Da sind Titten hinter dem Vorhang

Die Leute von VICE waren so freundlich und ließen mich ein über ein eher merkwürdiges Thema schreiben, das ihr mehr oder weniger seriös oder interessant finden werdet: übersinnliche Phänomene. So weit ich das beurteilen kann, gibt es keinen besseren Ausgangspunkt als eine aktuelle Studie, die die Populär-Psychologie herausgefordert hat, da sie mit allgemein anerkannten Untersuchungspraktiken eine allgemein abgelehnte Theorien zu übersinnlichen Fähigkeiten versucht zu beweisen. (Bitte denkt jetzt nicht, dass ich verrückt bin.)

Im Jahr 2002 begann der Psychologe Daryl Bem eine Reihe von Tests durchzuführen.

Seine Methoden waren simpel und gleichzeitig irgendwie elegant. Bewährte psychologische Prinzipien wurden untersucht. Standardmethoden wurden verwendet. Nur rückwärts. Das war der Unterschied. Bem war hinter dem heiligen Gral der kognitiven Kuriositäten her—Vorahnung, das übersinnliche Wissen von zukünftigen Ereignissen.

„Das untergräbt unser Verständnis der Welt stärker als Telepathie“, erklärte Bem mir. „Wir kennen viele ähnliche Phänomene, bei denen Informationen unsichtbar durch den Raum transportiert werden. Aber wir kennen keinerlei ähnliche Phänomene, in denen Informationen rückwärts durch die Zeit reisen.“ Einfach gesagt, versuchte Bem die Reihenfolge von Ursache und Wirkung umzukehren und so unglaublich es auch klingen mag, funktionierten acht seiner neun Experimente.

Eine seiner interessantesten Übungen lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

Zwei Vorhänge erscheinen auf einem Computerbildschirm. Hinter einem davon, wird der Testperson erzählt, verbirgt sich ein Bild. Hinter dem anderen ist nichts. Das ist eine Lüge. Hinter keinem der Vorhänge befindet sich ein Bild. Nicht bis die Testperson eine Auswahl trifft und ein Zufallsgenerator in Gang gesetzt wird. Die Maschine wählt zufällig ein Bild aus zwei Kategorien aus—einer neutralen Kategorie (Segelboote und Berge und lächelnde Achtzigjährige) und einer mit Hardcore-Erotik (Fotos von Männern und Frauen, die es draußen auf grasbewachsenen Hügeln treiben)—und dann wird zufällig entschieden, hinter welchen Vorhang es gezeigt werden soll.


Unglücklicherweise kamen die Bilder von Bems Test aus einer Datenbank für psychologische Experimente, die nicht veröffentlicht werden darf, aber er sagte uns, das oben sei ein ziemlich gutes Beispiel für das, was seinen Testpersonen gezeigt wurde.

Bems Hypothese war, dass die Lust, die beim Anschauen von Pornografie in der Zukunft erzeugt wird, zurück in die Vergangenheit reisen könne, um die Gegenwart zu beeinflussen. Da das alles auf Zufall beruht, müssten die Beteiligten, wenn sie überhaupt ein Bild treffen, alle eine perfekte Aufteilung zwischen Schweinkram und sauberen Bildern erzielen, genau wie beim Werfen einer Münze. Aber das war nicht der Fall. Unter 100 Tests und insgesamt 3600 Versuchen, wählten die Testpersonen zu 49,8% der Zeit neutrale Bilder aus—genau im Rahmen der statistischen Wahrscheinlichkeit—und Pornografie zu 53,1%. Ein kleiner, aber „statistisch signifikanter“ Effekt.

Sieben andere Tests erzielten ähnlich kleine, aber signifikante Abweichungen. Nach dieser achtjährigen Studie und neun Testreihen kalkulierte Bem die Wahrscheinlichkeit seiner Ergebnisse gegenüber der statistischen Wahrscheinlichkeit des Zufalls mit 74 Milliarden zu eins. Er reichte seine Ergebnisse in Form eines Aufsatzes mit dem Namen Feeling the Future beim Journal of Personality and Social Psychology (JPSP), einer anerkannten Psychologiezeitschrift, ein und er wurde akzeptiert.

Dann fing es an, seltsam zu werden. Es war, als wäre eine Bombe hochgegangen. Bem, ein emeritierter Professor von der Cornell University und so etwas wie ein Häuptling unter den Psychologen (er hat eine revolutionäre Theorie über Selbstwahrnehmung veröffentlicht) missachtete ein wissenschaftliches Tabu: das Übersinnliche = Schwachsinn.

Es folgte erkenntnistheoretischer Krawall.

Die New York Times war besonders brutal in ihrer Berichterstattung, indem sie eine, wie der Psychologe Steve Volk sie nannte, „Reihe mörderischer Skeptiker“ aufführte, die Bems Ergebnisse anzweifelten und dann die Zeitschrift für die Veröffentlichung des Berichts mies machten. Auch wenn Charles Judd, der Chefherausgeber von JPSP, erklärte, dass vier Fachleute—„sehr vertrauenswürdige Personen“—und zwei Redakteure des Magazins sie überprüft hätten. Judds Einwand traf auf taube Ohren.

Bem zog sich erstmal zurück. Er widerlegte einige der Einwände. Die meisten versuchten, Löcher in seiner Methodik aufzudecken, andere bezichtigten ihn einfach der Täuschung. Ein besonders schwerer (und immer noch vorgetragener) Einwand zweifelte seine statistische Herangehensweise an, aber bisher hat er sie alle in Schach gehalten.

Es ist schwer zu verstehen, warum so viele seine Arbeiten angriffen und andere sie einfach pauschal als Blödsinn abtaten, immerhin hat ein hoch angesehenes, seriöses Wissenschaftsmagazin auch keine Fehler gefunden. Als ich mit Bem sprach, fragte ich ihn, warum er seine Experimente so simpel und einfach aufgebaut hat—nur eine Testperson und ein Computerbildschirm (andere Psi-Tests beinhalteten, Testpersonen unter Wasser zu tauchen und ihnen halbe Tischtennisbälle auf die Augen zu legen). Seine Antwort? „Weil ich in es ins JPSP schaffen wollte.“

Trotzdem blieben seine Psychologiekollegen sehr skeptisch. Ich fragte bei etwa 50 Psychologen und Lehrstühlen für Psychologie an den besten amerikanischen Universitäten nach, was sie von übernatürlichen Studien und speziell Bems Untersuchungen hielten. Von den 19 Antworten, die ich bekam, sagte niemand, dass er an übernatürliche Phänomene glaubt, und nur fünf glaubten an die gründliche Durchführung der Studie. Einige drückten ihr Unverständnis darüber aus, dass die Studie veröffentlich wurde. Einige waren davon abgeschreckt, dass ich die Studie überhaupt erwähnte. Ein Professor erklärte mir, „langfristig wird Bems Artikel wenig bis gar keine positiven Auswirkungen haben. Kurzfristig ist es eine Schande für die die einzelnen Psychologen und für die Psychologie im Allgemeinen.“

Bem verurteilt die anderen Psychologen nicht für ihre Zweifel. „Wenn es nur die neun Experimente in der Publikation wären, würde mich das vielleicht auch nicht überzeugen“, erzählt er mir. „Aber ich hab all das Hintergrundwissen und kenne die Fachliteratur.“

Bem ist sicherlich nicht der erste Psychologe, der übernatürliche—genannt „Psi“—Studien durchführt. Es gibt andere Professoren, die behaupten, eine ganze Menge Hinweise produziert und Psi-Phänomene bewiesen zu haben. So wurde Bem teilweise von den Arbeiten Dean Radins beeinflusst, einem Wissenschaftler, dessen Experimente darauf hindeuteten, dass Menschen gewisse Reize vorausahnen können, bevor sie diese tatsächlich erfahren. Andere Psi-Forscher behaupten, Beweise für die Existenz von ähnlichen Phänomenen gefunden zu haben, zum Beispiel in Träumen, bei Werfen von Münzen und bei Ereignissen, die ein „Gruppenbewusstsein“ involvieren, beispielsweise dem 11. September.

In den meisten Fällen werden diese Sachen nur von anderen Psi-Forschern und einer rivalisierenden Gruppe von Skeptikern gelesen, die Psi-Phänomene genauso leidenschaftlich versuchen zu entlarven, wie die Forscher sie versuchen zu untermauern. Es ist eine merkwürdige Nische der Wissenschaftswelt. Beide Seiten, die Skeptiker ebenso wie die Forscher, behaupten, die Wissenschaft auf ihrer Seite zu haben und können sich dennoch auf nichts einigen.

Der Psychologe Harris Friedman, Co-Autor des Buches Debating Psychic Experience, kam dem am nächsten, was man eine unabhängige Instanz nennen könnte. Er versucht, beide Seiten zu verstehen.

„Es ist faszinierend“, erzählt er mir. „Menschen mit gutem Willen, gesundem Verstand und hoher Intelligenz sehen die gleichen Ergebnisse und ziehen völlig verschiedene Schlüsse aus ihnen. Und sie werden dabei richtig emotional.“

Also warum Emotionen? Ich rief bei dem Soziologen John Tresch von der Universität Pennsylvania an und wollte eine Erklärung. „Übernatürliche Fragen drehen sich um die Wissenschaft der Psyche“, sagt er. „Die Gründer der Psychologie waren sehr interessiert an Magnetismus, Hypnose, Zustände des Schlafwandelns und Hellseherei.“ Aber mit der Zeit sind die übernatürlichen Untersuchungen in den Untergrund verdrängt worden, weil sich das Feld der Psychologie von einer so genannten „weichen“ in eine „harte“ Wissenschaft wandelte und sich der Physik annäherte.

Und hier wird es witzig, denn bei der Erklärung des Unvorstellbaren wenden sich Bem und andere Psi-Forscher heute mehr und mehr den nicht-linearen Geheimnissen der Quantenphysik zu. In den 1970ern und 1980ern entdeckten Wissenschaftler, dass Quantenpartikel unmittelbare Verbindungen aufrecht erhalten können—sie „verhaken“ sich. Laborgenies können damit virtuose Konstruktionen von quantenmechanischen Verbindungen entwickeln, bei denen nicht-lokale Verbindungen zwischen Partikeln aufrecht erhalten werden, die Kilometer von einander entfernt sind. Wenn du eines anstößt, dann bewegen sich die anderen sofort mit, fast als ob sie außerhalb der Raum-Zeit miteinander verbunden sind.

Solche Entdeckungen rütteln die Psi-Forscher wach. Aber wie David Kaiser, Professor am MIT für die Geschichte der Physik und Autor des Buches How the Hippies saved Physics, erklärt, haben die Entwicklungen in der Quantenphysik seit den 1970ern es sehr schwierig gemacht, ihre Rätsel zu lösen. „Der Spielraum ist nicht gleich null“, sagt er, „aber er ist auch nicht groß und wurde in den letzten Jahrzehnten immer kleiner.“

Innerhalb der Quantenphysik, erklärt Kaiser, können Informationen nicht rückwärts durch die Zeit reisen. Bem räumt diesen Punkt ein, aber er sagt auch: „Die Geschichte der Wissenschaft ist voll mit Beispielen, in denen das Phänomen zuerst kam und die Erklärung später.“

Weder Bem noch seine Psi-Kollegen kennen die physikalischen Mechanismen, mit denen übernatürliche Phänomene funktionieren könnten. Also müssen sie ihre Resultate reproduzieren, um Glaubwürdigkeit zu erlangen. Bem führte jedes seine Experimente zweimal durch, um die Wiederholbarkeit seiner Ergebnisse zu zeigen, und es funktionierte wieder. Aber er machte sich angreifbar, indem er seinen Testaufbau veröffentlichte, so dass andere Wissenschaftler es auch versuchen könnten.

Bisher sind eine Handvoll Wiederholungen gescheitert. Ein Trio bekannter Skeptiker, unter ihnen der britische Psychologe Richard Wiseman, war für drei von ihnen verantwortlich. Ironischerweise führte Wiseman Mitte der 90er eine Metaanalyse von Ganzfeld-Experimenten durch (die mit den halben Tischtennisbällen auf den Augen und Körper, die unter Wasser gedrückt wurden). In den 1980ern publizierten Bem und ein Forscher namens Charles Honorton ihre eigene Metaanalyse dieser Tests und zeigten signifikante Effekte. Wiseman fand bei seiner Analyse keine, eine Nichtwiederholbarkeit (Bem streitet das ab).

Noch ironischer ist, dass sich Wiseman und ein Psi-Forscher namens Marilyn Schlitz 1997 zusammengetan haben, um etwas zu untersuchen, das man den Versuchsleitereffekt nennt. Grundsätzlich scheinen Psi-Enthusiasten positive und Zweifler negative Ergebnisse zu bekommen, was die These untermauern würde, dass die Ausrichtung des Versuchsleiters in den Verlauf des Experiments mit einfließt. 1997 einigten sich Wiseman und Schlitz darauf, identische Psi Tests mit dem gleichen Pool von Testpersonen durchzuführen. Der Skeptiker Wiseman fand keinerlei Effekte. Der Psi-Gläubige Schlitz schon. Als die beiden die Studie wiederholten, geschah genau das gleiche.

Was auch immer der Versuchsleitereffekt ist, er ist nicht auf die Parapsychologie beschränkt und niemand weiß genau, wie man ihn erklären kann.

Auch den „Absinkungseffekt“ konnte bisher niemand erklären. Als Wiseman und Schlitz den Test ein drittes Mal durchführten, erzielte keiner ein Ergebnis. Der Effekt verschwand. In vielen Fällen verschwinden einstmals positive Erfolge, je öfter man das Experiment wiederholt, was die Forschungen sowohl der Parapsychologie und der allgemeinen Psychologie, als auch ökologische und pharmazeutische Forschungsbereiche verunsichert. „Ich mache mir Sorgen um den Absinkungseffekt“, sagte Bem mir.

Trotzdem haben Bems Entdeckungen die Messlatte in Bereichen wie der Verhaltenspsychologie höher gelegt. Es ist ein merkwürdiges Spiel mit hohen Einsätzen. Wenn irgendwann abgerechnet wird und bewiesen wird, dass Psi-Phänomene nicht existieren, würde es auch etwas über die ganze Methodik und den statistischen Ansatz aussagen, den auch Bem von Anfang an benutzt hat.

Harri Friedmann drückte es in seinem Buch Debating Psi Experience folgendermaßen aus: „Diejenigen, die Bem und das Journal of Personality and Social Psychology für deren Gutachten und der Veröffentlichung angreifen, haben ein doppeltes Problem, denn die Methoden und die Ansätze, die er benutzt hat, sind in der Psychologie allgemein anerkannt und gebräuchlich. Wie können sie andere Entdeckung, die den gleichen Kriterien wie Bem folgen, als wissenschaftlich anerkennen und gleichzeitig Bems Entdeckungen als unwissenschaftlich abtun?“

Ich habe das mit Bem besprochen.

„Wenn Psi-Phänomene nicht existieren“, sagte ich, „und wenn Ihre Tests so gut durchgeführt wurden, wie Sie es getan haben, und sie auch bei anderen gegen deren Erwartungen die gleichen Ergebnissen hatten, dann muss Ihre Methode irgendwo einen Fehler aufweisen.“

„Ja“, sagte er. „Entweder das oder Psi-Phänomene existieren.“

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