Und Athen schon wieder

Noch mehr Fotos und Videos von den Ausschreitungen in Griechenland.

Leute zu finden, die ein paar Sätze darüber schreiben, was gestern in den Straßen von Athen abging, war ziemlich schwer. Die Hälfte der Anrufe, die wir gemacht haben, wurden mit viel Gejammer beantwortet. „Ich weiß nicht, Mann“, haben sie gesagt. „Ich bin irgendwie müde/verängstigt/verletzt/kann nicht atmen.“ Zum Glück haben wir einen Demonstranten gefunden, der zugestimmt hat, sich hinzusetzen und ein paar Worte zu schreiben, während Tränengas durch seine Fenster reinströmte.

Videos by VICE

athens street scene 5 take 1 from Theo Prodromidis on Vimeo.

Jede Erinnerung, die ich an gestern habe, ist ein wenig verschwommen, weil die ganze Erfahrung extrem verwirrend war. Ich tue mein Bestes, um das alles verständlich zu halten.

Ich brauchte ein paar Massenszenen für einen Film, an dem ich gerade arbeite. Also hab ich mich mit meinem Freund Giorgos getroffen, der Schauspieler ist, um diese auf dem Syntagma-Platz zu drehen. Wir haben mein Haus in Exarcheia verlassen und waren um ca. 2.30 Uhr beim Platz. Inzwischen hatte sich der Großteil der Menge aufgelöst, also waren im Grunde nur noch Extremisten da, die gegen die Polizei kämpften. Molotowcocktails und Tränengasbomben haben sich über unseren Köpfen getroffen und die Randalierer haben Marmorsteine auf die bewaffneten Polizisten geworfen.

Wir sind in die Gegend weitergezogen, wo die ehemaligen Parlamentsgebäude stehen. Die Straßen waren voll mit normalen Leuten („Indignados“) und Streikenden, die von den Sondereinsatzkräften eingekesselt waren. Irgendwann wurde es den Truppen langweilig, Tränengas nach uns zu werfen und sie drängten unsere Gruppe langsam in Richtung Klafthmonos-Platz. Wir dachten, wir würden da ein bisschen rumstehen und unsere nächsten Schritte planen, aber es war sinnlos. Giorgos konnte wegen des Gases nicht aufhören zu weinen und die anderen haben sich wie wild Zitronensaft unter die Augen geschmiert (Zitronensaft macht das Tränengas ein bisschen weniger grausam).

Die verrückteste Sache gestern waren die Blockaden. Du konntest nirgendwo hingehen – die Polizei hat jede Ecke und jede Straße eingenommen und jeden zusammengeschlagen, der ihnen in den Weg kam. Inmitten von all dem haben pakistanische Einwanderer griechische Flaggen verkauft – und Taucherbrillen für diejenigen, die keine eigenen Gasmasken mitgebracht hatten.

Wir sind ohne bestimmtes Ziel herumgeschlendert, haben hier und da ein paar willkürliche Schlägereien beobachtet, als auf einmal eine Horde  Motorräder hinter einem Kaufhaus hervorkam, uns umzingelte und anfing, die Menge ohne Grund anzugreifen. Einer von denen, ein Riese, stieg von seinem Bike und kam mit erhobenem Schlagstock auf uns zu. Zum Glück hatte ich einen Presseausweis von einem Filmfestival dabei, auf dem ich kürzlich war. Ich hab damit vor seinem Gesicht rumgewedelt und obwohl ich Videos davon gesehen habe, wie Polizisten vorsätzlich Journalisten schikanieren, ist er in dem Moment, wo er den Ausweis gesehen hat, umgedreht, hat sich auf sein Motorrad gesetzt und ist weggefahren.

Wir gingen auf die Karageorgi-Servias-Straße. Dort sahen wir noch mehr Schlägereien und noch mehr Blockaden. Weil wir genug davon hatten, beschlossen wir, in einem nahegelegenen Gebäude Zuflucht zu finden. Das war ziemlich heftig. Ich traf ein paar Freunde, die vom ganzen Rumlaufen, den Schlägen und den Chemikalien total fertig waren.

Für mich war‘s das an sich. Ich bin nach Exarcheia zurückgefahren, hab ein Bier getrunken und mir Lahmacun geholt. Später, als ich heimkam und anfing, an dem aufgenommen Material zu arbeiten, hörte ich einen Knall und sah Flammen, die direkt an meinem Fenster hochschossen. Ich wohne in der Bouboulinas-Straße, wo normalerweise der Hauptwagen der Bereitschaftspolizei parkt. Jetzt war der große Wagen weg und ein paar kleinere hatten seinen Platz eingenommen. Anarchisten hatten sie mit einer Bombe beworfen. Wie erwartet haben die Polizisten mit Tränengas zurückgeschlagen, das durch die Ritzen in meinem Fenstern sickerte, während ich geschlafen habe. Als ich aufgewacht bin, haben meine Nasenlöcher immer noch gebrannt.

FOTOS: ACROPOLIS NOW

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