht.

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Die Indignados haben den Syntagma Platz jetzt schon über einen Monat lang eingenommen und mit der Zeit ist der Geist des Widerstandes immer schwächer geworden. Montag war ein extrem ruhiger Tag, aber wenn ich mir so ansehe, was seitdem alles passiert ist, glaube ich, dass der Ausdruck „die Ruhe vor dem Sturm“ schon seine Richtigkeit hat.

Es hat nicht lange gedauert, bis die Polizei die erste Runde Tränengasbomben in unsere Richtung geworfen hat. Sie kamen aus dem Nichts und haben schnell einen Aufruhr ausgelöst. Die Menge rastete vollkommen aus. Es ist immer so. Fakt ist, dass die Polizei gestern die Anweisung gekriegt hat, die Menschenmasse auseinander zu treiben, koste es, was es wolle. Als sie ihren Angriff starteten, machten sie das extrem schnell.

Ehrlich gesagt hätte es mich zu diesem Zeitpunkt nicht gewundert, wenn jemand ums Leben gekommen wäre. Es geht sogar das Gerücht um, dass die Polizei Organisationen anheuert, die Protestanten in zivil zu bekämpfen, mit Waffen, die die Polizisten nicht benutzen dürfen. Die Polizei in Griechenland operiert nun eigenständig. Alle Verbindungen zum Ministerium für Öffentliche Ordnung wurden gekappt. Sie machen, was sie wollen.

Ich war gestern auf der Vasilissis Sofias Straße und auf einmal hat es auf der Straße nur so von Polizeimotorrädern gewimmelt. Es müssen so um die 500 gewesen sein, die alle auf uns zugekommen sind. Man hätte denken können, dass das ein Putsch ist.

Danach war Chaos. Überall, wo ich hingesehen habe, kämpften kleine Gruppen, schmissen Steine und zerschlugen die Fenster von allem, was ihnen in den Weg kam. Als Beobachter kann ich die Leute nicht wirklich gut auseinander halten, aber es gibt gewisse Gesichter, die ich ständig sehe. Manchmal hatte es den Anschein, als ob sich die Polizei und die Protestanten gegenseitig beim Vornamen nennen würden und immer, wenn die militanten Partien der Menge oder die Indignados etwas zerstörten, taten sie das relativ kontrolliert. Es war, als ob ein sehr seltsames Theaterstück in ganz Athen stattfinden würde – eines, das die Motive menschlicher Frustration erkundet, das Wesen der Farce und wie schlimm Tränengas schmeckt.

In Athen halten die Leute ständig ihre Mittelfinger hoch, beschimpfen sich gegenseitig und sehen aus wie Verrückte, wenn sie in ihren selbstgebastelten Masken rumlaufen. Die Sache, die mich am meisten beeindruckt, ist, wie abgehärtet die Fotografen sind. Vor ein paar Monaten hätten sie sich nicht mal auf einen der Proteste gewagt, aber jetzt stehen sie mitten im Geschehen, während ununterbrochen Steine und Tränengas auf sie niederregnen. Die Steine sind total irre – sie sind weniger Steine als rießige Felsklumpen. Am Dienstag hat man sich auf der Filellinon- und der Amaliasstraße gefühlt, als würde man auf einem Kiesstrand stehen.

Um 19 Uhr hatte die Randale ein Ende gefunden und die Leute versammelten sich wieder auf dem Platz. Dieses Mal waren da Familien, die sich das Konzert um 21 Uhr ansehen wollten. Es gab aber kein Konzert. Eine Stunde, nachdem die Aufstände zu Ende waren, gerade als aus den Lautsprechern die Info kam, dass die Musik gleich anfängt – gespielt von den griechischen Rockbands der 80er und 90er wie den Tiger Lilies, Vangelis Germanos und Vasilis Papakonstantinou – hat die Polizei erneut angefangen, Tränengasbomben zu werfen. Die Menge hat sich aufgelöst, dieses Mal ohne Gewalt.

Um 10 Uhr morgens haben die Leute wieder am Platz gezeltet. Ich konnte Dienstag Nacht nicht schlafen, weil ich noch immer mit Adrenalin vollgepumpt war. Während ich gerade schreibe, weiß ich, dass morgen genauso ereignisreich sein wird. Es ist fast Juli und die Leute sind schon seit 35 Tagen auf dem Platz.

PHOTOS: ACROPOLIS NOW

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