48 Stunden in Oslo

Am Freitagnachmittag erschütterte eine laute Explosion die Fenster in der Osloer Innenstadt und warf uns aus unseren Stühlen. Wir rannten auf die Straße und befanden uns plötzlich in einem unübersichtlichen Gewirr aus Trümmern und Rauch. Polizisten riefen den Leuten zu, zu rennnen.

Wir fanden Schutz in einem unterirdischen Fitness-Studio in Oslos Kvadraturen-Stadtteil, bis uns jemand sagte, dass im Regierungsviertel eine Bombe detonierte und viele Menschen verletzt wurden, tot sind oder noch immer am Ort des Anschlags festsitzen. Plötzlich war jeder in unserem Versteck ein Terrorexperte, CIA-Agent oder Journalist und meinte, dass radikale Islamisten unsere Stadt angegriffen hätten. Dann erreichten uns über Twitter die ersten Nachrichten über die Kinder auf der Insel Utøya.

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“Ich bin angeschossen. Ruft mich nicht an. Wir verstecken uns.“ Wir hörten von einem Mann in einer Polizeiuniform, der wild auf der Insel um sich schoss. Ein paar Stunden später gab es die ersten Interviews mit den verstörten Kindern von der Insel, die berichteten, dass der Mann weiß war und mit einem Osloer Akzent spracht. Wir nahmen uns ein Taxi nach Hause und versuchten irgendeinen Sinn und Zusammenhang zwischen diesen Infos und al-Qaida herzustellen.

Um zehn Uhr Abens bestätigte der norwegische Justizminister, dass der Amokschütze wirklich aus Norwegen stammte. Ein paar Stunden danach sahen wir die ersten Bilder des Terroristen, auf denen er seinen Kragen hochgeklappt hatte. So sah definitiv kein Jihadist aus, sondern jemand der aus dem Westteil Oslos stammte, dieselbe Schule wie jemand von uns besucht hat, Trance hört (Armin van Buuren), World of Warcraft spielt und der mit 76 Toten das bis dato schlimmste Massaker in Norwegen seit dem zweiten Weltkrieg verbrochen hat.

Am Tag darauf gingen wir in die Innenstadt um uns die Schäden anzusehen.

Als wir dort ankamen sahen wir erst einmal diese beiden jungen Soldaten, die wie viele andere die Straßen patrouillierten.

Man war bereits dabei das zerbrochene Glas vor dem Folkets Hus (Das Haus des Volkes) zu beseitigen.

Dieser Typ kontrollierte Leute am Eingang des Finanzministeriums, wo am Freitag um 15:26 Uhr eine Bombe aus Kunstdünger und Benzin explodierte. Laut der Polizei sollen noch weitere Sprengsätze in den umliegenden Gebäuden platziert worden sein, doch sie explodierten nicht.

Ein Wagen der Armee parkte vor einem Café im Stadtzentrum, dass normalerweise total überfüllt ist und zu unseren Lieblingsorten zählt.

Wir trafen einen Typen, der meinte, dass ihm ein Freund eine Nachricht geschickt hätte, dass dieser vor einem Monat oder so einen Typen gesehen hat, der vollkommen irre schrie: „Diesen Sommer wird es passieren, ich bin nicht geisteskrank, aber wir sind mit den Amerikanern in Afghanistan!“ Dann sprang er wohl auf ein Fahrrad und fuhr vollkommen verwirrt davon.

Das Büro der Arbeiderpartiet war 500 Meter vom Ort des Anschlags entfernt, doch die Fassade war dennoch zerstört.

Das ist das Finanzministerium. Die Bombe explodierte direkt dahinter.

Die Explosion war so gewaltig, dass sie selbst in einem halben Kilometer Entfernung das Tor einer Garage aus der Fassung riss.

Dieses Fotos machten wir in der Innenstadt von Oslo von einer Wohnung im Stadtteil Grønland.

Das ist Tore, ein 28 Jahre alter Journalist aus Grønland. Er war am Freitag eben erst aufgewacht undmachte  sich gerade Frühstück, als er die extrem laute Explosion hörte. Als erstes nahm er an, dass es Donner gewesen sei, doch dann wackelte seine Wohnung und alles füllte sich mit Rauch. Er blickte aus dem Fenster und sah, dass das Regierungsviertel zerstört war.

Als er herausfand, dass der Terrorist kein radikaler Islamist war, überraschte ihn das nicht besonders. Er meint, dass es im Moment eine Menge Leute mit rechtsradikalen Ansichten in Norwegen gibt und diese nicht so organisiert wären wie im restlichen Europa, was sie noch mehr zu Außenseitern machen würde. Zudem meinte er, dass es in Norwegen sehr leicht sei sich absolut nutzlos vorzukommen, wenn man sein Glück nicht in den normalen Dingen wie Familie oder einem Job findet.

Außerdem meinte er, dass die Regierung besser aufpassen und sich nicht vollkommen auf islamistische Terrororganisationen fokusieren sollte. Ich schätze mal, dass sie das nun tun werden, aber trotzdem frage ich mich, wie man sich auf einen Anschlag diesen Ausmaßes hätte vorbereiten sollen.

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