
DRAGGED INTO SUNLIGHT

PAUL KALKBRENNER

DRAGGED INTO SUNLIGHT

PROXY
VINNIE PAZGod of the Serengeti
Enemy Soil
Ich erinnere mich dunkel, wie wir damals als zonige Nachwende-Naivlinge durch den sogenannten Serengeti-Park irgendwo im Niedersächsischen Hinterland geschleust wurden. Fragt sich, was damals das bessere Ausstellungsobjekt abgab: die paar exotischen Zootierchen, die dort traurig die ungewohnte Klimazone erduldeten, oder wir weltfremden, staunenden Ost-Hosenscheißer, die frisches Begrüßungsgeld in die Parkkasse spülten. Dass das Ganze ein riesiger, armseliger Fake war, zeigt sich an der Tatsache, dass der God of the Serengeti alias Vinnie Paz aka The Pazmanian Devil nirgends in Erscheinung trat. Der Jedi-Mind-Tricks-Chef hätte mit seinen erneut hoch sinistren Beats, bärbeißigen Flows und einer ganzen Feature-Armada sämtlichen anwesenden Zebra-Herden in den Arsch getreten und aus der lahmen Veranstaltung einen echten Rumble in the Jungle gemacht.KATI WITZ
XZIBITNapalm
Open Bar/Fontana/Universal
Don’t call it a comeback, Wigga, aber kein geringerer als XtothemotherfuckinZ ist zurück im Haus. Yo! Nachdem er sich im Unfrieden von MTV getrennt hat, wird jetzt also wieder das Rapgame gepimpt. „You wanna get shit done, you gotta get it done yourself“, heißen folgerichtig die ersten Worte auf diesem Album. Die gute Nachricht zuerst: Wo X seine wütenden Lines über pathetische Piano-Samples spuckt, ist er immer noch eine Klasse für sich, und man fühlt sich umgehend an die großen „Paparazzi“- und „Foundation“-Zeiten erinnert. Die schlechte(n) Nachricht(en): Crossover-Rock-Exkurse, eher peinliche Irakkrieg-Avancen und gefühlte 73 Features, die von The Game bis zu Xhibits toter Mutter (kein Witz) reichen und die der Homie zu seinen großen Zeiten nicht nötig gehabt hätte. Trotzdem, wer seine „Karriere“ in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß: Es hätte deutlich schlimmer kommen können, ja eigentlich sogar müssen.ED ROCK
MEEK MILLDreams and Nightmares
Warner
Nachdem sich das Bürschchen hier mit seiner Single „Amen“ und solcher Zeilen wie „We make it light up like a church“ ein bisschen Ärger mit dem Klerus einhandelte, hofften wir bei diesem Album eigentlich auf etwas konsequentere Verfolgung des Themas. Doch es sind hier weder Dissonanz-Riffs noch Blastbeats zu sichten, noch nicht mal eine billige backward message, um das ketzerische inhaltsanalytische Herz zu erfreuen. Das wäre doch die Marktlücke gewesen! Stattdessen das für das Rick-Ross-Umfeld typische sterile Synth-Geheule und MPC-Synthetik. In der Hinsicht ein bisschen enttäuschend, aber selbst die schrottigsten Beats auf diesem Album können kaum darüber hinweg täuschen, dass mit Mill in Zukunft zu rechnen ist wie mit dem „Hail Satan“ in der schwarzen Messe.I WANT YOUR 666
PROXYMusic From The Eastblock Jungles—Part I
Turbo Recordings
Liebes 1991: Wir haben gerade aus Versehen ein schlechtes Prodigy-Demo von dir veröffentlicht. Wir konnten noch nicht genau rekonstruieren, wie das passieren konnte, haben jetzt aber hier den Schlamassel, und nicht nur den mit dem Zeitschienen-Paradoxon: Musikhistoriker sind erschüttert und Stadionraver der ganzen Welt in ihrer Evolution um mehr als 20 Jahre zurückgeworfen. Hilft ja nichts: Da müssen wir jetzt durch, Zeitmaschine hin oder her. Vorschlag zur Güte: Wir schicken euch das Ding zurück, ihr macht Prodigy groß und bekannt und denkt euch einen Genrenamen aus, der in die Geschichte eingeht—und so ungefähr zur Jahrtausendwende haben wir den Mist dann wieder vergessen?FIRE STOPPER
LINDSTRØMSmalhans
Smalltown Supersound/ Feedelity
Zu behaupten, dieses Album wäre immerhin als Hintergrundbeschallung für den Autoscooter auf einer bratzigen Dorfkirmes geeignet, ist schon übertrieben. Denn vermutlich würden sich selbst die pickligen Rotzer, die sich da zum ersten Mal das Gefühl mobiler Freiheit erkaufen, bevor sie dann ein paar Jahre später an irgendeinem Baum landen, von Lindstrøms nicht enden wollenden Loops und schmerzhaften Sinustönen beleidigt fühlen. Alles in allem klingt das nicht besser als das Geklimper eines Fünfjährigen, dem man zu Weihnachten ein Keyboard mit vorgespeicherten Melodien geschenkt hat. Und egal wie sehr ich es versuche, ich kann mir beim besten Willen niemanden vorstellen, der sich hiervon angesprochen fühlen sollte.DIETER OHRKREBS
DIVAMoon Moods
Critical Heights/Rough Trade
Manchmal ist der Blindtest das einzig Wahre—CD einlegen, laufen lassen, hin und wieder flüchtig auf das (relativ nichtssagende) Cover schauen, im Zweifelsfall damit anfangen, Liegengebliebenes aufzuarbeiten, im Idealfall einen Augenblick mit der Musik leben, und dann das Urteil: Was sich als modernistischer, selten erträglicher Berlin-Mitte(/…)-Scheiß präsentiert, kommt in Wirklichkeit aus L.A. Genau, Diva Dompe, das war doch das Pseudonym von Bethany Cosentino, eine Hälfte der „The Olsen twins of drone“ Pocahaunted. Und die macht jetzt so etwas? Scheiß Drogen.ROB WADAMANN
PAUL KALKBRENNERGuten Tag
Paul Kalkbrenner Musik/Rough Trade
Zugegebenermaßen machen wir es uns ziemlich leicht, wenn wir das neue Album von Paule mit minimalster Achtung strafen. Aber was will man auch anfangen mit dem Mario Barth der Großraumdisse? Eine ernsthafte Auseinandersetzung würde sowieso ins Nichts führen. Das ist einfach so ein Typ, den man wahrscheinlich nie wieder wegkriegen wird, egal wie sehr man hetzt und wettert, schon alleine, weil er mit seinen Rattenfänger-Presets so effektiv die breite Masse betäubt. Hier lohnt sich wirklich nur noch der passive Widerstand: CD wegschmeißen und hoffen, dass er erst mal wieder für längere Zeit „unsere Jungs am Hindukusch“ bespaßt, bevor das nächste Unglück veröffentlicht wird.RECYCLING CALLING
FAKE BLOODCells
Different/PIAS/Rough Trade
Als ein anonymer Produzent unter dem Alias Fake Blood 2008 die Single „Mars“ veröffentlichte, gerieten die versammelten House-Blogger des Internets völlig aus dem Häuschen. Bei all den angestrengten Spekulationen, welcher Superstar sich hinter diesem Pseudonym verbergen könnte, schien kaum noch jemand aufzufallen, dass „Mars“ größtenteils aus einem nervigen Bass-Synthie bestand, der irgendwelche Furzgeräusche über einen einfallslosen 4/4-Standard verstreute, und es nun wirklich überhaupt keinen Grund gab, aufgeregt zu sein. Aber gut, es war 2008, all die Idioten hatten gerade „French House“ entdeckt und so gesehen konnte man „Mars“ wenigstens als sicheren Indikator dafür nehmen, dass man auf der falschen Party gelandet war. Heute wissen wir im Übrigen, dass weder Daft Punk noch Soulwax hinter dem drögen Track steckten, sondern der ehemalige UK-Bigbeat-Producer DJ Touché. Hier kommt ein ganzes Album von ihm, das irgendwie OK ist, aber irgendwie auch niemanden mehr wirklich interessiert.MILA VOVOJICH
BIRDS IN ROWYou, Me & The Violence
Deathwish
Werner Herzog kokettiert ja ganz gern mal damit, dass man ihn nur zum Französischsprechen überreden könne, wenn man ihm eine Knarre an den Kopf hält. Wenn man sich nun mal vor Augen hält, dass ja in Frankreich tatsächlich auch Menschen leben, fragt man sich, warum nicht viel mehr Bands wie diese ihren Hass aus dem vom Atlantik und dem Mittelmeer umspülten Höllenschlund hervorwürgen. Birds In Row sind da eine willkommene Ausnahmeerscheinung, nur inszenieren sie ihren Screamo-Furor weniger wie Werner Herzog, sondern eher mit der Pathos-bebenden Brust eines Francis Ford Coppola. Paar Punkte Abzug, weil Kickback dann doch noch ein paar Kanülenlängen geiler sind. PS: Der Rest der zivilisierten Welt ist selbstredend genauso beschissen.FRANKO ELSTNER
MURDER BY DEATHBitter Drink, Bitter Moon
Bloodshot/Indigo
Pig Destroyer—schon immer der Schöngeist im kranken Abschaum, der das Genre Grindcore auskotzte. Während der grobe Rest jedoch ergebnislos nach neuen Schockvarianten forscht (die Klaviatur der sexuellen Perversionen und die ICD-10 sind natürlich längst hinlänglich abgearbeitet), ziehen sich die Poeten des Sektors auf das vergleichsweise subtile Motiv des Biblioklasmus zurück. Für die Jüngeren unter euch, Bücher sind so eine Art Seniorenmodell des iPads. Und Bücherverbrennungen galten einmal als symbolischer Akt der Staatsräson, als autoritärer Angriff auf die Meinungsfreiheit. Versuch dich zu freuen, in einer Welt zu leben, in der höchstens dein Facebook-Account gesperrt wird, weil du mal wieder ein Tittenbild hochgeladen hast. Wie unverändert krank auch diese und vor allem diese Welt ist, weiß aber immer noch niemand so vernichtend zu kommentieren wie diese Band.THE GREAT ROCK’N’ROLL KINDLE
AMBASSADOR GUNGolden Eagle
Prosthetic Rcords
Man sollte sich von dem malerischen Titel nicht aufs metaphorische Minenfeld führen lassen. Viel sinnbildlicher für diesen Sound ist dann doch ein Schwarm Nebelkrähen, der sich im Sturzflug auf einen Kadaverhaufen absenkt. Ein sehr präzise die Balance zwischen Grind und D-Beat haltender Amoklauf, dessen hochtouriges Gebretter sich auch noch aus dem tiefsten Dreck wieder hervorwühlt. Hat man so oder so ähnlich sicher schon mehr als ein oder hundert Mal gehört, aber wenn dir ein gekonnt gesetzter Schwinger bereits zum wiederholten Mal das Nasenbein bricht, hast du deswegen ja auch nicht weniger Blut in der Fresse.SCHAXEL ULTZ
DRAGGED INTO SUNLIGHTWidowmaker
Prosthetic/Sony
Liverpools sample-freudige Erneuerer des Extreme-Metals füttern spätestens seit der Wiederveröffentlichung ihres Debüts Hatred For Mankind Hoffnungen, dass sie die Band werden, auf die sich alle Horden einigen können. Ihr neues Album ist knappe 40 Minuten kurz, besteht aus einem Song in drei Parts und ist—Überraschung!—nicht extremer als das Debüt, nur anders extrem. Wurden früher Brücken zwischen Death, Black und ähnlichem Geballer gebaut, verblenden sich auf Widowmaker verstärkt Drone, Doom, Post-Metal und alles, was uns Klugscheißer glücklich macht. Die Samples sind geblieben, Tobsucht und Raserei beschränken sich auf kürzere Ausbrüche, der Rest ist gerüttelter Wahnsinn.WILLIE DYER
NAOMI PUNKThe Feeling
Captured Tracks
Würde Jay Reatard noch leben, würde er sagen: geiler Sound, beschissener Bandname. Und danach zusammen mit Naomi Punk auf die Bühne klettern und klingen wie Bass Drum Of Death , wenn die Aufnahme leiert und der Abend spät ist. Das Konzert würde 24 Minuten dauern, inklusive Zugaben, die aber natürlich nicht „Zugaben“ genannt wurden, und im Lauf dieser 24 Minuten hätte es mindestens so viele „Lauter!“-Rufe wie fliegende Bierflaschen gegeben, aber keine Verletzten, außer sehr vielen Tinnitussen am nächsten Tag. Scheiße, ich vermisse Jay Reatard.FEELING ZEH
ULTRAÍSTAUltraísta
I Am Fortified/Rough Trade
Wenn ich das Wort „Multimedia“ lese, entsichere ich meine Waffe und stürme als Elvis in einem „einfachen surrealistischen Akt“ auf die Straße, um blindlings in die Menge zu schießen. Ästhetisch verbrämte Gewaltfantasien sind wenigstens etwas, was das „Projekt“ des „sechsten Mitglieds von Radiohead“… Ach bitte, machen wir es kurz und klar: Der Plan war, so etwas wie Stereolab für Besserverdienende zu machen. Der verendete jedoch schon beim Versuch, den Maschinen etwas anderes als Überdruss zu entlocken. Das dümmlich-dünnliche Stimmchen ist nur der schräge Tüpfel auf dem Í.ANDRÉ BRESSO
THE LUYASAnimator
Dead Oceans/Cargo Records
Wenn du mal wieder für einen kurzen Moment deine steinharte Fassade entkalken und zugeben willst, dass du, auch wenn es eigentlich ziemlich uncool ist und alle deine Schwächen sofort offenlegt, noch Gefühle hast, dann verkrieche dich doch bitte in dein Kämmerlein und höre Animator. Da geht es nämlich um Tod und Verderben und du kannst dich richtig schön suhlen in Schmerz und Verletzlichkeit, denn The Luyas klingen wie eine dekomprimierte Version von Blonde Redhead mit einem Sirenengesang, der dich anlockt, um dir dann deine ganze beschissene Gefühlswelt um die Ohren zu hauen. Da musst du durch. Danach kannst du ja wieder so tun, als würdest du über allem stehen.MELLON COLLIE
THE IRREPRESSIBLESNude
Of Naked Design/Rough Trade
Beinahe wäre mir die CD schon beim Auspacken aus den Händen geflutscht, so sehr trieft aus jeder Pore dieses Ensembles ein lauwarmer Cocktail aus Schweiß, Speichel und Gleitgel. Als ich es dann endlich geschafft hatte, die Play-Taste zu drücken, erfüllte jedoch umgehend ein wonniges Gefühl meinen Leib: Nude ist eine einzige epische Homo-Sauna-Entspannung, bei der Antony Hegarty und die Sparks sich gegenseitig Kirchenlieder auf der Violine vorspielen, um anschließend ihre Körper in einem glitzernden Schaumbad aneinander zu reiben und sich Schweinereien ins Ohr zu flüstern. Angenehmerweise bleibt die offensive Schwulheit der Irrepressibles dabei völlig frei von Koketterie oder Exhibitionismus: Sie ist einfach nur das aufrichtigste und lüsternste Bekenntnis zur gleichgeschlechtlichen Liebe, das uns in diesem Jahr erreicht hat.PAUL PRALINI
E.D. SEDGWICKWe Wear White
Dischord/Alive
Ich glaube, ich habe bei meinem Arbeitsvertrag mit Eigenblut unterschrieben, dass ich nie ein schlechtes Wort über Dischord-Platten verlieren werde. Ohne die immensen Integritätsbewahrung-sanstrengungen von Ian McKaye und Konsorten wäre Washington D.C. schließlich längst in einem Sumpf aus Korruption und Unehrlichkeit versunken, mit potenziell fatalen Folgen für das globale politische Gleichgewicht. Und neben dem ganzen Grindcore und Joy Division liegt uns der Weltfrieden eben auch noch ein klein wenig am Herzen. Wenn man sich erst mal klargemacht hat, wie schnell aus einer versehentlichen Überdosis, die sich ein gealterter Punk aus Frust über eine schlechte Rezension setzt, ein Atomkrieg werden kann, dann erscheint die Frage, ob das neue E.-D.-Sedgwick-Album besser ist als das letzte, wie eine ziemlich unwichtige Nebensächlichkeit. Unter uns: Die klingen ja eigentlich eh alle gleich, aber, ähem, das ist natürlich auch gut so.MITT PONEY
ADAM GREEN & BINKI SHAPIRORomantik & Reflexion
Rounder/Universal
Teilzeitautist Adam Green und die Dame, deren Name wie ein japanischer Zweiteiler klingt, wenn man nicht genau hinsieht, präsentieren hier eine teutonisch titulierte Kooperation, die blumig als passend sowohl für laue südkalifornische Sommer- als auch für vereinsamte Selbstmitleidsnächte in Zentraleuropa angepriesen wird. Wir können verstehen, wie man diese Dichotomie mit etwas Wohlwollen hineininterpretieren kann; unterm Strich handelt es sich hier aber eben auch nur um verkitschten Folkpop mit kokettierenden Duetten und ein bisschen zu viel sexueller Spannung zwischen den Protagonisten, die man sich so eigentlich gar nicht vorstellen will.JESSICA SIMPSON
PINBACKInformation Retrieved
Temporary Residence
Vom letzten Pinback-Album hatte es sogar ein Song in den Score der Coming-of-age-Klamotte How I Met Your Mother geschafft. Information Retrieved ist nun voll von solchem Stoff. Ist ja auch klar, die Nerds, die Pinback vor zehn Jahren abgefeiert haben, wechselten von der Studentenbude ins Reihenhaus. Auf deren Agenda findest du heute vielmehr das Wechseln von Windeln oder Bausparverträgen, das Diggen nach der neusten Meta-Pop-Nische hat da einfach keine Priorität mehr. Den bequem ausgelatschten Schuh, den Pinback hiermit hinstellen, zieht man sich aber doch nur zu gern an. Wegen der guten alten Zeit und so. Seufz. Für den Fall, dass einen das Sentimentalitätskotzen überkommt, hat man ja zum Glück immer noch die Möglichkeit, Pinback-Chef Rob Crow an seinen Goblin Cock zu fassen.I DON’T WANT NO SCRUBS
DIE! DIE! DIE!Harmony
Golden Antenna/ Broken Silence
Eine ganze Weile habe ich den einprägsamen Namen dieses sympathischen Kiwi-Shoegaze-Punk-Trio nicht mehr vernommen. Das letzte Mal las ich die drei magischen Worte, glaube ich, auf einem Briefumschlag, den mir meine heutige Exfreundin zugesandt hatte, und in dem sich ein Tütchen mit Zyankali befand. Profitipp von einem lebenserfahrenen Mann: Fang nie was mit einer Apothekerin an, egal wie viel Ritalin sie dir besorgen kann. Die ständige Paranoia wird dich früher oder später auffressen. Nun ja, all das hat sicher nichts mit dem mysteriösen Verschleiß von Bassisten zu tun, der die Bandgeschichte von Die! Die! Die! begleitet (es ist aktuell der vierte) und von dem sich die neuseeländische Kriminalpolizei wahrscheinlich eines Tages fragen wird, warum er ihnen nicht schon viel früher aufgefallen ist. Aber hey, wenn ein paar verschwundene Bassisten der Preis sind, den wir für solch großartigen Fugazi-meets-My-Bloody-Valentine-Krach bezahlen müssen, kann ich auch gerne noch mal meine Ex anrufen.ARI KAKADOO

EMERALDSJust to Feel Anything
Editions Mego
Ich hab ja schon alles probiert, Brandeisen, Nagelbettmatratzen, Daumenschrauben, Triathlon (in der Antarktis), Bungee Jumping (ohne Seil), Himmel, ich war sogar in einem Bordell, nur um meine von der kalten Welt da draußen beigebrachte Alexithymie in den Griff zu kriegen. Würde mir wohl dieses verheißungsvoll titelnde Album weiterhelfen? Um es kurz zu machen: Fehlanzeige, aber der weichgespülte, sich von Pink-Floyd-Skizzen zu den besten Drogenexperimenten der The Cure schleichende Sound der Emeralds funktioniert wenigstens eins a als Einschlafhilfe.L. BISHOP
TRUSTTRST
Arts & Crafts
Einer der besten Songs der letzten sagen wir mal drei Jahre ist auf dieser Platte versteckt. „Candy Walls“ ist Zuckerwatte für melancholische Spätsommer-Popper, eine unfassbar wunderbare Hymne für depressive Nerds, in Electro-Goth gegossene Synthie-Hoffnung. Die restlichen zehn Tracks auf TRST klingen dann aber fast durchgehend wie eine gelangweiter Crystal-Castles-RipOff, dem es an kompositorischen Ideen fehlt. Meine Willkür entscheidet sich für identische Gewichtung dieser beiden Aspekte, oder kurz: „Candy Walls“ ist ausreichend toll, dass TRST immer noch als Mittelmaß durchgeht. Es ist halt nicht alles scheiße, was glänzt.LASSE REINKÖMM
NILS BECHLook Inside
Fysisk Format
Was die Patrick Wolfs und Antony Hegartys dieser Welt erträglich macht, ist vermutlich zu einem ordentlichen Anteil so ein Humor im Subtext, eine Gelassenheit im Umgang mit dem eigenen Anspruch, oder kurz: Sie überlassen es dir, ob du es toll oder scheiße findest, was sie so machen. Der Volksmund brüllt aus dem Off: „Ja, sie nehmen sich nicht zu ernst.“ Du wunderst dich kurz, dass der Volksmund Mundgeruch hat, stimmst aber zu, suchst daraufhin noch eine Weile nach wenigstens einer kleinen Flapsigkeit oder Ironie im Pressetext zu Look Inside, rufst aber dann doch lieber Antony an, um ihn zu fragen, was er von Nils Bech hält. Nach zwei Stunden hört ihr stattdessen wieder alte Tiny-Tim-Platten und kichert über den Gestank norwegischer Fürze, die ihr vorhin noch für Mundgeruch gehalten hattet.LISA LUCKSCHEITER
LUST FOR YOUTHGrowing Seeds
Avant! Records
Ich zerbreche mir ungelogen seit fast drei Minuten den Kopf darüber, wie ich einer Platte, die ich an keiner Stelle wirklich beeindruckend finde, die aber so eine furztrocken coole Endzeit-Weltschmerz-Stimmung rüberbringt wie das sonst nur Angstpop-Acts aus der Galakthorrö-Schmiede schaffen, einer Platte, die das Gleiche hier aber mit 70er-Synth-Noise macht (also: Punks auf Entzug besetzen ein Studio und zimmern ein bisschen herum, bis es nach Coil meets Coldwave klingt), wie ich also einer solchen Platte irgendwie begründet acht Punkte geben kann. Dann ist mir eingefallen, dass ich das ja gar nicht muss, weil keiner von euch Hosenscheißern nur nach der Punktzahl geht, sondern immer und überall nur den vollständigen und ausfundierten Rezensionstext liest und hernach seine Kaufentscheidung trifft. Toll.SEKTCHEN AUFSHAUS
OLD KERRY MCKEEWooden Songs
The Greatest Records
Die Schweden, schon immer begnadete Copy Cats und immer noch groß darin, insbesondere den Amis die Kulturimporte in verbesserter Form zurückzuverkaufen, haben ihren eigenen David Eugene Edwards hervorgebracht und der hat sich den Namen Old Kerry McKee gegeben. Und was hat bei DEE, 16HP und Woven Hand als Einziges genervt, aber dafür so richtig? Die religiöse Emphase des Wanderpredigers! Genau die lässt Old Kerry McKee weg, ersetzt die Leere durch Knistern und statisches Rauschen, bindet sich eine Kette um den Oberschenkel und stampft sich sein eigenes Orchester in den Graben.LIL SATAN
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