Tocotronic hatten es irgendwie nie leicht mit uns. Vielleicht lag es daran, dass jeder in der Redaktion ihre Musik abartig scheiße findet und kein Gespür für die transzendentale und gefährliche Schönheit besitzt, die in ihr ihre Wurzeln geschlagen hat.
Ich habe da eher weniger Probleme mit dem musikalischen Ausdruck der Band, der die unbezähmbare zentrale Kraft des Universums entfesselt, als wäre sie von einem Magier heraufbeschworen worden. Deswegen habe ich sie beim Interviewmarathon zu ihrem neuen Album getroffen, um zu sehen, wie der Stand der Dinge zwischen uns und ihnen ist und wie die Sternbilder am Firmament die Zukunft kristallisieren oder so.
Videos by VICE
Vice: Ich habe etwas Angst, dass ihr mir eine reinhaut. Wir waren nie sehr freundlich zu eurer Band.
Jan: Keine Sorge. Ganz und gar nicht. Ihr seid eben eher grob. Das ist eben der Kapitalismus.
Ihr wart ja früher auch eher wütend, wie sieht es nun nach 16 Jahren Tocotronic aus? Seid ihr noch immer wütend?
Jan: Den Anlass wütend zu sein bietet diese Welt noch immer genug. Aber wir sind ja nun nicht die ganze Zeit wütend. Ich hoffe jedoch, dass sich das gewandelt hat. Es wäre schlimm, wenn man sich nach 16 Jahren noch immer über das Gleiche aufregen würde. Mit dem Alter nimmt auch die Fähigkeit zu reflektieren zu, aber trotzdem lässt die Wut nicht nach. Es ist auch wichtig, eine gewisse pubertäre Haltung zu bewahren.
OK, aber von dir habe ich gestern das Foto von den Chaostagen in Hannover gesehen. Was hat dich dahin verschlagen, du fällst etwas aus dem Bild.
Jan: Das war damals eine Schnapsidee. 1995 müsste das gewesen sein. Wir sind da einfach mit Thies, der auch bei Phantom Ghost und Bierbeben mitspielt, und Carsten von Superpunk hingefahren. Wir waren so eine sensationslüsterne Gaffertruppe, die einfach mal sehen wollte, was da los ist.
Euer Pressefoto sieht dafür sehr harmonisch aus, so wie ihr euch alle an den Händen haltet.
Jan: Die Idee war ja, dass alles sehr geschlossen aber dafür auch sehr verkrampft wirken soll.
Ihr sagt ja auch, dass ihr im Moment geschlossener und eingeschworener denn je seid. Also, schon mal daran gedacht, jemanden aus der Band umzubringen?
Jan: Nee. Eigentlich nicht. Natürlich gibt es Auseinandersetzungen, aber die wirklich anspruchsvolle Aufgabe ist es doch den Rock-Klischees in dieser Hinsicht zuwider zu arbeiten. Für uns hatte die Freundschaft zueinander immer einen hohen Stellenwert. Erst die Freundschaft, dann das Musikmachen. Man hat sich ja nicht über Anzeigen kennen gelernt. Das wäre ja auch alles nie passiert, wenn man sich persönlich nicht gut verstanden hätte. Außerdem labern wir viel zuviel miteinander, als dass da Hass aufkommen könnte.
Rick: Wir sind keine Band, die nicht miteinander kommuniziert, eine Band wie Metallica, die irgendjemanden braucht, der für die Kommunikation untereinander zuständig ist. Eigentlich reden wir viel mehr, als dass wir Musik machen.
Jan: Das Telefon ist ein beliebtes Kommunikationsmittel. Oder Fax, obwohl wir langsam zu E-Mail wechseln.
Apropos E-Mail. Vor Jahren hast du mal in einem Club aufgelegt und im Hintergrund lief eine DVD mit Mitschnitten deutscher Punkbands aus den Achtzigern. Dir war der Titel entfallen und du hast mir deine E-Mail gegeben, aber nie geantwortet. Ist das (natürlich veröffentlichen wir sie nicht, nur soviel, sie beinhaltet eine andere Band aus der gleichen Stadt und hört sich wahnsinnig ausgedacht an) wirklich deine Adresse?
Jan: Äh. (…) Ehrlich nicht? Ich habe nie geantwortet? Ich antworte normalerweise immer.
Moment. Ich dachte du wolltest mich verarschen, aber das ist ohne Scheiß deine E-Mail Adresse?
Jan: Ja, aber ich ändere das gerade um. Schreib mir einfach noch mal. Dann kucke ich mal nach.
Im Text zur neuen Platte steht: „Ist es ein Komödie? Ist es eine Tragödie? Ist es nur ein Fiebertraum? Wir wissen es selbst noch nicht so genau”, habt ihr euch nun entschieden?
Rick: Nee.
Wollt ihr euch überhaupt entscheiden?
Jan: Nee.
Wie ist das also mit dem neuen Titel, „Schall und Wahn”, wieder ein Literaturbezug, wie „Gegen den Strich” beim letzen Album. Wie kommt’s?
Rick: Wir verbinden einfach Dinge. Dirk liest einfach sehr viel und merkt sich so was einfach sehr gut. Er hat so ein fotografisches Gedächtnis für Literatur, das er dann mit anderen Dingen verwebt. Ich lese zum Beispiel über die Jahre hinweg immer wieder die gleichen Bücher. Klassiker eben. Fänger im Roggen, Einer flog übers Kuckucksnest, gerade etwas von Ian Stevenson—ein dickes Buch über Kryptographie. Jan sieht sich immer wieder gerne Monaco Franze an.
Monaco Franze?
Jan: Monaco Franze, ja, von Helmut Dietel. Das kann ich sehr empfehlen, sich das zehnmal anzusehen. Es sind zehn Folgen, also hat man das dann in hundert Stunden geschafft. Die Wiederholung ist etwas sehr schönes finde ich, besonders bei Kunst.
Okay. Aber dieses lyrische wird ja auch häufig kritisiert. Hier unser Review zu eurem vergangenen Album.
Die Review. Von Jan Müller und Rick McPhail genehmigt.
Jan: Ich glaube, ich kann hier beim Verfasser so eine gewisse Profilneurose diagnostizieren, aber irgendwie lese ich lieber so was, da es einen irgendwie auch stolz macht, wenn man es schafft, nach so vielen Jahren als Band noch immer zu polarisieren. Was ich sympathisch finde ist das Pubertäre an dieser Rezension.
Rick: Als Musikkritiker muss man ja auch subjektiv sein auf eine gewisse Art und Weise. So was ist besser als dieser Einheitsbrei in dem alles OK und mittelmäßig ist.
Jan: Das mit den vielen Worten bei uns ist ja auch eine Geschmackssache. Sachlich falsch ist das mit dem Wegbereiter für Bands wie Juli oder Silbermond. Von sowas haben wir uns klar distanziert. Da ist die Geisteshaltung schon sehr, sehr weit voneinander entfernt. Das mit dem Hype ist sachlich halt auch irgendwie Quatsch.
Okay. Wenn ihr die Wahl hättet; soll ich, dem euer Album sehr gefällt, das Ding rezensieren oder der gleiche Typ, der bereits Kapitulation rezensiert hat.
Jan: Du bist aber nicht er, oder?
Nein. Folgendes. Ich gebe euch zehn Punkte und schreibe, dass ihr DAS Album aller Zeiten-bis zur Apokalypse-gemacht habt, oder ihr lest etwas vom Profilneurotiker. Was soll es sein?
Jan: Ich sage mal, dass es eigentlich ganz egal ist, aber mal wieder zehn Punkte zu bekommen ist auch nicht schlecht. Aber ihr trefft die Entscheidung.
Rick: Ja, aber es gibt ja immer auch eine Erwartungshaltung des Lesers. Vielleicht erwarten das die Leser der Visions ja auch.
(…)
Jan: der Vice…
Gut. Letzte Frage. Nach dem Abschluss eurer Berlintriologie, meint ihr nicht auch, dass Berlin die grässlichste Stadt der Welt ist?
Rick: Ich mag sie nicht.
Jan: Ich ziehe jetzt bald wieder nach Berlin, aber nicht aus Überzeugung, sondern eher aus praktischen Gründen. Anstrengend steht da gegen sehr weite kulturelle Möglichkeiten.
Nein. Berlin ist grässlich.
Das neue Album “Schall und Wahn” erscheint am 22. Januar bei Rock-O-Tronic/Vertigo/Universal
More
From VICE
-

Robin Williams (Photo by Sonia Moskowitz/Images/Getty Images) -

(Photo by Jim WATSON / AFP via Getty Images) -

Seinfeld (Photo by FILES/AFP via Getty Images)
