Zur nächsten Einkaufsstraße zu gehen, dir eine glänzende Trainingsjacke zu kaufen, sie im Park tragen zu tragen und vielleicht ein gleichfültiges „Oh, das sieht ja toll aus” zu bekommen, ist ja schön und gut, aber wo ist das Drama? Wo ist die Aussage? Der niederländische Künstler Sander Reijgers hat es sich zur Aufgabe gemacht auf diese Kritik mit von ihm entworfenen Oberteilen zu antworten – als Teil seines Projekts “Kulturelle Kontraste im Symbolismus”.
VICE: Hey Sander, wie läuft’s?
Sander Reijgers: Gut, danke. Ich arbeite gerade an neuen Arbeiten für meine Soloausstellung in meiner Galerie.
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Cool, mehr Jacken?
Nein, ich arbeite an einem Werk aus Nägeln und Acrylfarben. Ich tunke die Nägel in die Farbe, lass sie trocknen und wiederhole das Ganze. Nach einem Monat Tunken bildet sich eine kleine Farbskulptur am Ende des Nagels. Ich kombiniere die Nägel mit Fußbällen, Baseballschlägern, Tischen, Stühlen, Schwertern, Besen, einfach mit allem.
Schwerter, wow. Was soll das alles?
Eigentlich ist es eine Reaktion auf meine Sexpuppen-Fußbällen. Irgendjemand redete auf einer Website über die Sexpuppen-Fußbälle und sagte, „Kunst sollte an einem Nagel hängen”. Laut diesem Typen kann Kunst nur etwas sein, dass man auch an eine Wand hängen kann, was ich wirklich witzig und inspirierend fand, weil das heißen würde, dass alles, was ich bist jetzt gemacht habe, keine Kunst ist.
Erzähl mir von deinem Projekt über kulturelle Kontraste im Symbolismus.
Die Idee hinter dem Projekt war, Symbole aus beidem, der westlichen Konsumgesellschaft und dem Osten, zu kombinieren. Nike ist ein ziemlich dominantes Symbol des Westens und der Macht der USA, während das Palästinensertuch ein Symbol für Palästina und die Muslime ist. Beides, Ideen aus Politik und Religion, zu kombinieren, ist interessant.
Bist du selbst Moslem?
Nein, ich bin kein Moslem. Einer zu werden, wäre vielleicht eine gute Idee für die Zukunft, allerdings… Aber ernsthaft, offensichtlich hat der Westen seit 9/11 Angst vor den Moslems. Ich bin nicht politisch engagiert, aber ein engagierter Künstler, der alles nutzt, was er um sich herum sieht. Ich finde es witzig, einen Filmstar oder Teenager zu sehen, der versucht ein Fashion Statement zu setzen, indem er ein Palästinensertuch trägt, während es gleichzeitig mit Terrorismus verbunden wird.
Wie wahr. Die Halstuchsache meine ich.
Die Jacken zu machen, war nicht genug. Ich wollte ein Photoshooting mit den Jacken, weil ich sonst auch nur ein weiterer Designer wäre, der das Palästinensertuch als Modeobjekt nutzt. Also hatte ich ein paar schwule Models, die die Jacken in ihren Schlafzimmern trugen. Ich fügte dem Mix aus Politik und Religion, Sexualität hinzu, einfach um die Dinge komplizierter zu machen.
Ha ha, Warum hast du schwule Jungs genommen?
Weil Muslime und Amerikaner Angst vor schwulen Leuten haben.
Keine Einwände.
Ich nutze Symbole und Klischees – Ängste der westlichen Welt und der östlichen Welt und verbinde diese in meinen Jacken. Die Jacke ist also gleichzeitig schön anzuschauen und ein Stück Kunst.
Yeah, ich wollte auch sagen, dass die Jacken wirklich gut aussehen und man sie tragen kann und zudem Kunst sind. Verkaufst du sie auch, oder sind sie eher Einzelstücke?
Ja, die Jacken stehen zum Verkauf, aber als Kunst. In der Zukunft würde ich sie gerne als Mode verkaufen, meine Arbeit billiger für die Öffentlichkeit machen und mehr Leute erreichen. Im Moment ist aber jede Jacke ein handgemachtes Unikat.
Hast du von Anfanf an mit Mode als Bestandteil deiner Kunst angefangen oder ist das eine neuere Entwicklung?
Nein. Ich habe eigentlich meinen Abschluss in Malerei an der Kunsthochschule gemacht, aber nach zwei Jahren wollte ich mehr in 3D arbeiten. Zunächst fing ich an, die Sexpuppenjacken zu machen, die mir eine Menge Inspiration für neue Projekte gegeben haben.
Yeah, was war deine ursprüngliche Intention beim Mama Anders Projekt?
Die Idee, etwas mit Gummipuppen zu machen, kam mir, nachdem ich das Buch The Malady Of Death von Marguerite Duras gelesen hatte. Der Protagonist ist außerstande, Gefühle für Menschen zu haben, also mietet er sich eine Frau, in der Hoffnung, dass der Sex mit ihr es ihm erlaubt, zu fühlen. Ich mache genau das Gegenteil mit meiner Arbeit. Ich entferne die Sexfunktion der Puppen, indem ich aus ihnen eine Jacke oder eine Tasche mache. Auf diese Art kann die Puppe durch normale, alltägliche Dinge fühlen, eher als durch Sex. Also ja, ich individualisiere Trainingsjacken mit Teilen der Sexpuppen—den Kopf, die Brüste, die Vagina, den Anus. Diese Puppen sind so hässlich und vulgär, dass es für mich eine Herausforderung geworden ist, sie in was Wunderschönes zu verwandeln.
Was bedeutet der Name deines Projektes genau? Vielleicht liege ich total daneben, aber ist Anders einer deiner Spitznamen? Und bedeutet Mama wirklich Mama?
Ja, genau. Anders ist mein Name, nur der erste Buchstabe ist zum letzten geworden. Also, Anders bedeutet “anders” auf holländisch und ja, du hast Recht, Mama bedeutet Mama in den Niederlanden. Ich habe Malerei studiert. Ich hatte keine Ahnung, wie man Kleidung macht oder wie man mit einer Nähmaschine arbeitet, also hat meine Mama mir bei den ersten Jacken geholfen. Das war lustig und merkwürdig zugleich, mit meiner Mutter und den Sexpuppen-Jacken zu arbeiten.
Mir ist aufgefallen, dass ein paar deiner Jacken richtig subtil sind—wie die eine, mit den unaufälligen Vaginas auf jeder Seite des Reißverschlusses—und manche viel eindeutiger. Gibt es dafür einen Grund?
Ja, manche Jacken sind expliziter, weil das die ersten waren, die ich gemacht habe. Zu der Zeit mochte ich den Schockeffekt, aber später wollte ich eher subtile Arbeiten, damit der Betrachter genauer hinsieht. Ich denke auch, dass die Jacken tragbarer sind, wenn sie subtiler wirken.
Ich hab gesehen, dass du die Jacken zu einer Laufstegshow mitgenommen hast, was steckt dahinter?
Naja, die Sexpuppen-Jacken waren zunächst als Witz gedacht, aber nach ein wenig medialer Aufmerksamkeit ist mir die Sache aus der Hand geglitten und ich hab mehr Jacken gemacht, hab Ausstellungen organisiert und ein paar Catwalk-Shows. Die Catwalk-Sache war lustig. Ich hatte ein paar schöne Shows, aber das ist nicht wirklich mein Ding, ich bin kein Modedesigner—Ich nutze Mode, um Objekte oder Bilder zu erzeugen.
Fantastisch, ich bin gespannt darauf, was du als nächstes machst. Ich finde, du solltest mit Jason Faulkner zusammenarbeiten, in irgendeiner konzeptuellen, auf Sex basierenden, Schneiderei.
JAMIE CLIFTON
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