Reviews

AKRON FAMILY

GRAFZAHL

ANNA VON HAUSSWOLFF

THE KNIFE

TYGA
Hotel California
Universal
Seit ich mir einen neuen Subwoofer gekauft habe, macht HipHop plötzlich wieder Sinn, und so konnte ich es kaum erwarten, mir endlich mal wieder von einer zünftigen Westcoast-Basswalze die Innereien massieren zu lassen. Die Freude hielt leider nur ganze elf Sekunden, dann fiel mir wieder ein, wieso Tyga gemeinhin als beschränktester Lyricist der westlichen Hemisphäre angesehen wird. Kein Scheiß, seine Texte erinnern einfach jedes Mal an einen achtjährigen Sonderschüler, der seinem kleinen Bruder in kurzen Hauptsätzen die Rahmenhandlung von Hustle & Flow erzählt. Irgendwann habe ich den Bass dann einfach so weit aufgedreht, dass Tygas Stimme in einer schockwellenartigen Frequenzimplosion verschüttet wurde, was zwar ganz geil war, aber dann auch nicht mehr sonderlich viel mit Musik zu tun hatte.

MONEY HO’BRIAN
GHOSTPOET
Some Say I So I Say Light
PIAS/Rough Trade
Als ich das letzte Mal in London war, hat mich ein Typ, der haargenau so aussah wie Ghostpoet, mit vorgehaltener Knarre um drei Pfund und eine halbvolle Schachtel Zigaretten erleichtert. Angesichts der mageren Ausbeute kann ich gar nicht sagen, für wen diese Erfahrung deprimierender war. Für einen Moment war ich sogar versucht, ihm noch ein paar aufmunternde Worte hinterherzurufen, von wegen: „Hey, sorry, dass ich nicht mehr dabei hatte, aber deine letzte Platte ist echt gut geworden“, oder so. Aber in solchen Momenten ist man dann ja immer nicht so schlagfertig, wie man es sich im Nachhinein wünscht. Das zweite Album des kleinkriminellen Großstadtlyrikers glänzt auf jeden Fall mit hochwertiger Produktion und noch verqualmteren Rap-Parts, sodass ich immerhin den Eindruck bekomme, dass mein Geld und meine Kippen hier sehr gut angelegt wurden.

WHITEY FORD
TYLER, THE CREATOR
Wolf
Columbia
Tyler, The Creator, bekannt aus so Situationen wie: wahlweise den Elternschreck oder den Aushilfs-Jackass geben, alle zwei Wochen von Terry Richardson fotografiert werden, Bierflaschen designen, mit Texten provozieren, mit runtergelassener Hose, von der eigenen Unverschämtheit berauscht kichernd durchs Rapgame rennen, einen Scheiß auf die Öffentlichkeit geben, ein Album darüber aufnehmen, wie es ist, einen Scheiß auf die Öffentlichkeit zu geben usw. usf. Kurzes Update: Tyler hat jetzt tatsächlich angefangen, gute Musik zu machen. Der ganze Kinderkram wird dann eben doch irgendwann langweilig.

ROTKÄPPCHEN


 

MOUNT KIMBIE
Cold Spring Fault Less Youth
Warp Records
Längst sind ja Mount Kimbie ein Genre für sich und sobald das anrainende talentlose Geschmeiß den eigenen Quark mal wieder in deren Soundfahrwasser hinein kleckert, beginnen sie auf dem nächsten Release einfach wieder wie aus einer ganz anderen Dimension zu klingen. Diesmal ein bisschen so, als würde der letzte Überlebende der Welt in einer Raumkapsel durch den Kosmos surfen und darin eine Party mit sich selbst feiern. Melancholie, Euphorie und merklich einsetzender Wahnsinn im viel zu engen Resonanzraum, Platzangst und Unendlichkeits-orgasmen geben sich den Schleudersitz­knopf in die Hand. Die Grundidee bleibt jedoch die gleiche: Finde die Mitte zwischen Soundforschung und Konsens-Glücksgefühl. Wir nähern uns der Perfektion.

JEAN-LUC PIKIERT
LITTLE BOOTS
Nocturnes
On Repeat Records
Das Internet und Max Goldt haben mir mal erklärt, dass sowohl bei Tragik als auch bei Komik ein Unterschied entsteht zwischen dem, was geschehen sollte, und dem, was eigentlich geschieht—und dass der nennenswerte Unterschied nur der ist, dass im Tragischen ein Leiden passiert und im Komischen eine Torheit. Nach dieser Definition jedenfalls sind nicht nur die Existenz von Mario Barth oder Carglass-Radiospots in beide Kategorien einsortierbar, sondern auch die Kylie-wannabe-Torheit namens Nocturnes der noch vor wenigen Jahren so niedlich mit Synthpop, Einhörnern und DIY-Ästhetik kokettierenden Little Boots, die von einem Leiden namens Hörschmerz meinerseits ergänzt wird. Best of both worlds, gewissermaßen.

CARLTON BANKS
 
CLOSE
Getting Closer
!K7
Das Motiv der Entfremdung kennen wir aus der Erkennungsmelodie der Postmoderne und von den Warndreiecken, die auf den Alltagshorror des Neoliberalismus hinweisen. Will Saul steht nicht so auf Entfremdung. Er wirft seit rund zehn Jahren Hostien im Zwölf-Zoll-Format unter die Leute, auf dass sie sich alle mal gern haben mögen. Das klappte bislang ganz gut. Eine ganz neue Dimension der interpersonellen Verschmelzungssounds stellt dieses Projekt dar, bei dem in der Löffelchenstellung mit u. a. Applebim, Scuba oder Tanner Ross wärmste Down- und No-Beat-Maschen gehäkelt werden. Das ist stellenweise so beruhigend und gefühlvoll die Weichteile ins Visier nehmend, dass der Weg unter die Kuscheldecke nur in den seltensten Fällen über die Zwischenstation Dancefloor gesucht wird.

ERIKA SCHLAUBERGER
THE KNIFE
Shaking the Habitual
Rabid Records/Cooperative Music
Mit dem neuen Album von The Knife ist es ein wenig wie mit dem Besuch einer Joseph-Kosuth-Retrospektive oder der Lektüre von Hegels Phänomenologie des Geistes: Auf Nachfrage wirst du jedem deiner Freunde mitteilen, dass du Shaking the Habitual in seiner Radikalität für eine absolut bedeutende Errungenschaft hältst, für ein Opus magnum, das früher oder später in einem Atemzug mit Stockhausen, Cage und Xenakis genannt werden wird. Aber gleichzeitig liegst du jeden Abend wach und quälst dich mit der Frage, ob du eigentlich der einzige Idiot bist, der mit diesen verwirrenden Klangcollagen nichts anfangen kann, oder ob es nicht vielleicht allen so geht und es nur niemand zugeben will. Wie du dir wahrscheinlich schon gedacht hast, können wir dir in dieser Frage nicht wirklich weiterhelfen und wenn wir es könnten, würden wir es nicht zugeben.

META DEL CRITIC
FOUR TET
Rounds
Domino
Falls du 2003 die Veröffentlichung von Rounds verpasst haben solltest, weil du zu sehr damit beschäftigt warst, in dunklen Electroclash-Läden mit langbeinigen Transvestiten rumzufingern, vor deinem Badezimmerspiegel Dizzie-Rascal-Lines zu rappen oder die vierte Klasse zu wiederholen, bietet dir dieser Jubiläums-Re-Release die unkomplizierte Möglichkeit, eine bedauerliche Bildungslücke zu schließen. Ich persönlich bin gerade ein wenig beleidigt, dass mir in den letzten zehn Jahren die ersten grauen Haare und eine beachtliche Bierplauze gewachsen sind, während Four Tets entspannter Electronica-Meilenstein nicht eine Sekunde gealtert zu sein scheint. Aber meine Therapeutin hat mir empfohlen, nicht ständig meine persönlichen Probleme auf die Außenwelt zu projizieren, und so bleibt mir nicht viel anderes übrig, als zähneknirschend eine uneingeschränkte und zeitlose Empfehlung auszusprechen.

FAT TONI
AUSTRA
Olympia
Domino
Ich hatte früher in meiner Parallelklasse eine Hobby-Grufti-Tante, die sich optisch sämtlichen Goth-Trends hingab, aber in ihre Hefter Zeitungsausschnitte von Enrique Iglesias klebte, den sie mehr oder weniger heimlich anhimmelte. Und irgendwie muss ich immer daran denken, wenn mir Austra begegnen, mit ihrer betont unterkühlten Hype-Kälte und diesem ganzen Wir-würden-am-liebsten-den-ganzen-Tag-in-gotischen-Kathedralen-abhängen-Habitus. Zumal ich schon beim letzten Album nicht so richtig verstanden habe, was die da eigentlich von mir wollen. Daran ändert auch Olympia nichts, das mich schon beim ersten Track mit seinem widerlich schiefen Björk-für-Arme-Gesang erschaudern lässt. Austra sind und bleiben Düsternis und Mysterium für Zweitsemester, die sich den echten Scheiß nicht geben wollen oder können, aber auf dem Kopf stehende Totenkreuze irgendwie doch ganz lässig finden.

SIOUXSIE AND THE BAN-SHITSTIC
JAMES BLAKE
Overgrown
Polydor/Universal
Wer hat eigentlich entschieden, dass James Blakes Seufzer wichtig sind? Bestreicht er sein Brot mit demselben Schmalz wie seine Musik? Was macht James Blake und seine Musik eigentlich so traurig? War etwa der Veuve im Supermarkt wieder aus? Hat ein freches Mücklein seinen letzten holden Schlaf gestört? Das alles sind Fragen, denen ich völlig gleichgültig gegenüber stehe. Was ich weiß: Als ich neulich nachts das Rudel streunender Katzen in meinem Innenhof mit Radiohead-CDs bewarf, während die Alleinerziehende von gegenüber mal wieder einfach so aus dem Fenster heraus schluchzte, da klang das diesem Album nicht unähnlich, nur irgendwie leidenstiefer, echter und klangästhetisch interessanter.

VOICE OF A DEGENERATION
LO!
Monstrorum Historia
Pelagic Records
Den Nachfolger ihres Debüts Look and Behold haben die Australier 2012 bei sommerlichen Temperaturen in einem auf Jazz spezialisierten Studio aufgenommen; ausgerechnet das prägende Schlagzeug war am heißesten Tag in der Geschichte Sydneys fällig. Ein glücklicher Zufall, der mit Sicherheit dazu beigetragen hat, dass sich ihr viehischer Mix aus Hatecore-Versatzstücken, Sludge-Fetzen und Noise-Brocken nun noch etwas dringlicher materialisiert. Man hört förmlich, wie der Schlagzeuger versucht, mit seinen immer mächtiger donnernden Schlägen der Hölle zu entkommen. Selbst der dicke Sänger hat dem wenig mehr als entfesseltes Shouting hinzuzufügen. Das könnte allerdings Tote wecken …

EUS PRO-METH
 
MELVINS
Everybody Loves Sausages
Ipecac
Coveralben. Die Eitergeschwüre am Arsch der Musikindustrie. Sie werden hingeschissen, wenn der Knebelvertrag mal wieder ganz besonders knebelt. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, sie nicht wie ein Armutszeugnis der eigenen Kreativität klingen zu lassen: Sie müssen von den Melvins stammen. Sprich: Das Quellmaterial aus der Pelle pulen, dabei weder schmutzige Finger, noch schmutzige Gedanken scheuen, der amorphen Masse ein neues Gesicht geben— Cocktailtomaten, Essiggürkchen und Gasthackfressen wie Jello Biafra, Scott Kelly oder Mark Arm von Mudhoney eignen sich da gut—und schließlich das Wurstwasser exen als sei es Blütennektar. Schon hast du Songs von Venom, Roxy Music und Throbbing Gristle nebeneinander stehen, als sei es das normalste der Welt—und die Originale längst vergessen.

WURST WAR II
RETOX
YPLL
Epitaph/Indigo
Während Justin Pearson hauptberuflich damit beschäftigt ist, in seinem Heuschreckenkostüm ein halbnacktes Publikum mit abartigen Grunzlauten zu beschallen (nein, er arbeitet nicht in einem japanischen Swingerclub, sondern bei den allseits geschätzten Horror-Grind-Veteranen The Locust), da kommt sein Zweitprojekt Retox mit deutlich weniger Firlefanz, aber nur unwesentlich weniger Aggressivität aus. Auf dem ersten Album nach dem Wechsel von Mike Pattons Ipecac-Label zu Epitaph hat die Band nichts von ihrer charakteristischen No-Bullshit-Attitüde eingebüßt, und so ist YPLL erneut ein kluges und geradezu harmonisches Album geworden, insofern man eine Band, die sich musikalisch irgendwo zwischen Napalm Death, Black Flag und einem amoklaufenden Rasenmäher bewegt, überhaupt mit derartigen Attributen versehen darf, ohne sie zu beleidigen.

JOLLY FUDGER
 
GRAFZAHL
Der Rückzug ins Private
Tumbleweed/Brokensilence
Der Rückzug ins Private ist ein faszinierendes Produkt. Seit Wochen versenke ich mich immer wieder tief in die Abgründigkeit der Songtexte, deren provinzielle Pennälerpoesie mir jedes Mal einen Schauer des Schreckens über den Rücken jagt. Ich huldige der maximalen Schlichtheit der Indie-Arrangements, wie sie die Sportfreunde Stiller auch auf dem absoluten Tiefpunkt ihrer Schaffenskraft niemals unterboten hätten. Selbst die triste, in fahlem grau gehaltene Verpackung studiere ich mit pochendem Herzen, wie ein Archäologe ein antikes Artefakt. Tatsächlich fühle ich mich gerade wie die Hauptfigur in einem Jules-Verne-Roman, die nach einer abenteuerlichen und nervenaufreibenden Reise endlich am Ziel angelangt ist. Ich werde nicht mehr weiter suchen müssen: Hier ist er, der totale Nullpunkt, an dem ich alle zukünftigen Rezensionen eineichen kann. Nie wieder Ungewissheit. Nie wieder Relativität. Ein absolutes Meisterwerk der Schlechtheit.

INDY IV
THE OCEAN
Pelagial
Metal Blade
The Ocean sind nunmehr beinahe so etwas wie Dream Theater mit besseren Haarschnitten und strafferer Haut. Pelagial klingt wie ein durch den Sturm gepeitschtes Images and Words und am Ende seiner epischen Fahrt ist es tatsächlich immer noch ganz geil, noch solider als das Wrack reiner Mucker-Hybris.

LENI ZISSOU
HOODED FANG
Gravez
Full Time Hobby
Es hätte eine ganz nette Platte sein können, die man unvoreingenommen mit Surf-Twang-Shoegaze-Zeug aus Toronto bezeichnet hätte und der man dafür irgendwas zwischen 6 und 7 Punkten verliehen hätte, je nach Tagesform. Aber dann liest man in einem Interview mit Bandchef Dan Lee als Erklärung für den Plattentitel, „it may refer to the impending lurk of death“, also ungefähr das stulligste Musikerzitat seit sehr vielen Wochen. Daraufhin verkneift man sich gerade noch einen Rant über sich für Philosophiechecker haltende Gitarristen, zieht ein paar Punkte ab und denkt sich irgendwas mit „dot tumblr dot com“ am Ende. Which may refer to the impending lurk of bullshit, or not.

KURT LOADER
ANNA VON HAUSSWOLFF
Ceremony
City Slang
Der Hausswolff wurde anlässlich ihres Debüts noch nachgesagt, ihr Gesang klänge doch sehr nach Kate Bush. Ein etwas träger Vergleich war das. Tatsächlich ist ihr verheimlichter Mittelname Legion. Und sie beschwört ihre Orgel mit Hunderten Stimmen. Es kann so passieren, dass irgendwer aus dieser multiplen Besessenheit auch Enya, Loreena McKennit, Marianne Faithfull und Juliane Werding heraushört. Aber wer das Album nur deshalb madig macht, trägt wohl schwer an seinem eigenen Kreuz.

LUKAS MARKUS
AKRON/FAMILY
Sub Verses
Dead Oceans
Michael Gira hört auf dem neuen Album seiner ehemaligen Backingband die „Pop und Rock-Musik der letzten 50 Jahre, durch den Fleischwolf gedreht, von etwas Batteriesäure und Honig aufgelockert“. Ja, der Mann unseres Vertrauens hört noch sehr viel mehr—z. B. „ergraute Beach Boys, die sie sich bärtig und floh verseucht willentlich der Lyseric Gas Attack ergeben“. Zugegeben, seit dem letzten SWANS-Album The Seer könnte der uns auch Bibeln, Schlangenöl oder ein Rolling-Stone-Abo verkaufen —aber Sub Verses ist tatsächlich SO gut.

LESTER BONG
MIKAL CRONIN
MCII
Merge Records
In gängigem Reviewsprech müsste es bei diesem zweiten, komplett selbst eingespielten Album wohl heißen: „Der Cronin ist erwachsen geworden.“ Wenn wir uns jedoch an das Debüt auf Trouble In Mind und an die diversen gemeinsamen Späßchen mit Ty Segall erinnern, dann könnte Erwachsenwerden zum Beispiel bedeuten, dass der Mikal vielleicht hin und wieder mal ein gleiches Paar Socken trägt. Löcher sind aber trotzdem drin. Man könnte auch sagen: Cronin tritt endlich aus dem Schatten Ty Segalls heraus, um mit ihm eine Runde Song-Frisbee zu spielen. Momentan ist nicht ganz klar, wer das Teil zuerst fallen lässt.

SOCK IT TO ME
PSYCHIC ILLS
One Track Mind
Sacred Bones
Die Psychic Ills sind ja eigentlich die Band, die in From Dusk Till Dawn anstelle der bräsigen AOR-Dumpfbacken Tito & Tarantula im Titty Twister hätten spielen müssen. Dass der hier tätige Spacemen- 3-Ahnenkult erst sieben Jahre später zu den Instrumenten griff, ist noch lange keine Entschuldigung für die eklatante Fehlbesetzung. Auch auf dem mittlerweile vierten Album, das lachhafterweise als das „direkteste Rockalbum“ ihres bisherigen Schaffens verkauft wird, bewegt man sich nur in Ausnahmefällen schneller als der Schatten, der vom Panzer einer hart chillenden Gopherschildkröte in den Wüstensand gelegt wird.

SPEEDY GONZALES
IRON AND WINE
Ghost on Ghost
4AD
Du darfst nicht zweifeln. Das hier ist immer noch Sam Beam, der Typ, der sich mal so viel Zeit und Ruhe nahm, dir seine Geschichten persönlich zu erzählen, ja, mit Leben sanft zu behauchen. Das ist immer noch derselbe Kerl. Er hat sich nur ein wenig verloren, auf seiner eigenen Party hier, die er glaubt schmeißen zu müssen. Gehetzt wirkt er, zwischen den ganzen neuen Freunden, deren ganzen neuen Ideen. Er hat gerade keinen Nerv für mehr als nur ein flüchtiges Abklatschen. Selbstverständlich ist das bedauerlich. Verletzend. Nur kann man da im Augenblick wenig machen. Erfolg eben. Aber irgendwann kommt er wieder runter. Sie kommen immer wieder runter. Und dann bist du für ihn da.

BRIAN GARFUNKEL
DEERHUNTER
Monomania
4AD
Bradford Cox von Deerhunter ist jemand, der sehr gute Lieder schreiben kann. Nachdem er ein paar seiner schönsten Lieder auf das letzte Album Halcyon Digest packte, zeichnete sich ab, dass man damit richtig erfolgreich werden könnte. Das muss den Bradford tierisch erschreckt haben, woraufhin er wahrscheinlich seine Bandleute aufforderte, die Lieder wieder etwas härter durch die Gegend zu schubsen. Das ist die eine Theorie. Die andere: Der auf Halcyon Digest praktizierte Blümchensex ist schon schön und so, aber es kommt nun mal die Zeit, da möchte man einfach auch mal die XL-Analperlen rausholen. Monomania beschreibt genau diese Situation. Ohne Gleitgel.

BEATE USEDOM
LUBOMYR MELNYK
Corollaries
Erased Tapes
Melnyks Pianokompositionen sind von beinahe unendlicher Schönheit. Tatsächlich wird ihre Schönheit sehr lang gezogen, der perfekte Moment, der sich einfach nicht abmurksen lassen will. Mit Corollaries wird dem rauschbärtigen Propheten der „Continuous Piano Music“ von jüngeren Aposteln wie Peter Broderick und Nils Frahm nun eine Kathedrale errichtet, in der seine Gospel perfekt resonieren, jeder Anschlag sogleich mit einem sakralem Grundrauschen, entrückten Stimmen und erhebend sich aufbäumenden Streichern episch unterlegt ist.

ST. NIKOLAUS
NRFB
Trüffelbürste
Staatsakt
Ausgeschrieben erinnert ihr Name an die spezielle Schock-Diktion japanischer Atonale, von Nuclear Raped Fuck Bomb ist es nur noch ein kleiner Schritt zu „Astro Volcano Breakdown“, oder auch „White Anal Generator“. Musikalisch ist ihnen ein Hang zum anarchis­tischen Tief- oder Unsinn gemein. Auch seine neue Band präsentiert Jens Rachut im besten Licht. Ja, man könnte im Schaffen des exzentrischen Punks—mit Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut und Oma Hans—die Geschichte eines besseren Hamburg erkennen. Guter Mann, das Album ist leider nur halb so gut.

KLAUS SHELLD
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