Indie ist tot und wird von den Würmern gefressen. Die Generation iPod nämlich braucht keine einzelne Platte mehr, die braucht keine in hingebungsvoller Heim- und Kleinstarbeit produzierte Musik mehr—sie braucht viel und mehr und schnell und besser heute als morgen, dann wieder was Neues. Das ist nun schon ein paar Jahre lang zugleich Problem und Segen der Popkulturindustrie und sollte dich Download-Bastard wirklich nicht mehr schocken. Tribes aus Camden lassen sich davon genauso wenig beirren—auch wenn sie auf einem guten Weg sind, ihr eigenes Grab zu schaufeln. Ihre Atheistenkörper freuen sich sicherlich darauf, bald sinnlos tätowiertes Wurmfutter zu werden.
VICE: Ihr seid mit den Kaiser Chiefs auf Tour, habt Konzerte mit den Kooks gespielt, mit The Horrors, The Maccabees—diesen ganzen britischen Bands. Seid ihr eine typische, britische Band?
Johnny Lloyd: In unserer Musik und unserem Empfinden gibt es definitiv etwas Britisches, ja. Für uns ist aber Touren das Wichtigste, wir haben gerade unsere erste Headliner-Tour durch Großbritannien beendet. Versteh uns nicht falsch, wir spielen gerne als Vorband, aber eine eigene Tour ist natürlich besser.
Ihr bezeichnet eure Musik auch als „boom-gnarly“.
Alle: Hahaha. Nein!
Miguel Demelo: Scheiße, woher hast du das?
Gelesen. Was meint ihr mit „boom-gnarly“?
Johnny: Das haben Miguel und sein Bruder erfunden. Es war nur ein Witz und sollte niemals an die Öffentlichkeit gelangen.
Miguel: „Boom“ ist einfach cool und „gnarly“ bedeutet in so was wie krass, sehr extrem … eine Wortneuschöpfung.
Dann habt ihr jetzt die Möglichkeit, eure Musik neu zu definieren.
Johnny: Es ist britischer Rock’n’Roll mit unserer eigenen Note. Ja, wir haben Gitarren und werden die ganze Zeit mit anderen Bands verglichen, aber wir wollen ehrliche Rockmusik machen, die unabhängig von anderen besteht.
Blaine von den Mystery Jets hat euer „We Were Children” bereits gecovert.
Dan: Wir hatten das Demo überall hin verschickt und Blaine bekam eines in die Hände. Er wollte „We Were Children“ unbedingt bei Radio 1 zum Besten geben, bevor wir es überhaupt aufgenommen und bei irgendwelchen Shows gespielt hatten—ziemlich aufregend.
Wollt ihr eure Songs nicht erst mal selbst den Leuten präsentieren?
Johnny: Nein, wir waren froh, dass „We Were Children“ im Radio lief. Die Mystery Jets sind gute Typen, sie haben uns echt geholfen. Sie nahmen uns mit auf Tour und wir bekamen die Möglichkeit, selbst ins Studio zu gehen.
Bei welchen Songs sollte man nicht mal nur ans Covern denken?
Dan: Kommt immer darauf an, wer es spielen will, oder? Ich meine, „Yesterday“ ist der meist gecoverte Song aller Zeiten, nicht wahr?
Johnny: Viele Songs sollten niemals gecovert werden, aber das heißt noch lange nicht, dass es niemand tut.
Dan: Aber die ganze Folkmusik geht doch darauf zurück. Früher wurden Songs mündlich weitergegeben und nicht aufgenommen—nur so konnten die Lieder die Zeiten überdauern. Deswegen kann ich am Covern überhaupt nichts Schlimmes finden.
Johnny: Wir machen so was aber nicht. Covern bringt dich im Leben nicht weiter—jedenfalls uns in unserer Position nicht.
Ihr habt Regional Tribes ins Leben gerufen, wodurch euch Privatpersonen bei der Albumpromo unterstützen können.
Dan: Es ging da eher um die ganz jungen Leute. Sie schickten uns E-Mails und wollten an unserer Geschichte Teil haben—kamen aber bei unseren Gigs wegen ihres Alters nicht in die Clubs. Wir haben dann für sie Hauspartys geschmissen. Es ist eher so, dass die Jugendlichen mit uns in Kontakt treten wollen und uns danach fragen, wie sie helfen können, als dass wir versucht hätten, sie anzuheuern.
Euer Video zu „Sappho“ spielt auch auf einer Hausparty.
Dan: Unser Budget war ziemlich gering, deswegen organisierten wir für unsere Freunde eine Feier. Wir hatten sowieso eine Transen-Party geplant—da haben wir uns einfach eine Kamera geschnappt und das Ganze gefilmt.
Und der Text handelt von lesbischer Liebe?
Johnny: Sappho war diese griechische Dichterin aus Lesbos, mir gefiel der Name. Das Thema ist Erwachsen werden, frei sein und dass du mit deinem Leben einfach das tun solltest, was du willst—nicht das, was deine Eltern, deine Lehrer oder die Gesellschaft von dir verlangen.
Eure Songs drehen sich häufig auch um das Thema Tod.
Johnny: Das zeigt unsere Abneigung gegenüber Religion. Ein Freund von uns ist leider gestorben und wir mussten uns Gerede von Leuten anhören, die sich durch die Religion eine Art Selbstschutz aufgebaut haben—damit stimme ich überhaupt nicht überein. Ich glaube nicht an Gott.
Kein Paradies für Tribes?
Jim: Nein! Wir werden zu Würmerfraß.
Johnny: Physik hält die Welt am Laufen.
Dan: Wir akzeptieren es zwar, wenn andere Leute an Gott und alles glauben, denken aber selbst sehr rational.
Johnny: Religion kann bei einigen Leute echt tolle Dinge erzeugen, hat aber auch schon sehr schlechte Sachen hervorgerufen. Wir wollen kein Teil davon sein. Durch den Tod unseres Freundes wurde es aber zu einem Bestandteil unseres Lebens—damit waren wir nicht gar einverstanden. Davon handeln die Songs.
Dan: Ich finde, es ist heutzutage sehr schwer, in Religion einen Nutzen zu sehen. Aber ich denke, wir sind eigentlich auch nicht in der Position, zu beantworten, wie es nach dem Tod mit den Menschen weiter geht. Wir schreiben Songs und machen Musik—die Leute sollen sich dann selber überlegen, welche Bedeutung sie den Titeln geben.
In „We Were Children“ singt ihr über Riot-Kids der 90er.
Johnny: Es geht um Reue—darum, dass dir rückblickend betrachtet sehr leid tut, was du als Jugendlicher getan hast.
Jim, wurdest du nicht als 12-Jähriger wegen Betrugs verhaftet?
Jim: Na ja, man kann als 12-Jähriger nicht wirklich ins Gefängnis kommen … aber ja, ich wurde festgenommen. Haha.
Dan: Und ich habe Miguel auf einer Party vor Jahren den Geldbeutel geklaut. Also, ich wusste damals nicht, dass es seiner war—das haben wir Jahre später herausgefunden. Ich war ein Bastard.
Und was ist an der Juliette-Lewis-Tattoo-Geschichte dran, Johnny?
Johnny: Die ist wahr! Willst du mal sehen?
Du warst also mit ihr saufen, meinetwegen. Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du nicht gemerkt hast, wie dir jemand den Oberarm tätowiert.
Johnny: Es ist wirklich, wirklich wahr! Wir spielten mit ihr zusammen einen Gig und sie wollte noch in einen Tattooladen und ich bin wohl mit—ich kann mich nicht erinnern.
Jim: Aber ich erinnere mich daran! Es war drei Uhr morgens und wir hatten seit fünf Tagen nur getrunken.
Johnny: In dieser Nacht ist eine Menge passiert! Jimmy trägt seitdem auch ein Tattoo.
Jim: Schau her! Ich bin aufgewacht und auf meinen gesamten Körper stand mit Edding „Fire and Wind“ geschrieben—das eine hier war dann nicht nur Marker.
Dan: Ich hab meine Adresse als Tattoo auf den Oberarmen gefunden, schau! Was für eine Nacht! Ich kann mich noch an den Typen erinnern, der uns tätowiert hat. Er hatte einen Nintendo Controller auf die Stirn tätowiert.
Miguel: Was? Ach komm schon!
Dan: Doch, wirklich! Ich hab irgendwo ein Foto von ihm—an den Namen kann ich mich leider nicht erinnern. Es existiert auch ein Foto von Johnny in diesem Tattooladen!
Johnny: Also, ich hab geschlafen. Haha.
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