Neulich wurden wir von einem Surfklamottenhersteller gefragt, ob wir nicht nach Südfrankreich fahren und uns ein bisschen in die Sonne legen wollen. Wir sagten schneller zu als ein französischer Sozialistenführer seine Hose öffnen kann.
Im Kleingedruckten stand noch, dass wir ein Interview mit einer Band zu führen hätten. Aber, so dachten wir, wie schlimm kann das schon werden? Selbst wenn sie uns Björk oder die Editors vorgesetzt hätten, wäre unsere Geduld weit genug gewesen, die Qual in Erwartung der anschließenden atlantischen Verheißungen anstandslos zu ertragen. Ok, bei Björk hätten wir wahrscheinlich echt die Zähne zusammen beißen müssen. Aber glücklicherweise hatten wir es mit Is Tropical, drei jungen Männern aus London zu tun, die ihren modernistischen, im Referenzspektrum von New Order bis The Jesus And Mary Chain herumwildernden Elektropop bei Kitsuné verlegen. Auch sie wurden mit ähnlichen Versprechen angelockt. Bei ihnen stand im Kleingedruckten, dass sie ein paar T-Shirts designen und bei einem lauen Abendlüftchen ihre Songs in die Weite des Meeres spielen sollen. Auch sie mussten nicht lange überlegen.
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VICE: Hey, wie geht’s euch?
Gary: Gut. Wir hatten eine Menge gutes Essen. Meeresfrüchte. Und diesen Fisch, der mit Schnecken gefüllt war.
Dom: Es ist ein interessanter Moment, wenn du dich im Meer von den Wellen mitreißen lässt und dich, auf einen Felsen zutreibend, daran erinnerst, dass du gerade dieses riesige Steak gegessen hast.
Deswegen sollst du ja auch nach dem Essen 30 Minuten warten, bis du ins Wasser gehst.
Dom: Ach komm, das ist doch spießig.
Könnt ihr denn surfen?
Gary: Wir waren früher mal surfen. Als wir noch jung waren, haha.
Simon: Eher Skateboard. Ich bin einige Jahre gefahren.
Was dachtet ihr denn, als plötzlich Billabong vor eurer Tür stand und etwas mit euch machen wollte?
Simon: Das war schon cool, wir mochten die Idee. Wir haben uns vor der Band schon viel mit Design und Kunst beschäftigt, insofern passte das ganz gut zusammen. Wir haben damals auch viel Musik durch Surf- und Skatevideos entdeckt. Du weißt schon, wenn du aufwächst und Videos von deinem Lieblingsfahrer siehst und dich dann fragst, was ist das eigentlich für ein geiler Song? Wir wissen das zu schätzen, dass Musik in der Szene eine so große Rolle spielt.
Gary: Außerdem ist es ja so: Wenn du ein Design anfertigst, kannst du es dir oft nicht leisten, es zu drucken. Also sammelt sich das Zeug auf deinem Rechner. Wenn dann jemand kommt, der es dir ermöglicht, tausende Abzüge von einem deiner Entwürfe zu machen und das Zeug unter die Leute zu bringen, dann ist das doch großartig.
Ihr habt alle irgendeine Kunst-Vergangenheit, richtig?
Gary: Wir haben uns in einem Keller in London kennen gelernt. Simon lebte in einem Squat und wir trafen uns dann immer dort im Keller, um Musik zu machen. Ursprünglich kannten wir uns aber schon von der Schule.
Simon: Wir haben das Squat in eine Galerie umgewandelt. Es war eins von diesen alten Häusern mit vier Stockwerken. Alle, die darin wohnten, zogen in die oberen beiden Stockwerke und der Rest wurde ausgeräumt, weiß gestrichen und wurde dann für Ausstellungen benutzt. Wir haben da auch regelmäßig Parties veranstaltet.
Ok, ihr seid also Musiker, ihr beschäftigt euch mit Grafikdesign …
Dom: Ich würde jetzt nicht unbedingt Grafikdesign sagen, wir gestalten unsere Albumartworks und T-Shirts. Grafikdesign ist da irreführend. Es klingt ja auch Scheiße, oder?
Simon: Wir haben es oft erlebt, dass wir eine Show spielen sollten und dann sahen, mit welchen Postern diese Shows promoted wurden. Die waren teilweise echt schrecklich. Deswegen versuchen wir, so viele Gigposter wie möglich selber zu gestalten. Die meisten Veranstalter machen sich ja auch nicht die Mühe, eigene Artworks für ihre Shows anzufertigen. Was wirklich schade ist.
Gary: Ja, sie suchen sich fünf Minuten vorher irgendwelche Cliparts aus dem Internet raus und schreiben den Bandnamen drunter. Unglaublich.
Würdet ihr generell sagen, dass euch der DIY-Gedanke wichtig ist?
Gary: Ja, vor allem, als es mit der Band losging. Wir hatten ja überhaupt keinen Support von einem Label oder ähnliches. Wir haben alles selbst gemacht. Das Merchandise, wir haben selber Shows veranstaltet und unsere befreundeten Bands eingeladen. Wir wollten selber eine kleine Szene aufbauen, anstatt selber irgendwo aufzuspringen.
Gibt es dieses besetzte Haus noch?
Gary: Nein, der Besitzer kam mit einem Ultimatum und wir mussten alle raus. Es wurden dort Wohnungen eingerichtet. Wir sind in das Haus eines Freundes von uns gezogen. Er designt Schmuck. Bis vor kurzem kannte ihn niemand, jetzt produziert er Schmuck für Beyoncé und Florence the Machine und solche Leute. Davon abgesehen verändert sich die Squat-Szene gerade sehr in London.
Wie denkt ihr denn über die Riots vor einigen Wochen? Handelt es sich bei der Sache um Auswüchse von Amoralität, wie es die Regierung gern darstellt, oder sind es durch das soziale Gefälle bedingte Wutsymptome?
Gary: Das eine bedingt das andere.
Dom: Es ist weniger Amoralität als die Tatsache, dass den Leuten alles egal ist.
Simon: Es ist so, dass dir eingetrichtert wird, dass du hart arbeiten musst, wenn du es einmal gut haben willst. Und die Kids in der Unterschicht sehen heute ihre Eltern, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet haben, ohne dass es sich für sie irgendwie ausgezahlt hätte. Die einzigen Leute, die in ihren Vierteln Geld verdienen, sind Drogenhändler. Dazu kommt, dass die konservative Regierung die Subventionierungen für Jugendzentren streicht. Du musst viel höhere Studiengebühren zahlen, die Kids haben also auch nicht mehr die Ambition, auf die Uni zu gehen. Das führt dazu, dass ihnen einfach scheißegal geworden ist, was aus ihrem Leben wird. Und selbst wenn sie in den Knast gehen, scheint das kein großes Unglück zu sein.
Gary: Aber viele Sachen, die da passiert sind, waren so unglaublich geistlos. Dieser kleine Kerl, dem jemand zu helfen schien, damit ihm ein anderer das iPad klauen konnte … unfassbar.
Simon: Es gibt schon viele politisch motivierte Leute in London. Mein Mitbewohner behauptet gern von sich, er gehöre zum schwarzen Block, dabei hat er nur eine Menge schwarzer Klamotten. Jedenfalls läuft er bei Protesten gegen die BNP (British National Party) mit. Aber als die Riots passierten, hielten sich die meisten so genannten Anarchisten raus. Einfach weil es eine andere Art des Protestes war. Als es die Proteste wegen der Studiengebühren gab, zog das auch die Anarchisten an. Aber das hier war eine ganz andere Geschichte.
Wenn ihr mit eurem Juwelierfreund jetzt so gute Verbindungen in die Popwelt habt, können wir dann demnächst einen Remix für Beyoncé von euch erwarten?
Dom: Das ist eine echt gute Idee.
Gary: Ich glaube, so gut kennt er sie noch nicht. Aber er hing wohl neulich mit Snoop Dogg rum.
Simon: Aber davon abgesehen haben wir in letzter Zeit ein paar Remixes gemacht. Es ist schon ein Unterschied dazu, selber Musik zu schreiben. Manchmal ist es auch frustrierend, vor allem, wenn du dann einen guten Riff hörst und denkst, dass du den auch gern für deine eigene Band hättest. Aber wir würden auf alle Fälle gern weiter in die Pop-Richtung gehen.
Dom: Ich würde gern ein paar Beats für GZA basteln. Das ist mein Lebensziel. (Gelächter)
Wer macht denn eurer Meinung nach zurzeit die beste Popmusik?
Dom: Wir mögen Cults, sie machen dieses 60ies-Phil Spector-Ding. Ich finde, Popmusik sollte mehr in die Richtung gehen. Einfach richtig gutes Songwriting.
Simon: Lady Gaga macht sie alle fertig. Vor allem weiß sie, wie man richtig klaut. Wenn du einen ihrer Songs hörst, denkst du …
Gary: Das ist eine Kiss-Melodie.
Simon: Und ihr neuer Song ist …
Gary: Madonna.
Simon: Nein, der neue ist ein Kelly Clarkson-Song. Der letzte war Madonna. Aber sie macht das wahnsinnig gut.
Gary: Aber „Bad Romance“ ist „I was Made for Loving You“ von Kiss, denk mal dran, wenn du es hörst. (singt die Vocalharmonie)
Ihr seid gerade in Frankreich, ihr releast auf einem französischen Label. Kann man euch eine frankophile Band nennen?
Dom: Naja, Kitsuné ist zwar ein französisches Label, sie arbeiten und klingen aber sehr international. Wir wollten mit ihnen arbeiten, weil wir das Album nicht nur in Großbritannien rausbringen wollten. Wenn es dort nicht gelaufen wäre, hätte man Schwierigkeiten gehabt, es in anderen Ländern zu versuchen. Aber so konnten wir in den USA spielen, wir waren in Skandinavien, wir waren in Japan.
Simon: Wir sind auch nicht die Art von Band, die mit einer Union Jack-Gitarre rumläuft, weißt du, was ich meine? Wir wollen nicht allzu englisch rüberkommen. Es gibt so viele Bands, die versuchen, einen Vorteil daraus zu ziehen, dass sie aus England kommen. Wir wollen kein weiterer Oasis-Klon sein. Touren in Frankreich ist außerdem viel besser. In England zu touren ist die Hölle. Du kriegst vielleicht fünf warme Flaschen Bier und das wars, es gibt keinen Backstage und so weiter.
Kitsuné hat mittlerweile einen unverkennbaren Labelsound entwickelt. Im Prinzip ist „Kitsuné-Band“ schon so etwas wie ein eigenes Genre. Seht ihr euch in der Hinsicht als Kitsuné-Band?
Simon: Ich sehe das gar nicht so. Two Door Cinema Club klingen sehr anders als die anderen Bands auf dem Label.
Dom: Shiny Euro-Pop, das ist es doch, was du meinst, oder?
Gary: Ich finde schon, dass wir eine Kitsuné-Band sind. Andererseits ist es uns schon wichtig, dass sich die Leute erstmal unsere Musik anhören, bevor sie sich ein Urteil bilden. Wir gehen ja stilistisch auch in verschiedene Richtungen. Ein Teil von uns passt ganz sicher gut zu Kitsuné. Aber eine andere Seite von uns ist nicht ganz so glatt und aufpoliert wie du es von einer Kitsuné-Band erwarten würdest.
Viele Leute kennen euch wegen eurer Videos. Denkt ihr euch die Konzepte selber aus?
Gary: Das „South Pacific“-Video haben wir uns zusammen mit einem Freund ausgedacht. Es sollte an „Down By Law“ von Jim Jarmusch angelehnt sein. Es wurde dann doch ein bisschen anders, aber das war die Grundidee.
Simon: Und dann trafen wir Megaforce, die das „Greeks“-Video für uns gemacht haben. Wir schickten ihnen ein paar Ideen, sie drehten ein paar Szenen und wir dachten: Wahnsinn, das muss unser neues Video werden. Das Problem hinterher war nur: Die Leute schauten sich das Video an, achteten aber kaum auf den Song.
Dom: Der Song ist auch kaum zu hören, die Soundeffekte sind viel lauter.
Simon: Das ist genau wie mit dieser Band OK GO. Jeder kennt ihre Videos, aber an die Songs kann sich niemand erinnern.
Gary: Aber immerhin kommen sie jetzt auf unsere Konzerte, weil sie Maschinengewehrfeuer erwarten, haha. Vielleicht sollten wir das auf die Sampler legen.
Wusstet ihr eigentlich, dass es ein paar hundert Kilometer von hier entfernt vor ein paar Tagen einen Unfall in einem Atomkraftwerk gab?
Gary: Ach echt? Ist auch Radioaktivität ausgetreten? Ist jemand gestorben?
Ja, Mitarbeiter des Kraftwerks.
Gary: Sie hatten uns damals nach Japan auf ein Festival eingeladen, gerade nach den Erdbeben. Viele der anderen Bands, die spielen sollten, sagten ab und wir sagten: Scheiß drauf, lasst uns fahren.
Dom: Die japanischen Kids waren echt süß, sie bedankten sich tausendmal, dass wir gekommen sind. Es gab jeden Tag Nachbeben und in Tokio gab es nur eingeschränkte Stromversorgung, weil sie Energie sparen mussten.
Gary: Wir wurden dort schon mal eingeladen und dann sagte der Headliner ab. Das waren Placebo. Der Sänger hatte wohl eine Infektion, weil er irgendwas, du weißt schon, geschluckt haben soll, haha. Beim zweiten Mal war es dann so, dass sie sagten, wir können total gut verstehen, wenn ihr absagt, aber wir haben es durchgezogen.
Dom: Wer würde denn auch schon einen Trip nach Japan absagen? Also ehrlich. Selbst wenn dort wild gewordene Polarbären rumrennen, wäre das kein Grund abzusagen.
Is Tropicals Native To ist bei Kitsuné erschienen.
An alle Mädchen: Wir verlosen vier der Is Tropical for Billabong-Tees (2x weiß, 2x grau). Wenn ihr gewinnen wollt, schickt eine Mail mit dem Betreff „Is Tropical“ eurer Adresse und Größe an win@viceland.de
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