Die Reviews des Monats

JULIANNA BARWICK

PORCELAIN RAFT

MARCEL FENGLER

MUSO

MUSO
Stracciatella now
Chimperator/Universal
Wie schon sein Buddy Cro wird nun auch Musos Debüt Straciatella die Rap-Welt in zwei Lager spalten: Die eine Hälfte wird ihn für eine Art Hipster-Messias halten, der dazu bestimmt ist, den Sprechgesang von seinen Ketten zu befreien und mit einem zahnpastaweißen Lächeln ins nächste Jahrtausend zu befördern. Die anderen wollen ihn vermutlich einfach ein Pitbull-Leckerli in den Hintern schieben und ihn im Offenbacher Ghetto aussetzen. Ach ja, und dann gibt es noch Leute wie mich, die als Rezensenten zur Objektivität verpflichtet sind, dafür aber gerade gigantische Lust auf ein Stracciatella-Eis bekommen haben. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit Muso muss deshalb auf unbestimmte Zeit verschoben werden. #YOLO!

FLUTSCH FINGER
K.I.Z.
Ganz oben Mixtape
BeatTheRich!
Neues Sitzungsprotokoll der größten Gruppentherapie des Landes. Wir sagen es noch einmal: Der Nutzen dieser Band darf nicht unterschätzt werden. K.I.Z selber gelingt es, sich charakterlich mithilfe lyrischer Katharsis, fast schon auf Schwiegersohnniveau zu entrümpeln und der Rest des Landes darf in regelmäßigen Abständen aus Leibeskräften „Schwanz“ schreien und jetzt sogar Adolf Hitler sein. Der nationale Exorzismus ist möglicherweise selbst für diese vier eine zu große Aufgabe, aber wir würdigen das Durchhaltevermögen, obwohl doch die Skandalheide schon komplett abgegrast schien. Die Musik ist beschissen wie immer, aber K.I.Z. sind mittlerweile an manchen Stellen so gut, dass man nicht mal mehr über sie lachen kann.

DICK TATOR
 
QUASIMOTO
Yessir Whatever
Stones Throw/Groove Attack
Nach acht langen Jahren klopft Madlibs Cartoon-Alter-Ego mal wieder an die Tür, aber nicht wie erhofft mit einem brandneuen Album voller psychedelischer Helium-Flows, sondern lediglich mit einer bunten Sammlung rarer und bisher zumeist unveröffentlichter Tracks. Dass Quasimotos Resterampe immer noch hochwertigeren Shit im Angebot hat als der Großteil der übers Land verteilten R’n’B-Boutiquen, dürfte einen Connaisseur des amerikanischen Sprechgesangs nicht wirklich überraschen. Wenn wir nur endlich herausfinden würden, was er mit diesem verdammten Ziegelstein vorhat!

DJ DEUXIEME
WALTON
Beyond
Hyperdub
Mein Gott, Walton! Wird so Typen wie dir die Live-Suite bereits in die Wiege gelegt und die Analogsynthsoße in den Hirsebrei gemischt? Sample-Jonglieren dann im Kindergarten und Beatbasteln in Pre-School? Mal wieder einer dieser Grünschnäbel, die schon von Anfang an fast alles richtig machen. Gerade mal 22 Jahre alt und shuffelt bereits locker bei den Hyperdub-Größen mit. Erfreulich: Statt sich dem Zeitgeistdiktat heulsusiger Soulverblubberung zu unterwerfen, komprimiert er hier ganze Umlaufbahnen aus Bassmusic, Grime, House, Dubstep und was seine Sample-Bibliotheken sonst noch so hergeben, dass es eine wahre Freude ist.

SAMPLEMUSE
MARCEL FENGLER
Fokus
Ostgut Ton
Ein in jeder Ecke seines heimatlichen Bumsgewölbes feinjustiertes Universalwerk, dessen brachiale Momente genauso gut im Auge des Funktion-One-Gebläses funktionieren, wie sich die flächigen Teile prädestinieren, einen auf der Detoxschaukel in die Seligkeit zu streicheln. Aus der inneren Versenkung schwingen die Echos immer nur bis an die Grenzen des Berghain-Normativs und das ist vielleicht die einzige Schwäche, die man diesem nicht ohne Grund genauso titelnden Fokus machen kann: So intuitiv es sich in den eigenen Grenzen zurechtfindet, so sehr wünscht man sich manchmal den Klangkrieg gegen die Determinanten.

SVEN TANKWART  
IKONIKA
Aerotropolis
Hyperdub
In einer Welt, die jeden Tag ein bisschen beschissener zu werden scheint, und in der man sich eigentlich auf nichts mehr verlassen kann, ist es schon fast ein Wagnis, eine derartig gutgelaunte Platte zu machen, wie sie Ikonika uns hier vor den Latz knallt. Denn obwohl man ihr die noble Absicht unterstellen könnte, mit ihrem lupenrein eingängigen Elektrobasspop die Welt für wenigstens 50 Minuten zu einem besseren Ort zu machen, kann man ihr natürlich auch mit einer Baggerladung Zynismus begegnen und ihr „Lass mich in Ruhe mit deinem Glück!“ entgegenschnauzen. Wovon bei allem Existenzialismus allerdings abzuraten ist, denn sich die Freude von Aerotropolis zu verweigern wäre ziemlich dumm. Und das will ja keiner sein.

GERDA GÄNSEBLÜMCHEN
MIXHELL
Spaces
Boys Noize
Sepultura-Schlagzeuger Igor Cavalera veröffentlicht ein Electroclash-Album auf Boys Noize. Diese Konstellation wirkt auf den ersten Blick, als hätte einer dieser schmierigen Enddreißiger, die am Wochenende in den dunklen Ecken von Alternative-Rock-Schuppen darauf warten, willenlose Elftklässlerinnen abzuschleppen, auf dem Heimweg eine Wunschfee getroffen und ihr seine restlichen K.O.-Tropfen verabreicht. Am nächsten Morgen sind alle Beteiligten aus verschiedenen Gründen peinlich berührt, aber die Ereignisse lassen sich nicht mehr ungeschehen machen. Freuen wir uns also einfach, dass der größte anzunehmende Unfall ausgeblieben ist und niemand aus dieser Liaison weitere bleibende Schäden davontragen wird.

TOTO KING TARZAN
ZOMBY
With Love
4AD
Ganz klar, die hypermoderne Welt mit dem Internet, Datenclouds, USB-Furzkissen und was weiß ich frisst unsere kognitive Fähigkeiten und zerebralen Strukturen. Stichwort: Aufmerksamkeitsökonomie. Die elektronische Musik passt sich da an verschiedene kognitions­psychologische Modelle an. Im House-Bereich geht man davon aus, dass ein durchschnittliches jugendliches Hirn so funktioniert wie das eines Goldfisches (sobald man sich einmal um die eigene Achse gedreht hat, erscheint einem alles wieder wie neu). Sechs bis zwölfminütige Abfolgen des immergleichen Loops sind hier keine Seltenheit! Zomby wiederum vertraut der These, dass eine Informationseinheit heutzutage entweder in 160 Zeichen oder kleinteiligen Soundfragmenten formuliert sein muss, um den Rezipienten nicht zu überfordern, und entleert somit die selbstverständlich manche Datenpreziose enthaltenden Skizzenordner der letzten Monate auf gleich zwei CDs. Macht eine Spielzeit von 80 Minuten. Hmm … vielleicht ist sein Ansatz doch noch nicht ganz ausgereift.

BLACK LOL SUN
PALMS
s/t
Ipecac
Drei Typen von Isis und Chino Moreno? Da eröffnet sich ja ein ganzes Himmelszelt an Win-win-Fantasmen. Deftones bereinigt von der letzten Bremsspur hartwurstiger New-Metal-Tiefflüge und Isis mit einer vernünftigen Stimme. In Wahrheit ist es sogar noch mehr als ein best of both worlds. Es ist so, als würde man einer neuen Weltwerdung zuhören. Und am ersten Tag schufen sie die Abwesenheit von Scheiße, die Aufhebung der Laut-leise-Methode, den schwersten aller Glücksklänge und nannten das Ganze ihr erstes Album. Am zweiten Tag vernaschten sie wahrscheinlich erst mal ein paar fette Blunts und über das, was danach kommt, muss man sich wahrscheinlich echt keine Sorgen machen.

POLOF ALME
POWER TRIP
Manifest Decimation
Southern Lord
Das, was einem in den letzten Jahren so als Thrash-Revival serviert wurde, war ja im Großen und Ganzen so eine Art Fips-Asmussen-Revue mit Gitarren. Mit Power Trip betreten nun endlich ein paar Typen das Parkett, die über ausreichend Stirnrunzeln, Oberarmumfang und kristalline Schweißverhärtungen in den Muscleshirts verfügen, um dem Genre endlich eine späte Reparation einzubläuen. Auf Manifest Decimation wird wenig falsch gemacht, bis auf den harten Anschlag des Reverb-Föhns vielleicht, der die Spitzen dieses Sounds von noch akzeptabler Über-Authentizität immer wieder ins Karikaturenhafte ausschlagen lässt. Davon abgesehen werden hiermit aber sämtliche erreichbare Zähne ausgeschlagen.

CRO MAX
INTEGRITY
Suicide Black Snake
A389
Dwid Hellion in seiner Funktion als das Gravitätszentrum der Ruchlosigkeit, hat ja in den 20+ Jahren der Geschichte Integritys so ziemlich alles absorbiert, was an Lakaienmaterial seinen Pfad kreuzte. Einzig die Dienste Robert Orrs zirkelten sich so perfekt in die Umlaufbahn des brummigen Meisters, dass die Rotation seines Trabanten seit nunmehr fünf Jahren nichts zu stören vermag und sie hier mit gemeinsamen Kräften einen weiteren schwarzlöchrigen, dickbrockigen Kometenhagel in den luftleeren Raum pupen. Der etwas holprige Sound der neuen Hymnen ergibt sich bei der Overdub-Orgie wohl von selbst, dafür lässt Hellion den bislang vielleicht heisersten Blutstaub aus seiner Kehle sprühen. Und wer achtet überhaupt auf Virtuosität, wenn die Hadespforten quietschen?

DUSTY ANGEL
DEAFHEAVEN
Sunbather
Deathwish
Akzeptieren wir die Fakten. Black Metal hat sich von der Geburtszange des Teufels, also vom Internet, aus seiner räudigen Nische entbinden lassen. Jetzt ist es in der Welt und jeder darf Mal drüber rutschen, Umweltschützer, Hipster und irgendwelche Schluffis, die das einstmalige ästhetisch-habituelle Normativ mit Filzlatschen treten. Die Hauptfiguren dieser Band beispielsweise sporten entweder Nickelbrille und das über lange Zeit im Osten dieser Republik sehr populäre Rattenschwänzchen oder betreiben live pfauenhaftes Vollspackogetue. Es ist durchaus schwer, in der Delivery noch mehr zu versagen, aber dafür ist Sunbather eine der stärksten musikalischen Leistungen, die aus den zerfleddernden Anrainergebieten des Black Metal bislang zu hören war. In seiner feinstofflichen Textur und seiner Stimmungstiefe sogar so eigen, dass es auf das bisschen Gekrächze und Blastbeatgepolter gleich ganz verzichten könnte.

COUNT KRIECHTNACKT
MOOD RINGS
VPI Harmony
Mexican Summer
Mood Rings haben sich in den zwei Jahren zwischen diesem ersten Album und der Debüt-EP „Sweater Weather Forever“ noch tiefer in ihrem eigenen Sound verloren. „VPI Harmony“ klingt zugewuchert wie Unterholz, das stellenweise wirkt, als sei es seit mindestens 20 Jahren nicht mehr betreten worden­—klammerndes Gesträuch und Gestrüpp, aus dem nun Melodien aufgescheucht werden und wie Irrlichter durch die Dunkelheit tanzen. Es ist leicht, den Reizen dieses bezaubernden Blendwerks zu erliegen, sich tiefer in das Dickicht zu verwirren, trotz der Ahnung, dass die Schatten dort immer tiefer werden und dass sich in diesen Schatten Gespenster und Untote verstecken.

KEVIN SCHIELT
 
TY SEGALL
Sleeper
Drag City/Rough Trade
Als Ty Segall letztes Jahr sage und schreibe drei hervorragende Longplayer veröffentlichte, war ich am Ende wirklich empört. Wie zur Hölle macht der Typ das? Als ich dann noch erfuhr, dass er erst 25 ist, in Kalifornien lebt und eine hübsche Freundin hat, mithin also sämtliche meiner sorgfältig geplanten Lebensziele quasi im Vorbeigehen erfüllt hatte, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, wollte ich mich umgehend mit einer Schrotflinte in einen Reisebus nach San Francisco setzen, um die gottgegebene Ungerechtigkeit der Welt eigenhändig zu korrigieren. Leider fehlte mir dann das Geld für die Fahrkarte. Dafür lag heute schon wieder ein neues Album von ihm in meinem Briefkasten. Es heißt Sleeper und ist sehr gut. Herzlichen Glückwunsch, Penner.

LANG HOOSE
PORCELAIN RAFT
Permanent Signal
Secretly Canadian/Cargo Records
Erinnert sich noch jemand an die Loveninjas? Das war eine gnadenlos langweilige, schmalzig-poppige, schwedische Mädchenmusikband Mitte der 00er, die laut Wikipedia seit Anfang 2008 zumindest den Anstand besitzen, weder Konzerte zu spielen noch neue Songs unter das wehrlose Volk zu mischen. Porcelain Raft hingegen klingen genauso, machen aber einfach immer weiter. Nasal-weibliche Herrenstimme trifft repetitive Akkorde und ewiges Lamentieren über die ach so großen Gefühle. Will man da vielleicht noch mal achtzehn sein? Nein, lieber nicht.

BEN THERE
 
DAUGHN GIBSON
Me Moan
Sub Pop
Gibson stellt seinen Vokalbass hier so brutal aus, dass einem die eigenen Assoziationsbäuerchen mal einen durchaus amüsierenden Gruftgeruch (Pete Steele), mal säuerliche Übelkeit (Scott Stapp) und mal fassungsloses Kotzbedürfnis bescheren (der Vogel von den Crash Test Dummies). Er tut sich mit der Überbetonung dessen, was er für den Sound eines coolen Country-Dudes hält, nur selten einen Gefallen, lenkt es doch zu sehr davon ab, dass er da im Hintergrund ein paar Instrumentals laufen lässt, die einem im Jetzt angekommenen Country-Dude echt schwelltauglich die tief hängenden Eier streicheln könnten.

NELSON’S WILLIE
CASE STUDIES
This Is Another Life
Sacred Bones
Zeitlupenwalzer, Bordeauxschwenkerpoesie und Bartresengejaule. Ein Konzept, mit dem sich eine Band wie The National in die Herzen von Millionen Feierabendmelancholikern genervt hat. Ging das erste Album der Case Studies noch irgendwie in Ordnung, schaffen sie es nun auf dem zweiten mühelos, sich bis auf eine Kippenlänge (mit Mundstück) an das große Vorbild ranzuwanzen, die Rüschenblusengirls mit jeder Menge Tumblr-Bonmots sowie die Indie-Bohemians mit angeschmalztem Mixtape-Material zu versorgen und insgesamt neue Standards in puncto Seichtness in Songform zu setzen. Immerhin: Kein Neo-Folk.

DANDY DULFER
 
HANNI EL KHATIB
Head in the Dirt
IL/Vertigo/Universal
Hanni El Khatib sagt über seine Musik, sie würde sich in erster Linie an Leute richten, die schon mal angeschossen oder von einem Zug überfahren wurden. Das schränkt den Adressatenkreis natürlich etwas ein, könnte aber zugleich der Grund sein, weshalb Khatibs auf Erfolg gebürstete Rocksongs bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, mich kurz auf den Weg zum Hauptbahnhof zu machen und vor den nächsten Regionalexpress zu schmeißen, aber dann habe ich irgendwie doch lieber die Platte ausgemacht und mir bei YouTube ein paar Folgen Saber Rider and the Star Sheriffs angeschaut.

APRIL EAGLE
MÚM
Smilewound
Morr Music
Bisher habe ich jedes neue Album von MÚM gehört, für gut befunden und in meinen Plattenschrank gestellt. Und dort habe ich es dann stehen lassen. Wenn es im Gegensatz zu diesen Alben auf Smilewound nun tatsächlich ein Stück geben sollte, das zwischen der ganzen herzzerreißend niedlichen Zauberhaftigkeit auch mal einen ordentlich penetranten Haken ins Gedächtnis schlagen kann, dann ist dies mit Sicherheit nicht „Whistle“, die arg lahmende Kooperation mit Kylie Minogue im Ausklang des Albums. Wahrscheinlicher dürfte so ein Höhepunkt, an dem man den Rücken der Platte auch noch in ein paar Jahren erkennen kann, zwischen dem rhythmischen Atari-Quietscher „Candlestick“, dem ungeniert pompös angestrichenen „One Smile“ und dem melancholisch veredelten „The Colourful Stabwound“ hängen. Kann natürlich aber auch sein, dass es wieder nichts wird mit der Ewigkeit.

JASON ZAGHAFT
JULIANNA BARWICK
Nepenthe
Dead Oceans
Ihr werdet wieder von Geysiren lesen, die leise flüstern, von Feenmagie und von Vulkanen, von Gletschern, die in der Mitternachtssonne…-es ist wieder an der Zeit, für solche Arschwinde aus dem Lokus der Unterhaltungsindustrie, die wirklich nur noch Ideen ausscheißt, die schon vor dem Abseilen verfault waren. Und als wären die neuen Alben von Sigur Rós und Múm nicht genug, um sämtliche Klischeeschleudern auf sich zu richten, soll nun auch der Sound von Julianna Barwick bombardiert werden. Das wirklich Schlimme ist all diese Handlampen, die schlampig solche Hirnfurze in Schablonen pressen, glauben ja ehrlich, es gut mit so einem Album zu meinen. Die Barwick hat sich, erklärtes Fangirl, natürlich ein Stück weit auch auf dieses Risiko eingelassen, als sie nach Island reiste, um dort mit Alex Somers im Sigur-Rós-Studio ihr zweites Album aufzunehmen, auf dem sich dann auch noch Leute von Amiina und Múm ein Stelldichein geben. Die Essenz dieser Komponenten ist jedoch eine Musik solch überirdisch entrückter Sphären, dass selbst kilometerhoch in den Äther gespuckte Island-Klischees hierhin nicht mehr vordringen können.

BUSTER CLOUD
GRANT HART
The Argument
Domino
Den Grund, dass Grant Hart einfach nicht unter dieselbe Schuhsohle passt wie David Bowie und Madonna, argumentiert der gute Mann mit seinem aktuellen Album erneut höchst selbst und ganz vortrefflich. Nicht für eine oberflächliche Frischzellenkur an den Zeitgeist herangewanzt, sondern vielmehr der Mode völlig entrückt, balanciert Hart auf mit ergreifenden geilen Hooks völlig faltenfrei straff gespannten Songs über Stilepochen hinweg. Und Bob, you eat your heart out!

NONO MOLD
JULIA HOLTER
Loud City Song
Domino
Julia Holter ist eine Vertreterin der Spezies, die man im Volksmund gerne „verzauberte Marie“ nennt. Vermutlich kann sie Farben schmecken, mit Eulen kommunizieren und selbstgetöpferte Dessertschälchen aufwändig mit Acrylfarbe verzieren. Dass ihre Musik entsprechend entrückt von jeglicher Geradlinigkeit ist, verwundert daher nicht wirklich. Du musst dich mit diesem Habitus identifizieren können, um sie verstehen und genießen zu können, andernfalls wirst du geneigt sein, verständnislos und/oder mit dem Kopf zu schütteln und alles, was verzauberte Marien ausmacht, zum x-ten Mal zu verfluchen.

DIRK BJÖRK
ALMUT KLOTZ & REVEREND DABELER
Lass die Lady rein
Staatsakt/RTD
An Klotz & Dabeler sind zwei Tatort-Kommissare verloren gegangen. Zumindest physiognomisch dürften die beiden den feuchten Traum eines jeden öffentlich-rechtlichen Drehbuchschreibers abgeben: Er ein desillusionierter Babyboomer mit zurückgegelten Haaren, Alkoholproblem und schlechtem Aggressionsmanagement, sie alleinerziehende Mutter mit feinem kriminologischen Spürsinn, latent betroffen von der Ungerechtigkeit der Welt, aber irgendwie auch abgehärtet durch die Tücken des rauen Leben in einer mitteldeutschen Kleinstadt. Man kann kaum erwarten, welche spannenden Abenteuer die beiden in Zukunft erleben werden! Ach ja, auch die Musik bewegt sich in etwa auf dem Niveau gebührenfinanzierter Sonntagabendunterhaltung: Etwas anspruchsvoller als die Konkurrenz, aber nicht so sehr, dass es wehtut.

GUIDO KNOPF

Mehr aus der Ausgabe:

Wie tötet man die Riesenkatzen in Australien? Natürlich mit Riesenhunden!

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