Wenn du dachtest, Freddy Ruppert aka Former Ghosts, der leidendste und sentimentalste Typ, der in den letzten Jahren Tränen und Schweiß auf Konzertbühnen vergossen hat, würde während seines Sets unmittelbare Impulse in dir freisetzen, ihn für den Rest des Abends in den Arm zu nehmen, dann mach mal ein Interview mit ihm.
Er ist ungefähr der charmanteste, offenste, aber eben auch schüchternste und verletzlichste Typ, den du dir vorstellen kannst. Die Fragen danach, wie man am effektivsten kleine Lämmchen häutet und welche Massenvernichtungswaffen wohl die perfidesten sind, haben wir deshalb vorsichtshalber weggelassen. Freddy ist gerade mit Jamie Stewart von Xiu Xiu unterwegs, der ihm live einen Teil der Technik abnimmt, damit er sich emotional noch mehr verausgaben kann. Zusammen sehen sie auf der Bühne so perfekt aus, dass du als Mann mindestens 30 % schwuler das Konzert verlassen wirst. Auch das soll Former Ghosts erstmal jemand nachmachen.
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VICE: Du hast das Zusammenspiel live mit Jamie weiter ausgebaut, richtig?
Freddy Ruppert: Ja, definitiv. Als ich das letzte Mal hier war, hat er nur Gitarre bei ein paar Songs gespielt. Aber als wir dann in den Staaten unterwegs waren, haben wir dieses Setup schon ausprobiert, das wir heute immer noch spielen. Er kümmert sich um Percussions, spielt Synths und arbeitet mit Noise-Effekten. Es ist besser so, es hilft dem Sound und gibt mir auch mehr Energie.
Ich finde es ja tatsächlich am interessantesten, dich allein spielen zu sehen.
Ja, das höre ich nicht zum ersten Mal. Ein paar andere Leute, die mich zum Beispiel in London haben allein spielen sehen, sagten ähnliches. Aber Danke dafür.
Wie siehst du es denn selber?
Ich kriege Angst, wenn ich da oben alleine bin. Für mich ist es leichter, wenn noch jemand dabei ist. Ich habe sonst das Gefühl, dass ich zu viel Aufmerksamkeit auf mich ziehe, ich bekomme das Gefühl, dass das musikalische live-Element fehlt, ich werde nervös und ängstlich. Mit anderen Musikern hat man gleich eine ganz andere Dynamik.
Kann man eine Solo-Performance von dir nicht als die ideale Übersetzung deiner sehr persönlichen Songs in die live-Situation begreifen?
Ja, das stimmt schon. Es ist auch so, dass das Solo-Spielen dann für mich ok ist, wenn es vor kleinem Publikum, in einer gewissen Intimität stattfindet. Mit einer intimen Erfahrung kann ich schon gut umgehen. In L.A. spiele ich oft alleine in Galerien, bei irgendwelchen Kunstausstellungen und das ist schon in Ordnung, es gibt dann meistens keine Bühne, du spielst auf dem Boden, es sind nur 30-50 Leute da. Es gibt eine direkte Verbindung zu den Leuten. Auf einer Bühne habe ich manchmal den Eindruck, ich könnte gar nicht einfangen, worum es in den Songs geht und es nicht weiter geben. Wenn ich auf so einer Bühne wie heute alleine spielen müsste, wäre ich sehr nervös, das fühlt sich einfach komisch an. Die Leute wären einfach zu weit weg, ich würde mich nicht ausreichend mit ihnen verbunden fühlen.
Würdest du sagen, all deine Songs sind Liebeslieder?
Ja, das sind sie. Ich würde sagen, es hängt von der Vorstellung ab, die du von Liebesliedern hast. Auf dem zweiten Album gibt es einige Stücke, die sehr hasserfüllt sind. Aber Liebe und Hass liegen ja manchmal so nahe beieinander, dass es eigentlich keinen Unterschied macht. Ich finde, das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Also ja, ich schreibe eigentlich nur Liebeslieder.
Ist es dir schon passiert, dass du in einer sehr dramatischen Situation festgestellt hast, oh, hierüber werde ich ein Lied schreiben?
Haha, nein, das ist noch nicht passiert. Das passiert erst danach, wenn man feststellt, dass da diese Notwendigkeit ist, um irgendetwas zu verarbeiten oder abzuschließen.
Also brauchst du eine Distanz?
Ja. Obwohl, das kommt drauf an. Auf dem ersten Album entstanden viele der Stücke in den Momenten, in denen die Beziehung bergab ging und es echt dramatisch und verrückt und übertrieben war. Da habe ich die Songs sofort geschrieben, um sie gleich danach aufs Blog zu stellen, damit die andere Person es hören konnte. Danach habe ich sie dann gleich wieder runter genommen.
Ach was, das war also deine Art der Krisenkommunikation?
Ja genau. Die Songs auf dem ersten Album waren eigentlich als Weg der Verständigung gedacht. Es sollte ursprünglich gar kein Album werden. Darum ist es auch so direkt und offen und überdramatisch.
Du schreibst auf deinem Blog, dass du unsicher bist, ob und wie du Former Ghosts weiter führen willst. Was ist der Grund dafür?
Es gibt verschiedene Gründe. Einer davon ist die Unsicherheit, wie es mit den Kollaborationen weiter gehen soll. Nika ist extrem mit Zola Jesus beschäftigt und Jamie arbeitet gerade hart am nächsten Xiu Xiu-Album. Ich frage mich, ob die Leute total enttäuscht wären, wenn keiner von beiden auf dem nächsten Former Ghosts-Album auftaucht. Es ist eine blöde Situation, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht. Die neuen Stücke bewegen sich in eine neue Richtung und ich glaube, dass es gut passen würde, wenn Yasmine (Yasmine Kittles von Tearist– Anm. d. Red.) auf einigen davon singt. Ihre Stimme ist sehr weich und es würde gut zu den neuen Songs passen. Sie sind strukturierter, offener. Es gibt mehr Raum. Ich suche auch nach neuen Leuten, mit denen ich zusammen arbeiten könnte. Ich hätte es gern als ein Rotationsprinzip von Kollaborationen. So ähnlich wie bei This Mortal Coil. Ich versuche also gerade selbst eine Richtung zu finden.
Ich kann dir versichern, dass die Leute, die deine Platten gekauft oder dich mal live gesehen haben, ganz sicher nicht darauf bestehen, dass Zola Jesus weiter Teil des Projektes ist.
Haha, ja kann sein. Ich mache mir trotzdem Sorgen deswegen. Es gab einfach immer wieder diese Missverständnisse durch die Medien, die teilweise Former Ghosts als Side-Project von Zola Jesus verkauft haben. Aber für mich selber ist es ja alles andere als das. Es ist meine Band, es ist das, was mich ausfüllt. Aber du hast schon Recht, Leute, die sich wirklich mit der Musik beschäftigt haben, denken wahrscheinlich nicht in diese Richtung. Es ist trotzdem ein Problem, im Fall, dass du sehr persönliche Musik machst, dich gleichzeitig auch noch mit der Presse auseinander zu setzen. Sie machen mich manchmal echt verrückt und ich habe den Eindruck, es ist manchmal das Beste, sie einfach zu ignorieren.
Das ist sowieso grundsätzlich das Beste.
(lacht)
Alkohol spielt in deinen Videos scheinbar eine große Rolle. Was ist da los?
Im ersten Video, dem zu „Hold On“, war ich echt am Boden, hatte Liebeskummer. Ein guter Freund von mir kam vorbei und wir saßen einfach nur rum und tranken, hörten Musik und heulten. Er hatte immer schon vor, ein Musikvideo für Former Ghosts zu machen und er sagte dann, er wolle einfach nur filmen, was wir sowieso jeden Abend machen. Also brachte er all die Flaschen harten Alkohol mit und ließ einfach die Kamera laufen.
Also hattet ihr überhaupt kein Skript?
Nein, das einzige, was wir vorher festlegten war, dass ich trinke und die ganze Nacht immer weiter trinke und er für den Fall, dass ich mich übergeben muss, dafür sorgt, dass ich nicht noch weiter trinke. Ich will ja nicht sterben, weißt du?
Live-Spielen bedeutet immer auch, bestimmte Momente und Stimmungen zu reproduzieren. Deine live-Sets sind außerordentlich leidenschaftlich. Was ist nötig, um jeden Abend diese Reproduktionsleistung zu bringen?
Ich sehe da folgendes Problem: Ich hielt Musik früher für eine sehr kathartisch wirkende Sache. Mittlerweile sehe ich dieses Katharsiselement aber gar nicht mehr. Für mich ist es mehr ein Element der Geborgenheit geworden. Also wenn ich einen Song spiele und er bestimmte Stimmungen erzeugt, dann wirkt das wie ein sicherer Rückzugsort. Ich muss da eigentlich keine große Leistung aufbringen. Wenn ich einen Song spiele, dann befinde ich mich einfach in diesem Song. Ich denke an nichts anderes und bin einfach dort. Es ist also so, dass dich ein Song reinigt, wenn du ihn die ersten paar Male spielst, danach fühlt es sich dann aber einfach anders an.
Reflektierst du dein Verhalten auf der Bühne?
Nein, überhaupt nicht. Ich achte auch kaum auf die Leute, ich begebe mich einfach in diese Sphäre und dann kommt das auch von alleine. Manchmal ändern sich die Bedeutungen der Songs im Laufe der Zeit und man hat plötzlich andere Bezüge zu bestimmten Dingen. Momentan habe ich das Gefühl, die Lieder drehen sich mehr um mich als um die Leute oder Beziehungen, die darin adressiert werden. Es geht jetzt mehr darum, wie ich über Liebe oder Romantik denke. Darum geht es gerade viel mehr, wenn ich auftrete.
Hast du denn schon mal jemandem im Publikum mit deiner Offenheit auf der Bühne überfordert? Gab es mal negative Reaktionen?
Bei Former Ghosts gab es so was eigentlich nicht. Mit meiner früheren Band This Song Is A Mess, But So Am I schon eher. Es kam vor, dass Leute irgendwas in Richtung Bühne geschrieen haben oder in irgendeiner Art und Weise die Konfrontation gesucht haben. Ich ignoriere das meistens oder sage einfach, sie sollen die Schnauze halten. Mit Former Ghosts gab es diese eine Show in L.A., bei der ein Typ irgendwelche Sachen herumbrüllte. Meine Reaktion war, dass ich ihn auf die Bühne bat, damit er mir all das ins Gesicht sagen kann. Natürlich hat er es nicht gemacht. Kann sein, dass es sonst noch was gab, das habe ich dann einfach nicht mitbekommen. Die ganze Sache kann schon merkwürdige Gefühle auslösen. Wenn du dich auf der Bühne öffnest und verletzbar machst und du dann das Gefühl hast, das Publikum nimmt es nicht an. Schon unangenehm. Ich bin aber auch nicht gut darin, mit solchen Situationen umzugehen.
Warum bringst du eigentlich keine Single-Releases raus?
Es liegt zum einen daran, dass sich die Gelegenheit noch nicht ergeben hat. Upset The Rhythm wollten bislang die zwei Alben machen, 7inches waren nie im Gespräch. Bei den bisherigen Songs war es auch so, dass sie jeweils diese Zyklen gebildet haben und ich wollpe, dass man sie am Stück hört. Es wäre schön cool, mal Singles zu machen, die eine exklusive B-Seite haben. Ich steh total auf Morrissey. Er hat ja all diese Singles, bei denen du immer einen Song auf der B-Seite hast, den du sonst nirgends findest. So was würde ich auch gern machen, nur hat es sich bislang nicht ergeben.
Würdest du dich selber eitel nennen?
Ja, würde ich. Ich weiß, dass ich mir über mein Äußeres zu viele Gedanken mache. Darauf zu achten, dass man vorzeigbar ist, wenn man trainieren geht/usw., ist ja total in Ordnung. Wenn man aber zu viel Zeit darauf verwendet, dann verlierst du irgendwann den Spaß und verbeißt dich in etwas. Wenn du dir überlegst, was du essen kannst und beginnst Kalorien zu zählen oder so was, das ist verrückt. Ich würde mich als eitel bezeichnen, versuche aber, mich nicht davin zu verlieren.
Heute Abend spielen übrigens auch Wire in Berlin. Wenn du ich wärst, zu welcher Show würdest du gehen? Zu Wire oder zu Former Ghosts?
Haha, wahrscheinlich zu Wire. Sie sind ja schon eine Institution und du kannst nie wissen, wie lange sie noch live spielen werden. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich hier ungern Eigenwerbung verbreiten will. Ich hab schon sehr mit Selbstzweifeln zu kämpfen, da würde es mir wahrscheinlich nicht einfallen, Former Ghosts zu empfehlen.
Du bist ain Künstler der Post-MP3-Generation und akzeptierst die aktuellen Bedingungen des Musikerdaseins, beziehst dich aber stilistisch sehr auf die 80er. Bist du zufrieden mit dem Status Quo der/Musikindustrie oder gibt es in deiner Einstellung zum Touren oder Aufnehmen und Veröffentlichen ebenfalls nostalgische Tendenzen?
Als Musikhörer finde ich den Status Quo teilweise sehr frustrierend. Alles geht so schnell, es fehlt die Beständigkeit und Nachhaltigkeit. Dann fehlt der Bezug zu einem physischen Objekt. Ich mag es, wenn sich Künstler über das Cover und das Artwork Gedanken machen. Stattdessen lädst du etwas herunter, löschst es am nächsten Tag wieder und so weiter. Hypes werden durch das Internet so unglaublich beschleunigt, du kannst dich mit einer Sache gar nicht beschäftigen, bevkr die nächste kommt. Das macht mir schon Sorgen. Es gibt definitiv Aspekte, die ich vermisse im Vergleich zu der Zeit, in der ich groß geworden bin.
Wärst du lieber früher Musiker gewesen?
Nein, das wiederum nicht. Ich mag die Tools, die mir heute zur Verfügung stehen, um Musik zu machen, ich mag viele moderne Sounds. Davon abgesehen ist es eine interessante Zeit, um Musik zu machen und zu touren. Du kannst deine Musik leichter zu den Leuten bringen. Außerdem kannst du viel mehr entdecken. Früher hättest du viel mehr Hindernisse überwinden müssen, um an bestimmte Platten zu kommen.
Andererseits potenziert sich auch die Zahl an furchtbarem Müll, der überall im Netz auf dich herabregnet.
Haha, das ist wahr. Es ist einfach eine zweischneidige Angelegenheit und das macht es schon sehr interessant. Es ist auch interessant, die Entwicklung zu beobachten, wir sind da ja mitten in einem Prozess.
Hast du denn schon mal einen Geist gesehen?
Nein, es gab aber schon einige sehr merkwürdige Vorkommnisse. Als ich klein war, habe ich total gern Gläserrücken gespielt. An einem Tag spielte ich es mit einem meiner besten Freunde und der Geist, mit dem wir angeblich sprachen, wurde auf einmal sehr böse und plötzlich begann mein Freund in Strömen aus der Nase zu bluten. Allerdings glaube ich nicht an Geister. Mir ist schon bewusst, dass es für all das eine Erklärung gibt, aber gespenstisch ist es trotzdem. Alles Metaphysische kann nun mal nicht hundertprozentig erklärt werden. Ich verstehe mich als Atheisten, habe allerdings Religionswissenschaft studiert. Es gibt diesen einen Philosophen, der sämtliche rationalen und historischen Aspekte ausgeblendet hat und alles versuchte über die Sphäre des Emotionalen zu erklären. Ich kann das in bestimmten Dingen nachvollziehen, aber nicht, wenn es um die Existenz von Gott oder Geistern geht. Mir fällt gerade ein: Einmal passierte es nachts, ich lebte allein in einem Apartment, dass ich von einem Geräusch geweckt wurde und plötzlich diesen Mann auf mich zukommen sah. Plötzlich verschwand der dann wieder. Ich erklärte es mir so, dass ich einen Traum hatte und während des Erwachens Teile des Traumes noch in den Wachzustand herüber gerettet wurden.
Oder vielleicht hattest du am Abend davor wieder einen über den Durst getrunken?
Ha, ja das kann auch sein.
Fotos: Joachim Zimmermann
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