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Ich habe mich mit Karol aka ARL getroffen, der in Wien geboren und aufgewachsen ist. Seit langer Zeit schreibt er Rap-Texte und nimmt an Battles teil. Ich habe mit ihm über seine ersten Auftritte gesprochen, die Atmosphäre bei Rap-Events und das harte Leben auf der Straße. OK, letzteres eher nicht. Der folgende Text wird aus seiner persönlichen Perspektive erzählt.
Meinen ersten Rap-Text habe ich mit 14 Jahren geschrieben. Da es aber nicht besonderen Spaß bereitet, alleine in seinem Zimmer Songs zu schreiben, habe ich mich informiert welche Rap-Events in Wien so organisiert werden. Zu dieser Zeit habe ich keinerlei gefunden—zumindest war ich in dem Alter nicht Google-Experte genug, eines zu finden. Im Internet gab es die RBA, die Reimliga-Battle-Arena, bei der man sich online anmelden und gegen Mitglieder aus dem deutschsprachigen Raum ein Online-Rap-Battle eingehen konnte. Bei diesem Battle hattest du vier Tage Zeit dir Lines zu überlegen, hast diese dann hochgeladen, um Feedback von anderen Nutzern zu bekommen—und natürlich um das Battle für dich zu entscheiden.
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Die Plattform wurde vor allem auch durch bekannte Größen aus dem HipHop-Bereich geprägt. Casper, Kollegah und F.R. waren aktive Nutzer. Für mein junges Alter waren diese Online-Battles wirklich perfekt. Ich hatte genügend Zeit, mich darauf vorzubereiten, und musste auch keine Angst vor Blamagen haben, da man sich ja persönlich nicht kannte. Ich hatte keine Freunde, die ich für den HipHop- oder Rap-Bereich begeistern konnte. Geschweige denn konnte ich mit ihnen mal einen Text reimen. Deshalb war es schön, sich mit anderen auszutauschen und sich immer wieder weiterentwickeln zu können. Ich habe mich also immer wieder Battles gestellt und so meine Reime verbessert.
Während der Schulzeit, als ich in der RBA nicht mehr so aktiv war, habe ich wie eine Art Tagebuch im Internet geführt. Da war ich circa 15 Jahre alt. Das war damals noch zu MSN-Zeiten. Du konntest online deine eigenen Notizen hochladen und deine Kontakte hatten die Möglichkeit, sie durchzulesen. Meine Follower, wie man es jetzt nennen würde, waren can einer Hand abzulesen. Aber ich habe das eigentlich nur gemacht, um meine Eindrücke vom Alltag in etwas Sinnvolles zu verpacken. In dieser Zeit haben mich keine Rap-Battles. Ich wollte nur meine Schreibweise und Reime verbessern. Das hat auch funktioniert.
Wie ich schon erwähnt habe, war in Wien die Rap-Szene, vor allem im Bereich Battle-Rap, nicht besonders etabliert. Mit 16 Jahren habe ich dann aber tatsächlich ein Event gefunden, das mir sehr interessant schien. Im Einbaumöbel konnte jeder vorbeikommen und seine Gedanken und Freude an der Musik teilen. Da noch immer keiner aus meinem Freundeskreis sich für Rap-Musik begeistern ließ, entschied ich mich, alleine dort aufzutauchen.
Bevor ich das erste Mal ins Einbaumöbel gegangen bin, habe ich mir das Ganze riesig vorgestellt. Es würde verraucht sein, eine Menge Alkohol geben und die harten Typen von der Straße würden mir sofort den Kopf einschlagen wollen. Das war eher nicht so. Der Raum war nicht größer als ein Wohnzimmer. Mit Sesseln, ein paar Lampen und alten Sachen wurde es gemütlich gemacht. Auch eine kleine Bühne gab es. Es standen bereits ein paar der Typen oben und haben sich das Mikro rumgereicht. Von den Reimen war ich überrascht. Ich hatte mich darauf vorbereitet, dass es die ganze Zeit Beleidigungen geben würde, wie man es sich eben bei 8Mile eingeprägt hat, aber sie erzählten in Reime verpackte Alltagsgeschichten, nicht etwas Kriminelles, wie man es sich als Außenstehender vorstellt.
Ich habe mir das Ganze erst einmal als Gast angeschaut. Alle Anwesenden kannten sich. Es waren zwar nur circa zehn Leute dort, aber trotzdem hat mich das natürlich ein bisschen eingeschüchtert. Doch was ich mir als riesige Herausforderung vorgestellt habe, war ein schönes Miteinander, bei dem man seine Freestyle-Skills einfach verbessern konnte, ohne dass dich jemand dafür auslacht, was du gerade für unwichtige Sachen erzählst. Kurz bevor ich wegmusste, stand ich dann vor der Wahl: Entweder du traust dich endlich etwas zu freestylen oder du verschwindest ganz schnell, ohne dass es jemand bemerkt. Zehn Minuten hatte ich noch Zeit. Ich wusste überhaupt nicht was ich tun sollte.
Als ich mich dann endlich überwunden habe auf die Bühne zu gehen, kam ich mir im nächsten Moment vor wie in einem schlechten Film. Mir ist das Herz fast in die Hose gerutscht, als mir das Mikro gereicht wurde. Versunken in meiner eigenen Welt rappte ich also ein paar Zeilen und merkte die komischen Blicke. Ist es so schlecht, was ich da gerade rappe? Der Typ neben mir nahm mir das Mikro aus der Hand und sagte, „Schau, so musst du‘s halten, sonst versteht dich keiner“. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Jetzt habe ich mich überwunden mich dahin zu stellen, und bin zu deppad das Mikro zu halten? Es war furchtbar. Ich habe mich dann ziemlich schnell aus dem Staub gemacht.

Dieser Abend hat die nächsten Wochen an meinem Ego genagt. Es hat mich ur genervt, dass ich es so vermasselt habe. Also habe ich mich im Endeffekt doch dazu entschieden, nochmal hinzugehen und endlich einmal ein Erfolgserlebnis zu haben—wahrscheinlich erinnert sich auch keiner mehr an mich, habe ich mir eingeredet. Ich wusste, schlimmer als letztes Mal konnte es nicht kommen. Gerappt habe ich glaub ich irgendetwas über die damals aktuelle politische Lage. Zu meiner Überraschung lachten die Burschen und haben sogar geklatscht. Ich bin an dem Abend eingeschlafen wie ein kleines Kind. Ab dem Zeitpunkt war das Einbaumöbel ein Ort, an dem ich mich weiterentwickeln konnte. Durch diese gemeinschaftliche Atmosphäre musste man wirklich keine Angst haben ausgelacht zu werden. Jedem wurde geholfen, Tipps gegeben und Verbesserungsvorschläge gebracht.
In der Zeit während meiner Matura habe ich nicht viel bei Rap-Battles teilgenommen. Zwar habe ich immer noch Texte geschrieben, war aber nicht mehr aktiv bei Events. Ich habe vor allem gelernt, wie man sich besser auf Freestyle-Battles vorbereiten kann. Eine richtige Taktik habe ich bis heute nicht gefunden. Trotzdem macht Übung den Meister. Bevor ich beim nächsten Event teilnehme, versuche ich wieder reinzukommen. So habe ich immer Floskeln, die mich retten können, wenn mir nichts einfällt. Das macht natürlich keinen exzellenten Freestyler aus. Aber jeder, der unerfahren ist, benutzt sie. Parolen wie „ganz ehrlich“, „ich weiß, dass du“ „ich bin wieder da“ sind natürlich Klischee-Reime, die dir aber immer aus der Patsche helfen. Wenn es ganz blöd läuft, hast du eben mal einen kompletten Blackout beim Battle. Das ist mir auch schon passiert, ich habe irgendwann auf einen Reim gar keinen Einfall mehr gehabt und nur irgendeine Melodie gesummt. Aber trotzdem hat im Publikum keiner gebuht, sie haben nur ein wenig verdutzt geschaut, was ich da gerade von mir gebe. Aber ich denke das passiert jedem Mal.
Letztes Jahr, im Frühjahr 2014, wurde in Wien dann ein neues Event gestartet, es heißt Dreistil. Bei diesem Battle-Format kann sich jeder bewerben. Ich habe damals ein paar Songs mitgeschickt und konnte mich für das Acapella-Battle anmelden. Acapella bedeutet, du hast einen Gegner, gegen den du deine vorbereiteten Lines ohne Beat präsentierst und er dann darauf kontert. Also machte ich mich zusammen mit ein paar Freunden—endlich hatte ich es geschafft, bei ihnen Interesse für Rap-Battles zu wecken—auf den Weg zum ersten Event von Dreistil. Es fand im replugged statt. Das war schon ein bisschen was anderes. Der Raum hatte wirklich eine Bühne und sogar eine Kamera davor. Ich wurde während meinem Aufritt aufgenommen, und jeder konnte sich danach immer wieder anhören, was ich gerappt habe. Ich war aufgeregt wie nie—aber zumindest wusste ich, wie ich das Mikro halten sollte. Der Raum füllte sich mit der Zeit, und es waren bestimmt über 100 Leute anwesend. Das ließ meine Nervosität noch mehr steigen.
Als ich aufgerufen wurde, dachte ich, ich würde sofort kollabieren. Ich fing ganz unsicher an meine Lines zu rappen, aber ließ mir meine Nervosität nicht allzu sehr anmerken—glaube ich zumindest. Aber ich war gut vorbereitet. Das hab ich mir immer wieder versucht in den Kopf zu rufen. Dass ich tatsächlich gewinnen würde, hätte ich niemals gedacht. Das war eine Bestätigung, dass ich ganz gut in dem geworden bin. Seitdem nehme ich wieder regelmäßig an Veranstaltungen teil. Inzwischen ist das Dreistil eine wichtige Veranstaltung in Wien geworden. Es hat auch wirklich viel Anklang gefunden, es gehen sicherlich mehr als 200 Leute zu den Battles. Das Dreistil ist eine große Bereicherung für die HipHop- und Rap-Szene in Wien.
Ich kann nur jedem raten, auf solche Veranstaltungen zu gehen. Die meisten geben auch unerfahrenen Freestylern die Chance und Möglichkeit, einfach mal zu trauen. Man muss sich nicht unwohl dabei fühlen, wenn man mal seinen ersten Auftritt verpatzt. Oder noch lernen muss, wie man das Mikro hält.
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